Was Muslime essen - mit Stempel aus Hamburg

"Das esse ich am liebsten", sagt der kleine Said und zeigt auf die Packung mit Rindlfeischwurst, gewürzt mit Paprika.

Hamburg. "Das esse ich am liebsten", sagt der kleine Said und zeigt auf die Packung mit Rindlfeischwurst, gewürzt mit Paprika. "Die kauft meine Mama mir immer." Der acht Jahre alte Junge kennt das Land Afghanistan, aus dem seine Eltern vor acht Jahren nach Hamburg kamen, nicht mehr. Aber in diesem Supermarkt, im Linden-Bazar in Hamburg-St. Georg an der Böckmannstraße, umweht ihn zumindest der Duft orientalischer Basare, und seine Muttler Alwine findet für ihre Familie das Essen, das sie aus der Heimat kennt und das Muslimen erlaubt ist. Halal - das Zulässige - muss es sein. Für Muslime vor allem verboten sind Alkohol und Schweinefleisch.

Sure 5, Vers 3 im Koran besagt genauer: "Verboten ist euch das Verendete sowie Blut und Schweinefleisch und das, worüber ein anderer als Allahs Name angerufen wurde . . ."

Der Griff zu den Gummibärchen wäre damit für Said nicht unbedingt erlaubt. Sie könnten aus Schweinegelantine hergestellt sein, und seine Lieblingswurst könnte falsch geschlachtet sein. Nur ein kleiner Stempel auf dem Etikett mit einem "Halal" in der Mitte verrät, dass alles in Ordnung ist. Seit fünf Jahren garantiert das Europäische Halal Zertifizierungsinstitut (Euro Halal) als nach eigenen Angaben einziges nicht kommerzielles Institut in Deutschland, dass auch wirklich in der Packung drin ist, was draufsteht. Es hat seinen Sitz neben dem Linden-Bazar in der Centrums-Moschee und von da aus inzwischen Konakte bis nach Thailand und Indonesien.

Überall interessiert man sich inzwischen für das Halal-Kontrollsystem, nachdem mit dem Namen zuvor viel Missbrauch getrieben wurde. Muslimische Länder trauen deswegen Importen aus nicht muslimischen Ländern kaum noch. "Der Begriff ist in Europa nicht geschützt", sagt Ahmet Yazici, Geschäftsführer des Linden-Bazars. "Jeder kann Halal auf seine Waren schreiben." So landete der Begriff auch schon auf Schweineschmalz-Packungen. Um das zu verhindern und seinen Kunden garantiert die richtige Ware anbieten zu können, brachte Yazici das Zertifikat unter dem Dach des Islamrats und dem Bündnis der islamischen Gemeinden in Norddeutschland (BIG) auf den Weg.

Und es funktioniert. Die Kunden sind froh. Gleich zehn Kilo Hähnchenbrust packt die 28 Jahre alte Melanie aus Geesthacht für ihre Geburtstagsfeier in ihren Einkaufswagen. Sie ist mit einem Syrer verheiratet. Da darf nur Halal-Fleisch auf den Tisch. "Und hier ist es immer frisch", sagt sie.

Von den 56 überwiegend türkischen Mitarbeitern im Linden-Bazar sind allein zwölf Schlachter. Sie stellen sicher, dass das Fleisch ordentlich behandelt wird. Es wird täglich frisch von norddeutschen Schlachthöfen mit Halal-Zertifikat geliefert. Sieben Schlachtbetriebe im Norden und einer bei München bekommen den Stempel. Das Ziel ist ein bundes- und später europaweites Zertifizierungssystem. Dafür ist es, wie in der Sure vorgegeben, notwendig, dass das Tier vor der Schlachtung noch nicht tot ist. Es muss aber laut Euro-Halal betäubt werden, um "die Tiere vor Schmerz und Leiden bei der Schlachtung" zu schützen. Drei Theologen aus Syrien, der Türkei und Ägypten haben die Vorgaben ausgearbeitet. Das Tier muss ausbluten. Zum Zeitpunkt der Schlachtung muss der Name Allahs gerufen werden. Auch in großen deutschen Schlachtbetrieben passiert das.

Sesampaste aus Syrien, Rohkaffee aus Arabien, Honig in der Originalwabe, lose Butter aus einer Molkerei in Oldenburg, 18 Sorten Baklava (türkische Süßigkeit), Schafskäse aus Deutschland, Basmati-Reis aus Indien - mehr als 4000 "multi-ethnische" Artikel hat der Linden-Bazar im Sortiment. Die Hälfte der Kunden sind Türken, aber auch Araber, Perser, Indonesier, Pakistaner und etwa fünf Prozent Deutsche. Vor muslimischen Feiertagen staunt Melanie immer: "Dann ist hier was los."

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