Ostsee: Wie viel Tourismus verträgt die Natur? Der Streit um ein Insel-Paradies in Mecklenburg-Vorpommern

Noch fünf Tage Frist für den Einsiedler von Wustrow

Warum der Kunstprofessor Günther Uecker sein Häuschen auf der Ostseehalbinsel räumen muss.

Rerik / Wustrow. Der Bürgermeister ist auf die Presse nicht gut zu sprechen. Immer wenn ein Zeitungsartikel zum Thema Wustrow erschienen sei, habe das "zu weiteren Verstimmungen" geführt, sagt der 49-Jährige schlecht gelaunt. Und dass er nur noch mit Dementis beschäftigt sei!

Wolfgang Gulbis war schon Bürgermeister von Rerik, als die Kölner Fundus-Gruppe 1998 die Ostsee-Halbinsel Wustrow kaufte. Dass Fundus von der Treuhand den Zuschlag erhielt, hat Gulbis schon damals nicht gepasst. Inzwischen ist das Verhältnis zwischen Käufer und angrenzender Kommune völlig vereist. Die Gemeinde hat die Zufahrt zur Halbinsel für den Autoverkehr gesperrt, im Gegenzug lassen die Fundus-Leute den großen Zaun, den sie gezogen haben, rund um die Uhr bewachen. Seitdem herrscht Stillstand der Rechtspflege. Nichts geht mehr. Das schöne Fischerstädtchen liegt vor der Halbinsel wie ein Korken im Flaschenhals.

Gulbis gibt sich gelassen. Wirtschaftlich sind seine 2546 Reriker auf die Entwicklung Wustrows ja nicht angewiesen. Sagenhafte 500 000 Übernachtungen pro Jahr spülen genug Geld in alle Kassen. Ein bisschen bitter findet es der eine oder andere allerdings schon, dass er in See stechen muss, wenn er seinen Feriengästen das Wustrower Naturschutzgebiet zeigen will, in dem inzwischen wieder Seeadler nisten. Zehn Euro kostet die Touristen dieser Törn vom Salzhaff zur Seeseite und zurück. Wer wissen will, wie es nach dem langen Dornröschenschlaf auf Wustrow aussieht, muss zum Fernglas greifen.

Gar nicht gut sieht es "drüben" inzwischen für die Gartenstadt aus, die der Dresdner Reformarchitekt Heinrich Tessenow 1933 im Auftrag der Nazis entwarf, die Wustrow als Erste dichtmachten. Im Dritten Reich wurde auf der Halbinsel, die zuletzt der Familie Plessen gehört hatte, Deutschlands größte Flak-Artillerie-Schule errichtet. 3000 Soldaten waren damals auf Wustrow stationiert, Tessenows Häuser, inklusive Kino und Kasino, blieben den Offizieren vorbehalten. Von Zeit zu Zeit schauten Hitler und Göring vorbei, um Gästen wie Mussolini auf Wustrow die neueste Technik für den geplanten Luftkrieg vorzuführen. Nach ihnen kamen die Sowjets. Sie brachten 2300 Panzer mit. Ab 1949 war Wustrow wieder militärisches Sperrgebiet.

Als die letzten Russen 1995 abzogen, wurde die Gartenstadt unter Denkmalschutz gestellt. Jetzt verfällt sie, und Peter Sähn, Projektkoordinator der Fundus-Gruppe, erklärt im Gespräch beiläufig, dass es "eine naheliegende Vermutung" sei, dass man die hundert weißen Häuser abreißen werde. Die Grundrisse werde man aber bei der Neubebauung auf jeden Fall berücksichtigen. Als ob das ein Trost wäre. Bürgermeister Gulbis gibt rückblickend zu, dass es ein Fehler gewesen sei, den Denkmalschutz zugunsten einer besseren Verkäuflichkeit aufzuheben. "Da war der Landkreis wohl etwas naiv." Stimmt. Man hätte es wissen können. Schon im Kaufvertrag war ja "gegebenenfalls" von Ersatzbebauung die Rede.

Fundus hat Wustrow für umgerechnet 7,55 Millionen Euro gekauft. Das scheint wenig, aber Peter Sähn rechnet vor, dass sein Unternehmen allein in die Infrastruktur 20 Millionen Euro investieren muss. Insgesamt hat sich Fundus 1998 zu einer Mindestinvestition von 45 Millionen Euro verpflichtet. Ein 150-Betten-Hotel soll entstehen, außerdem wollen die Kölner luxuriöse Ferien- und Eigentumswohnungen für 2000 erholungsbedürftige Besserverdiener errichten, dazu einen seeseitigen Yachthafen und einen Golfplatz.

Bei diesen Zahlen kommt Wolfgang Gulbis gleich in Rage. "2000 Betten? Dass ich nicht lache!" Der Bürgermeister tippt wütend an seinem Computer herum und sagt dann triumphierend: "Haben Sie eine Vorstellung, was eine Bruttogeschossfläche von 230 000 Quadratmetern umgerechnet bedeutet? Mindestens 10 000 Betten!" Gulbis lacht gallig. Die Reriker, sagt er, hätten nicht vor, sich das, was sie sich seit der Wende aufgebaut hätten, durch eine nicht abreißende Verkehrslawine kaputt machen zu lassen! Aber hat uns Peter Sähn nicht gerade erzählt, dass Fundus sich inzwischen eine alternative Verkehrserschließung vorstellen könnte? Mit Parkplätzen außerhalb der Stadt und einem Shuttle-Service? Gulbis wirkt einen Moment wie vor den Kopf geschlagen. "Da wissen Sie mehr als ich." Und meint dann: "Es ist doch merkwürdig, dass die gar nicht über den Flächennutzungsplan mit uns reden wollen." Pause. "Oder auch nicht. Nach allem, was man so hört, ist die Situation ja wohl nicht so, dass die Millionen gleich fließen könnten."

Peter Sähn hält für die lange Verzögerung eine andere Erklärung bereit: Sein Unternehmen sei noch mit der Fertigstellung des zwanzig Kilometer östlich gelegenen Heiligendamm-Projekts beschäftigt. Bei den Gerüchten, Fundus habe Wustrow nur gekauft, um sich eine Konkurrenz zu Heiligendamm vom Hals zu halten, handele es sich um böswillige Unterstellungen. "Wir werden Wustrow entwickeln, da können Sie sicher sein!"

Vorher wird allerdings erst mal einer auf Wustrow abgewickelt: Günther Uecker. Ein deutscher Künstler von Weltrang. Es kann eben der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Der böse Nachbar sitzt in diesem Fall im zuständigen Landratsamt und heißt Wolf-Peter Polzin. Polzin ist es offenbar schon lange ein Dorn im Auge gewesen, dass Pour-le-Merite-Ordensträger Uecker 2002 dank höchster Fürsprache eine Hütte auf der Halbinsel aufstellen durfte. Einen schlichten kleinen roten Kubus, in dem er von Zeit zu Zeit ein paar Tage arbeitete. Als die mithilfe des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau erwirkte Ausnahmegenehmigung auslief, schickte Polzin dem Kunstprofessor aus Düsseldorf einen bösen Brief. Tenor: Reißen Sie die Bude sofort ab, sonst brummen wir Ihnen eine Geldstrafe von 500 000 Euro auf! "Fünf Jahre Inspiration", ätzte der für den Naturschutz zuständige Sachgebietsleiter öffentlich, "müssen auch für einen Professor genug sein. Das Gesetz gilt für alle, Prominenz ist kein Kriterium." Wenn man jetzt nicht durchgreife, so Polzin, kämen womöglich noch andere auf die Idee, dasselbe Privileg für sich zu fordern!

Seit Günther Uecker auf der Insel ist, ist das allerdings noch keinem eingefallen. Wie auch. Wer nach Wustrow will, braucht einen Schlüssel zum Tor, und den hat Fundus-Chef Anno August Jagdfeld Günther Uecker persönlich überreicht. Heute versteht Uecker die Welt nicht mehr. Er habe viele seiner Konzepte auf Wustrow entwickelt, sagt er wehmütig. In diesem Rest-Paradies, wo er seine künstlerische Ausdruckskraft aus der Destruktion des alten Zaubers ziehe, der ihn hier umfange.

Uecker hat auf Wustrow seine Kinder- und Jugendjahre verbracht. Erst in der Gartenstadt - der Vater war Techniker bei der Wehrmacht - und von 1945 bis 1949 auf dem Bauernhof, der zum Gutshaus gehört hatte.

In diesen unwiderruflich letzten Tagen - laut letztinstanzlichem Gerichtsurteil muss Ueckers Hütte bis zum 15. Juni "zurückgebaut" sein - ist ein Arte-Team auf der Insel, um den Künstler zu porträtieren. Bei den Dreharbeiten kommen schlimme Erinnerungen hoch. An den gewalttätigen Vater, an den Tag, an dem die Russen die Mutter vergewaltigten, an den heißen Juni 1945, in dem die See die Toten der "Cap Arcona" freigab. "Sechs Wochen, nachdem die Engländer das Schiff versenkt hatten, war der Strand voller Leichen." Auf Befehl der Russen musste der Fünfzehnjährige mit zwei anderen Jungs die Toten verscharren.

Uecker sagt, dass er nicht zurückkehren wird, wenn er die Insel jetzt verlassen muss. Auch dann nicht, wenn ihm Fundus im Rahmen der Erschließung einen Platz anbieten sollte. "Das ist ja wie mit 'ner Scheidung. Danach noch mal zusammen ins Bett? Das geht ja nicht. Gar nicht! Aus!" Günther Uecker ist allerdings fest entschlossen, die Hütte nicht selbst abzureißen. "Das kann der Landrat machen", meint er im Ton tiefster Verachtung, "und mir dann die Rechnung schicken."

In Sachen Uecker sind sich die Reriker und die Fundus-Leute übrigens ausnahmsweise einig. Der störe doch keinen, sagen beide Seiten. Im Gegenteil. Viele Künstler seines Kalibers habe Mecklenburg-Vorpommern ja nicht gerade zu bieten.

Das hat sich bis ins Landratsamt aber offenbar noch nicht herumgesprochen.

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