Besuch bei Bundesnetzagentur

Bundeskanzlerin Merkel: Energiewende ist machbar

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Georg Ismar und Günter Wächter

3800 Kilometer neuer Stromautobahnen werden Milliarden verschlingen. Der Trassen-Engpass bei Hamburg soll Ende des Jahres behoben sein.

Bonn/Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist das Zweifeln leid. Der Atomausstieg und der dazu notwendige Um- und Ausbau der Stromnetze im Land seien machbar, sagt sie auch mit Blick auf das eigene Lager bei einem Besuch der Bundesnetzagentur in Bonn. Am Atomausstieg bis 2022 wird nicht gerüttelt. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg dorthin ist für Merkel der Entwurf des nationalen Netzentwicklungsplanes, den ihr die vier Betreiber der deutschen Stromautobahnen überreichen. Er zeigt Merkel die Hausaufgaben beim Ausbau der Trassen für die nächsten zehn Jahre.

Der Plan ist Basis für ein neues Gesetz, das bis Ende des Jahres den bundesweiten Stromnetzbedarf festschreiben soll. Unterstützt wird die Regierungschefin bei ihrem Optimismus in Sachen Energiewende auch von Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), die sie zur Bundesnetzagentur begleiten. Zustimmung erhält sie aber auch von den Netzbetreibern.

Die Energiewende sei zwar eine Herkulesaufgabe, sagt der Chef von Tennet, Martin Fuchs. Aber die vier Betreiber der Stromautobahnen seien der Überzeugung: "Wir können das Übertragungsnetz für eine erfolgreiche Energiewende fit machen." Voraussetzung sei der Schulterschluss aller Beteiligten. Netzbetreiber Amprion, den Merkel nachmittags besuchte, unterstreicht das mit der Ankündigung, bis 2025 nahezu zehn Milliarden Euro in den Netzausbau investieren zu wollen.

Atomkraftwerke produzieren die Energie in der Regel in der Region, wo sie gebraucht wird. Erneuerbare Energie wie etwa Windkraft wird in Deutschland vornehmlich im Norden erzeugt. Sie muss also in den industrialisierten Süden geschafft werden, um Atomkraft zu ersetzen. Durch den Wegfall von 4960 Megawatt Leistung nur in süddeutschen Atomkraftwerken drohen hier ein Engpass und Spannungsprobleme. Gleiches gilt für den Großraum Hamburg, wo drei Atommeiler stillgelegt wurden. Während es früher nur rund ein Dutzend Eingriffe in den Netzbetrieb gab, steuert diese Zahl nun auf tausend pro Jahr zu. Besonders die Lage im Winter war an einigen Tagen sehr angespannt.

2009 waren im Energieleitungsausbaugesetz 1807 Kilometer als vordringliche Projekte eingestuft worden. "Davon sind erst 214 gebaut und elf Kilometer in Betrieb genommen", kritisiert der Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann. Bis Ende 2013 sollen es laut Wirtschaftsminister Rösler 600 Kilometer sein. Der forcierte Ausbau und nicht so sehr die Förderung erneuerbarer Energien wird Milliarden kosten. Schon in diesem Jahr trieben die Netzentgelte den Strompreis hoch. Nun ist auch noch eine Umlage geplant, um endlich Seewindparks schneller an das Netz anschließen zu können.

Auch wenn viel gemosert wird: Zuletzt gab es auch positive Nachrichten, etwa für eine Entspannung im Raum Hamburg, wo wegen Industrie und Hafen so viel Energie verbraucht wird wie an nur wenigen Standorten in Deutschland. So soll die Windsammelschiene, mit der Windkraft aus dem Nordosten gebündelt und per Stromautobahn nach Hamburg geschickt wird, nach jahrelangem Stillstand bis Ende des Jahres fertiggestellt werden. Denn inzwischen liegt auch ein Planfeststellungsbeschluss aus Schleswig-Holstein für die 88 Kilometer lange Leitung vor.

Das Beispiel zeigt, dass es nicht immer nur die viel beschworenen Bürgerproteste sind, die bremsen, sondern oft auch unterschiedliche Länderauflagen. Für jeden gefällten Baum macht es Schleswig-Holstein nach Angaben von 50Hertz zur Auflage, dass drei Bäume an anderer Stelle neu gepflanzt werden. Zudem mussten Waldstücke nächtelang erst einmal beleuchtet werden, um Fledermäuse zu vertreiben. Und die Umsiedlung von Haselmäusen bremste den Weiterbau zusätzlich.

Nach Meinung der Stadtwerke wird viel zu sehr über die großen Stromautobahnen geredet. 97 Prozent der erneuerbaren Energien würden auf Verteilnetzebene eingespeist. Diese Netze seien dafür historisch betrachtet nie gedacht und ausgelegt gewesen, betont der Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), Hans-Joachim Reck. Der Neubau- und Modernisierungsbedarf nur hier belaufe sich auf mehr als 25 Milliarden Euro.

Der Geschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, erinnerte daran, dass es nicht nur um 3800 Kilometer Stromautobahn gehe, die fehlen. Der Strom müsse ja auch verteilt werden. Dabei gehe er von einem Verteilnetz von 198 000 Kilometern aus, das auch noch gebaut werden müsse. Im Deutschlandfunk schlug er zudem eine Straffung von Gerichtsverfahren vor.

SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert noch in diesem Jahr die Gründung einer Bundes-Netz-AG. "Der Bund muss mindestens 25,1 Prozent an der Bundes-Netz AG halten", sagte Gabriel den "Stuttgarter Nachrichten". Auch Netzbetreiber, Stadtwerke und andere Unternehmen sollten sich an einer solchen Netz-AG beteiligen können. Die Bundesregierung habe bei der Energiewende viel Zeit nutzlos verstreichen lassen, stellte Gabriel fest. "Die Energiewende und mit ihr der Atomausstieg drohen zu scheitern. Aber so verlockend die berechtigte Kritik am Totalversagen der Regierung von Angela Merkel in diesem Fall auch sein mag: Sie allein hilft nicht", sagte er. Sogar das Gegenteil sei der Fall. "Auch die Oppositionsparteien haben ein Interesse daran, dass die gemeinsam beschlossene Energiewende zu einem Erfolg für unser Land wird."

Jühnde in Niedersachsen: Reportage aus einem Dorf, das die Energiewende schon geschafft hat www.abendblatt.de/juehnde

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