Olympia-Massaker 1972: Göttinger Sporthistoriker stellt unglaubliche These auf:

"Israels Sportler opferten sich freiwillig"

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Thomas Frankenfeld

Empörung bei Israels Botschaft und Wissenschaftlern: "Eine Form von Antisemitismus." Uni berät Konsequenzen.

Hamburg. Es war eine der dunkelsten Stunden der deutschen Nachkriegszeit: Am 4. September 1972 überfiel ein palästinensisches Terror-Kommando die Unterkunft der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen in München und nahm Geiseln. Ein dilettantischer Versuch der Geiselbefreiung seitens der deutschen Polizei endete in einem Desaster: Elf Israelis, ein deutscher Polizist und fünf Terroristen starben im Kugelhagel. Es war das blutige Ende der "heiteren Spiele".

Fast 36 Jahre nach diesem Trauma hat ein deutscher Professor die These aufgestellt, die Israelis hätten von dem bevorstehenden Anschlag gewusst und seien freiwillig in den Tod gegangen, um "der Sache Israels zu nutzen". Wohl, um die Schuld Deutschlands gegenüber dem jüdischen Staat zu verstärken.

Wie "Spiegel Online" berichtete, hat der Sporthistoriker Arnd Krüger, Direktor des sportwissenschaftlichen Instituts der Universität Göttingen, seine "unbelegten Märtyrerthesen" mit einem Hinweis auf das "unterschiedliche Körperverständnis" in Israel zu untermauern versucht. Krüger erklärte auf der Jahrestagung der Sektion Sportgeschichte der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), dass auch die Abtreibungsrate in Israel höher sei als in anderen westlichen Staaten und dass Israel versuche, "Leben mit Behinderungen mit allen verfügbaren Mitteln zu verhindern".

Krügers Äußerungen sorgten in Deutschland und Israel für einen Aufschrei der Empörung. "Diesen unbelegten Unsinn muss man als solchen brandmarken und den Mann in der Zunft isolieren", forderte der in Tel Aviv geborene deutsche Historiker und Politologe Michael Wolffsohn, Professor an der Universität der Bundeswehr in München. "Hier ist die Wissenschaft ganz offensichtlich verlassen worden. Im Grunde handelt es sich um die klassische antisemitische These, nach der die jüdischen Opfer selber schuld sind, wenn sie liquidiert werden." Er sei über das Wochenende "wütend und verzweifelt" über Krügers Thesen gewesen, sagte Israels stellvertretender Botschafter in Berlin, Ilan Mor, dem Abendblatt und forderte: "Wenn Krüger seine Behauptungen nicht beweisen kann, soll er die Konsequenzen daraus ziehen." Die Juden seien freiwillig in den Tod gegangen - "ja kann man denn unter dem Deckmantel der Freiheit der Wissenschaft wirklich alles sagen, ohne die Konsequenzen ziehen zu müssen?" Wie Wolffsohn hält auch Ilan Mor die Äußerungen des Professors für eine "Form des aufflackernden Antisemitismus". Er verlangt ein scharfes Vorgehen der deutschen Politik und der Universität Göttingen gegen Krüger.

Deutliche Worte findet auch der Berliner Publizist Rafael Seligmann: "Wenn diese Äußerungen so gefallen sind, halte ich sie für mit das Empörendste, was ich je im Nachkriegsdeutschland über Juden gehört habe. Ich bin wirklich nicht sehr empfindlich, aber das ist ja eine Entmenschlichung. Dass die Israelis freiwillig gestorben sind - das ist intellektuelle Selektion, falls man bei so einem Menschen überhaupt von intellektuell sprechen kann." Auf die Frage, wie Krüger auf seine These gekommen sein mag, erwidert Seligmann: "Da müssen Sie seinen Psychiater fragen." Um Antisemitismus gehe es gar nicht, sagte Seligmann dem Abendblatt, "das ist einfach unmenschlich. Es würde mich genau so ärgern, wenn er das über Iraner, Dänen oder Homosexuelle gesagt hätte".

Auch die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaften reagierte betroffen auf den Eklat. "Es handelt sich um einen sehr ernsten und schwerwiegenden Fall", erklärte dvs-Präsident Bernd Strauß auf der Website der Vereinigung. "Antisemitismus und Rassismus haben keinen Platz in der dvs." Die Vorwürfe würden sorgfältig geprüft.

Der Sprecher der dvs-Sektion Sportgeschichte, Professor Michael Krüger von der Universität Münster, erklärte in einem offenen Schreiben an die Teilnehmer der Tagung, Arnd Krüger habe eine "sehr gewagte These formuliert. Leider hat sich in dem Vortrag selbst dann die Erwartung nicht erfüllt, dass diese These auch durch verlässliche Quellen belegt wurde."

Am Donnerstag und Freitag dieser Woche will sich das dvs-Präsidium mit dem Fall befassen und "über angemessene Konsequenzen beraten". Eines steht schon fest: Der Vortrag von Krüger wird nicht im dvs-Jahresband veröffentlicht, und Arnd Krüger wird auch nicht, wie ursprünglich vorgesehen, als Mitherausgeber fungieren.

Krüger zeigte sich von der Reaktion auf seine Thesen "überrascht". Er sei selber Zeitzeuge, da er Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft gekannt habe. Krüger betonte: "Ich bin mit Sicherheit kein Antisemit."