Eine müde Debatte - aber dann kommt Rainer Brüderle

Lesedauer: 3 Minuten
Kristina Dunz

Wie der FDP-Fraktionschef mit seiner Lieblingsbeschäftigung den Bundestag weckte

Berlin. Seit einer Stunde plätschert die Debatte über den bevorstehenden G20-Gipfel zu den aktuellen Sorgen der Welt schon dahin. Ganze Reihen im Bundestag sind leer geblieben - obwohl Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Regierungserklärung abgibt. Und von denen, die erschienen sind, sind viele mit anderem beschäftigt, als der Regierungschefin zuzuhören: Innenminister Hans-Peter-Friedrich (CSU) simst - heimlich unter dem Tisch. Linke-Fraktionschef Gregor Gysi auch. Der neue Umweltminister Peter Altmaier (CDU) "frisst Akten" - dafür ist er bekannt. Viele Abgeordnete wirken einfach müde.

Selbst bei Union und FDP gibt es nur spärlichen Beifall für Merkels Regierungserklärung. Die spärlich gefüllten Reihen im Plenum vor Augen, ruft die Kanzlerin den Abgeordneten die Bedeutung des Gipfels in Erinnerung: "Ich würde sagen, er liegt im Interesse des gesamten Deutschen Bundestags." SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der der Regierungschefin antwortet, reißt damit auch niemanden von den Stühlen.

Aber dann kommt Rainer Brüderle - und plötzlich sind alle wach. Es wird geklatscht und gejohlt - von allen Seiten. Der FDP-Fraktionsvorsitzende betreibt seine Lieblingsdisziplin: Grünen-Schelte. Als Erstes nimmt der Liberale sich Joschka Fischer vor: Der im Berliner Westen wohnende Ex-Ober-Grüne habe ja kürzlich vor einem Feuer in Europa gewarnt. Dabei habe gerade er als damaliger Außenminister gegen EU-Regeln verstoßen und "währungspolitische Brandsätze" gelegt, wie die Aufnahme Griechenlands in den Euro. "Der Stabilitätspaktbrecher Joschka Fischer erklärt uns die Welt." Das sei schäbig, poltert Brüderle.

Fischer - "die Kassandra aus dem Grunewald" - gebe bei den Grünen immer noch die Richtlinien vor und fordere schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme, meint Brüderle. Und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin widerspreche nicht. "Herr Trittin kuscht."

"Zugabe!", ruft der heftig Gescholtene in den Saal - und bekommt vom FDP-Kollegen dann auch ordentlich den Kopf gewaschen: Trittin habe ja jüngst an einer Konferenz der Hochfinanz teilgenommen, dies seinen Parteikollegen aber verschwiegen, bringt Brüderle in Erinnerung. "Sie haben offenbar Angst vor der Kritik aus dem eigenen Verein, nach dem Motto: Links unten anfangen, rechts oben ankommen. Das ist Herr Trittin."

Was der Grüne wolle, wusste Brüderle dem Parlament auch mitzuteilen: "Herr Trittin will: Die deutsche Oma haftet mit ihrem Sparbuch für ausländische Investmentbanker." Deshalb seien die Grünen "die Partei der Bio-Schickeria in Deutschland", für die "der Strom aus der Steckdose" komme und "das Geld aus dem Automaten".

Das ist dann sogar Gregor Gysi zu viel, der selbst als scharfzüngig bekannt ist: Brüderles Rede habe noch unter Stammtisch-Niveau gelegen, rügt er - und teilt selbst aus: "Sie retten die FDP nicht mit Pöbeleien gegen die Grünen." Der CDU-Abgeordnete Frank Steffel fragt später: "Was sind denn jetzt die Erkenntnisse nach zweistündiger Debatte?"