Beim CargoLifter ist die Luft raus

Insolvenz: Der Firmengründer spricht noch von "Chancen" - aber kaum jemand glaubt ihm.

Brand. Das Unternehmen, sagt Carl von Gablenz, brauche vielleicht eine Atempause. Und wer das hört an diesem Tag, denkt: Die Leute haben Recht, der Mann hat ja jeden Realitätssinn verloren! Es ist der Tag nach dem schwarzen Freitag. Nicht mal vierundzwanzig Stunden sind vergangen, seit nach der "CargoLifter Development" auch noch die "CargoLifter AG" einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Cottbus gestellt hat, aber von Gablenz redet, als wäre nichts passiert. Er redet von "Chancen, die wir haben", und von Möglichkeiten, "die Kosten zu straffen". Aber was der Firmengründer sagt, berührt die paar Aktionäre, die sich zu einem Solidaritätstreffen mit Bratwürstchen und Rockmusik vor dem CargoLifter-Hangar versammelt haben, nicht mehr. "Früher konnte der uns schwindelig quatschen", sagt Thilo Burkhardt mit gleichgültigem Blick zur Bühne, "jetzt nicht mehr." Burkhardt, Ingenieur aus Stuttgart, beschreibt Carl von Gablenz so: "Das ist ein Visionär und Träumer, der beim Gang übers Werftgelände schon sein Luftschiff aus der Halle schweben sieht und dann über ein Kinderspielzeug stolpert und lang hinschlägt." Angesichts der Lage, so Burkhardt, sei die jetzige Leitung wohl nicht mehr die richtige. "Räumt erst mal bei euch auf", soll Brandenburgs Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß gesagt haben, als in den Krisenwochen mal wieder eine CargoLifter-Delegation bei ihm vorsprach. Aber nur der Aufsichtsrat könnte von Gablenz zwingen, sich zurückzuziehen, und der Aufsichtsrat schaut tatenlos zu, seit das Unternehmen in Schwierigkeiten geraten ist. Vermutlich aus Loyalität. Weil es ohne von Gablenz diese fantastische Idee ja gar nicht nicht gäbe: bis zu 160 Tonnen schwere Lasten einfach per Luftschiff von A nach B zu bringen. Nein, eine Atempause braucht das Unternehmen nicht. Es braucht Hilfe. Und zwar schnell. Sonst sind die hoch qualifizierten Mitarbeiter, die im Mai ihren letzten Gehaltsscheck erhalten haben, weg. Wie sagt Dirk Pohlmann sarkastisch? "Die Leute, die auf dem Schiff bleiben, wenn es sinkt, sind Nichtschwimmer." Zu den Nichtschwimmern gehören in Brand bestenfalls die Sekretärinnen und die Leute vom Wachpersonal. Die anderen, übrigens Spezialisten aus achtzehn Nationen, können mühelos woanders an Land gehen. In den USA oder gleich nebenan in Frankreich, wo die Regierung Chirac über ein staatlich finanziertes Luftkran-Projekt nachdenkt. "Einen Monat", schätzt Pohlmann, "hat der Insolvenzverwalter Zeit, ein Rettungsmodell zu entwerfen, wenn es bis dahin nichts wird, sind die Leute weg." Pohlmann ist Geschäftsführer der Firmentochter "CargoLifter World", die pro Tag bis zu 2500 Besucher übers Gelände schleust. Pohlmann, ein Mann mit Berufspilotenlizenz, hält tausend Aktien, die er sich zur Zeit hinter den Spiegel stecken kann, weil sie nicht mal mehr das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Pohlmann würde seinen Enkeln gern mal erzählen: "An diesem Projekt hat Opa mitgebaut. An einem Hightech-Projekt, das keine Krötenart zum Verschwinden gebracht hat." Seit Freitag tendiert die Wahrscheinlichkeit gegen null, dass die Jahrhundert-Idee in Deutschland realisiert wird. Seit Freitag sieht es so aus, als würde es CargoLifter genauso gehen wie anderen Projekten, bei denen die Politik sich nicht zum Handeln entschließen konnte (Stichwort Senkrechtstarter und Magnetschwebebahn). Jedenfalls sieht man in Brand nichts mehr vom Bundeskanzler, der CargoLifter im September 2000 noch als ein Stück großer deutscher Ingenieurkunst bezeichnet hat. 72 000 Anleger haben auf die Idee gesetzt. 300 Millionen Euro sind durch den Börsengang ins Unternehmen geflossen, 420 Millionen Euro wird es laut Schätzung des Insolvenzverwalters Rolf-Dieter Mönning noch brauchen, um den "CL 160" zur Serienreife zu bringen. Während Carl von Gablenz in den vergangenen Tagen davon sprach, man könne den Bau des großen Transportluftschiffs ja zu Gunsten des bereits serienreifen Transportballons "CL 75" zurückstellen, hält Mönning davon nichts. Das Unternehmen stehe und falle mit dem "CL 160". Während die Lage in Brand verzweifelt scheint, spricht Brandenburgs Landesregierung nur von den 500 Arbeitsplätzen. Sie steht bei den CargoLifter-Aktionären und -Mitarbeitern deshalb unter dem schlimmen Verdacht, das Unternehmen nur als Technologiezentrum erhalten zu wollen. Auf jeden Fall zeigt sich an diesem Sonnabend kein Vertreter der Landesregierung auf dem CargoLifter-Werftgelände. Auch vom Bundeswirtschaftsministerium, in dem die Technologie seit der Amtsübernahme der Regierung Schröder angesiedelt ist, ist niemand zu sehen. Auf diesem 522 Hektar großen Areal, auf dem die Russen einst den größten Militärflughafen außerhalb der Sowjetunion betrieben haben und über dem sich heute die hundert Meter hohe Halle erhebt, die zum Schönsten gehört, was zeitgenössische Industriearchitektur zu bieten hat. Die Halle steht und in ihr der zweihundert Meter lange Schneidetisch, auf dem die 0,8 Millimeter starken Kunststoffbahnen für den "CL 160" zurechtgeschnitten werden sollen. Das Versuchsluftschiff "Joye" fliegt seit Oktober 1998, und die CargoLifter-Ingenieure und -Aerodynamiker weisen zu Recht darauf hin, dass sie in praktischen Tests alle "Killerargumente" entkräften konnten, die Skeptiker gegen ihren ehrgeizigen Plan ins Feld geführt haben. Von wegen Blitzschläge könnten den fliegenden Kran zerstören, Vereisung werde ihn zum Absturz bringen, oder der Pilot sei abhängig von Sichtnavigation und werde in der ersten Wolkenschicht die Orientierung verlieren. "Alles Bullshit", sagt Dirk Pohlmann knapp. In der kleinen Halle, in der den Besuchern Videos gezeigt und Vorträge gehalten werden, zitieren die CargoLifter-Leute Victor Hugo: "Es gibt eine Sache, die kraftvoller ist als alle Armeen der Welt - das ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Nun, die Idee ist überwältigend, die Zeit nach Meinung deutscher Ingenieure reif. Nur mit dem Ort ist etwas nicht in Ordnung. Wie sagt Dirk Pohlmann? "Ich fürchte, es wird irgendwann so'n Ding rumfliegen, und dann steht ,Boeing' drauf." Seit Freitag tendiert die Wahrscheinlichkeit gegen null, dass die Jahrhundert-Idee in Deutschland realisiert wird.

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