"Lest, was und wie Erik Verg schrieb . . ."

Nachruf: Sein Schreibstil, seine Recherchekunst, seine Ruhe und seine Menschlichkeit prägten das Abendblatt

Hamburg. Die Kollegen nannten ihn "Sir Erik" - und es waren Worte puren Respekts und ehrlicher Anerkennung für Erik Verg, der uns am 9. Dezember 2005 für immer verlassen hat - nach einem Journalistenleben, dem ein Nachruf kaum gerecht werden kann.

Erik Verg, der Mann aus dem estnischen Dorpat, dem Hamburg zur zweiten Heimatstadt wurde, arbeitete als Gerichtsberichterstatter, Pariser Korrespondent, Chefreporter und Leiter der Lokalredaktion und des Ressorts "Von Mensch zu Mensch" 30 Jahre lang für das Hamburger Abendblatt. Er war Spezialist für die Geschichte der Hansestadt, über deren schönste und tragischste Stunden er erfolgreiche Bücher schrieb. Titel wie "Das Abenteuer, das Hamburg heißt" oder ". . . mehr als ein Haufen Steine" oder "Hamburg 1945 - 20 Tage zwischen Tod und Leben" treffen die Leser immer noch mitten ins Herz.

Erik war ein unbarmherziger Rechercheur, einer, der tief schürfte und tief blickte. Vorschnelle Urteile, flüchtige Eindrücke, billige Gags haßte er wie die Pest. Wenn er durch Afrika reiste, sah und beschrieb er nicht nur wilde Tiere, bunte Blumen oder weiße Strände, sondern auch die Maßlosigkeit und Brutalität junger Diktatoren, die sich als "Fackelträger von Ghana" oder "Dekolonisator von Guinea" feiern ließen.

"Ihre Arbeit vermittelt den Lesern demokratischen Anschauungsunterricht", lobte Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, als er dem Mann vom Abendblatt das Bundesverdienstkreuz am Bande ansteckte.

Eine Abendblatt-Leserin schenkte Verg ein goldenes Herz mit der Gravur "In Dankbarkeit" und begründete das Geschenk mit den Worten: "Menschlichkeit bestimmt seine Arbeit."

Und sein Chefredakteur Klaus Korn empfahl dem Nachwuchs: "Lest, was und wie Erik Verg schrieb, und ihr versteht, worauf sich der Ruf des Hamburger Abendblattes gründet. Auf eine Berichterstattung nämlich, die immer den Menschen hinter jeder Geschichte spürt, entdeckt und schildert."

Was Menschen erleiden müssen, hatte Verg auf den unmenschlichsten Testplätzen der modernen Geschichte erfahren: Als er 1938/39 mit vielen Landsleuten die Heimat als Folge des Hitler-Stalin-Paktes verlassen mußte, und als Soldat der "Brandenburger", einer Spezialeinheit für den Kampf hinter den feindlichen Linien, an fast allen Fronten des Zweiten Weltkrieges.

Eine Mitarbeiterin, die seine Nachfolgerin wurde, schildert ihn so: "Als Vorgesetzter war er souverän, es machte Spaß, mit ihm zu arbeiten. Durch seine Ruhe und Gelassenheit hat er uns herausgefordert, noch besser zu arbeiten." Ein Kollege erinnert sich: "Erik behielt in allen Situationen einen kühlen Kopf. Er hat nachgedacht, bevor er handelte. Er war wortkarg. Daß es in ihm kochte, hat man nur bemerkt, wenn seine unvermeidliche Pfeife wie der Schlot einer Schnellzuglokomotive dampfte."

Ein anderer: "Er war großzügig und tolerant, ein Mann der leisen Töne. Er lobte gern und verstand es, Lob und Tadel gut zu verteilen und zu begründen. Ab und zu fanden wir Zettel von ihm in unseren Postfächern: ,Toller Bericht! Erik Verg'. Das hat uns sehr gefallen."

Erik Verg, der Journalist, der Stadt- und Abendblatt-Geschichte geschrieben hat, der Weltreisende, Gourmet und Weinkenner, starb im Alter von 86 Jahren im Kreise seiner Nächsten. Er hinterläßt seine Ehefrau Christine, zwei Töchter und einen Sohn. Seine Memoiren hat er nicht mehr zu Ende schreiben können. Seine Familie und die Freunde werden in seinem Sinn von ihm Abschied nehmen. Seine Asche findet ihren Platz an dem Ort seiner Träume.

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