Bevölkerung: Nirgendwo in Europa ist der Frauenmangel so groß wie in den neuen Bundesländern

Ist Mann im Osten bald allein?

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Irene Jung

Bessere Jobs, bessere Netzwerke, bessere Partner: Warum es die jungen Frauen in den Westen zieht.

Mehr als 1,5 Millionen Menschen haben die neuen Bundesländer seit dem Fall der Mauer verlassen - unter ihnen überproportional viele junge Frauen. Diese starke Frauen-Abwanderung hat zu "einer prekären Situation" und zu einer "sehr ungewöhnlichen Geschlechterverteilung" geführt: zu "einer neuen Unterschicht schlecht gebildeter junger Männer". Das erläutert eine neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die gestern in Berlin vorgestellt wurde.

"Dieser Frauenmangel ist europaweit einzigartig", sagte der Mitautor der Studie "Not am Mann", Reiner Klingholz. "Selbst Polarkreisregionen im Norden Schwedens und Finnlands reichen an die ostdeutschen Werte nicht heran." Noch schlechter gehe es nur den Männern auf einigen einsamen griechischen Inseln.

Die Forscher haben für die Entwicklung ein ganzes Bündel an Ursachen ausgemacht. Erstens: Der Verlust von Arbeitsplätzen habe vor allem in den peripheren Regionen Ostdeutschlands ohnehin eine Massenabwanderung verursacht. Die verbleibenden Arbeitsplätze, vor allem im Dienstleistungssektor, seien vor allem durch Frauen aufgefüllt worden. Deshalb sei heute die Arbeitslosigkeit bei jungen Männern höher als bei den Frauen. "Der potenzielle Wanderungsdruck müsste demnach vor allem die Männer zum Fortzug bewegen", so die Studie. Viele Männer wandern auch ab - aber ihre Rückkehrerquote sei weit höher als die der abgewanderten Frauen.

Zweitens: Die "Hauptursache" für die überproportionale Frauenabwanderung sei "in den enormen Bildungsunterschieden der Geschlechter" zu suchen, so die Studie. Der Vorsprung der Mädchen mit besseren Schulabschlüssen vor den Jungen sei im Osten sogar noch deutlicher als im Westen. Deshalb suchten sie gezielter nach perspektivreichen Jobs - und im Westen sind die Einkommen durchweg höher.

Dabei üben die Forscher deutliche Kritik an allgemeinbildenden und Grundschulen, auch am "Festhalten an einem traditionellen Rollenbild bei Eltern, Erziehern und Jugendlichen" im Osten, bei dem höhere Bildungsabschlüsse für Jungen oft nicht als nötig erachtet würden. "Als Reaktion auf berufliche Perspektivlosigkeit" bilde sich dann gerade unter Jungen eine Schicht heraus, deren Mitglieder "sich mit minimalen Bedürfnissen einrichten und am gesellschaftlichen Leben kaum mehr teilnehmen".

Drittens: Die Bildungsunterschiede wirken sich auf die Partnerwahl aus. Junge Frauen orientieren sich gen Westen, weil sie hoffen, dort eher einen Partner auf sozial- und bildungsgleicher Stufe zu finden. Es fehle im Osten "schlicht an Männern, die den Ansprüchen der Frauen genügen würden".

Insgesamt, so die Studie, sind Frauen im Osten mobilitätswilliger als Männer: Gerade die unter 30-jährigen Frauen haben strukturschwache Regionen verlassen. Der Abwanderungsverlust der neuen Länder gegenüber den alten seit 1991 ist bei den Frauen (-591 364) größer als bei den Männern (-411 348), bestätigt das Statistische Bundesamt. In der Folge fehlen im Osten seit 1991 potenzielle Mütter. Auch Frauen-Netzwerke, Kinderbetreuung und Schulplätze brechen weg - sodass noch mehr junge Frauen lieber gehen. Der stellenweise dramatische Frauenmangel (mit unter 80 Frauen zu 100 Männern in einigen Regionen) könne dann auch politische Folgen haben, etwa "im Zusammenhang mit rechtsextremem Wahlverhalten" als Protesthaltung.

Die Forscher plädieren nicht nur dafür, bisherige Beschäftigungsprogamme im Osten auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Auch in Bildungswegen, Jungen-, Eltern- und Sozialarbeit müsse neu umgedacht werden.

(Die Studie "Not am Mann": www.berlin-institut.org)
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