Generale suchen noch gemeinsame Marschrichtung

Parteimanager des Regierungslagers kämpfen oft mehr miteinander als mit dem politischen Gegner und sorgen so für Dissonanzen in den eigenen Reihen

Berlin. Generalsekretäre haben eine gewisse Narrenfreiheit. Sie sollen Vordenker sein und können sagen, was Kanzler, Minister und zuweilen auch Fraktionsvorsitzende nur denken. Sie dürfen aktuelle Themen polemisch zuspitzen. Aufgabe der Generalsekretäre ist es allerdings nicht, den politischen Freund zu erledigen.

In der Berliner FDP-Zentrale heißt es zurzeit, die Zusammenarbeit mit CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt sei "kollegial", ja, sogar "freundschaftlich". "Atmosphärische Störungen" will man dort partout nicht wahrgenommen haben.

Dabei weiß in Berlin so gut wie jeder, dass Dobrindt für die Liberalen seit Monaten ein rotes Tuch ist. Sogar im fernen Kiel regt man sich über den Mann auf. Wie hat der schleswig-holsteinische FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki neulich gemeint? Nach der nordrhein-westfälischen Landtagswahl werde sich seine Partei Alexander Dobrindt "vornehmen"; nach dem Motto "Feuer frei von jedem." Das war kein Ulk. Das war eine Drohung.

Die hat sich nach dem 9. Mai zwar erledigt, weil die Wahl nicht im Entferntesten so ausgefallen ist, wie sich die Liberalen das vorgestellt hatten, aber der Groll sitzt tief. Kein Wunder. Wie hat Dobrindt vor ein paar Tagen genüsslich gemeint? Was die Beschimpfung der FDP angehe, sei die CSU "ganz weit vorne".

Die "Generale" der drei Regierungsparteien könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist der gelassene Hermann Gröhe, der die CDU-Spitze jetzt noch ein bisschen protestantischer macht. Einer, der zwar mit 16 in die Union eintrat - früher geht's nicht -, das Querdenken aber nie verlernt hat. Hermann Gröhe gehörte in Bonn zu den Initiatoren der legendären "Pizza-Connection", die sich als erste eine Annäherung zwischen der CDU und den Grünen vorstellen konnten. Dann ist da Christian Lindner. Der Shootingstar der FDP. Ein gut aussehender, unverbrauchter 31-Jähriger, den die Liberalen auf ihrem letzten Bundesparteitag fast schon rauschhaft gefeiert haben. Weil er den verunsicherten Parteifreunden das gab, was ihnen der Parteivorsitzende Guido Westerwelle offenbar nicht vermitteln kann: echte Zuversicht und die Aussicht darauf, dass der Liberalismus keine kühle Angelegenheit bleiben muss, sondern "mitfühlend" werden kann. Und schließlich der Dritte im Bunde. Der etwas raubeinige Alexander Dobrindt, der die Politik nicht als eine Sache für Chorknaben betrachtet. Dobrindt ist - anders als Gröhe und Lindner - kein Jurist, sondern diplomierter Soziologe. Und im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen hat der 39-Jährige fast zehn Jahre lang in einem mittelständischen Produktionsunternehmen gearbeitet. Vielleicht liegt's daran, dass er nicht so etepetete ist. Andererseits muss man registrieren, dass Alexander Dobrindt zweifellos gerne austeilt, aber auch keine Mimose ist, wenn's ums Einstecken geht.

Möglicherweise ist vieles aber auch einfach eine Sache der Chemie. Welten scheinen zwischen dem hemdsärmeligen Bayern und dem eleganten Oberstudienratssohn Lindner zu liegen. Die Aversion war mit den Händen zu greifen, als Dobrindt vor ein paar Wochen klagte: "Mit Herrn Gröhe ist jederzeit ein anregendes Gespräch möglich, mit Herrn Gröhe gibt es keine Probleme." Sollte heißen: Mit dem Kollegen Lindner ist das vollkommen anders. Mit dem Kollegen Lindner gibt es leider nur Probleme! Allein Hermann Gröhe scheint mit beiden Kollegen gleichermaßen gut zurechtzukommen.

Kleine Koalitionen, sagt man, sind schwieriger als große, weil die kleinen Regierungspartner eifersüchtig darüber wachen, dass sie gebührend wahrgenommen werden. Davon kann man in der CDU ein Klagelied singen. Nach der NRW-Wahl, hieß es im Konrad-Adenauer-Haus, werde es hoffentlich besser werden. Diese Wahl ist jetzt vorbei. CDU, CSU und FDP wollen wenigstens noch dreieinhalb Jahre zusammen regieren. Auf der ersten Teilstrecke haben die Herren Gröhe, Lindner und Dobrindt die Dissonanzen zwischen ihren Parteien gerne mal verschärft. Zur Freude der politischen Gegner. Das sollte dem Trio zu Denken geben.