Chan Junis/Tel Aviv. Die israelischen Streitkräfte rücken in das Herz der Hamas-Hochburg Chan Junis vor. Sie vermuten in dem Gebiet im Süden des Gazastreifens die Führung der Islamisten - und die aus Israel entführten Geiseln.

Die israelischen Streitkräfte haben sich in der größten Stadt im Süden des Gazastreifens einen erbitterten Häuserkampf mit der islamistischen Hamas geliefert.

Die Soldaten seien „ins Herz“ von Chan Junis vorgestoßen, teilte das Militär mit. Zahlreiche Menschen flohen vor den Kämpfen in der Hamas-Hochburg. „Es gibt keine 'sichere' Zone. Der ganze Gazastreifen ist zu einem der gefährlichsten Orte der Welt geworden“, schrieb das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen (UNRWA) auf der Plattform X, ehemals Twitter.

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Bodenoffensive und Luftangriffe

Die israelischen Streitkräfte vermuten in dem Gebiet unweit Ägyptens die Führung der islamistischen Hamas und zahlreiche der noch im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln. Sollte das Militär die Stadt unter Kontrolle bringen, könnten sich die Hamas-Kämpfer nur noch in kleine Gebiete im Zentrum des Gazastreifens und an der Grenze zu Ägypten zurückziehen. Gleichzeitig dürfte der internationale Druck auf Israel steigen, die Bodenoffensive zu beenden.

In anderen Teilen des Gazastreifens setzte das israelische Militär seine Luftangriffe fort. Im Laufe des vergangenen Tages seien etwa 250 „Terrorziele“ angegriffen worden, teilten die Streitkräfte mit. Die Truppen seien weiter dabei, Waffen, Tunnelschächte, Sprengstoff und militärische Infrastruktur zu lokalisieren.

Unterdessen heulten in israelischen Ortschaften nahe dem Gazastreifen wegen Raketenangriffen immer wieder die Alarmsirenen. Aus dem Nachbarland Libanon wurden nach Angaben der israelischen Streitkräfte Militärstellungen im Norden des Landes angegriffen. Die Armee habe die Abschussorte im Libanon unter Feuer genommen, teilten die Streitkräfte mit.

UN-Chef drängt Sicherheitsrat außergewöhnlich stark zu Gaza-Handeln

In einem seltenen Vorgang forderte UN-Generalsekretär António Guterres den Weltsicherheitsrat dringend auf, sich für die Abwendung einer humanitären Katastrophe im Gazastreifen einzusetzen. In einem Brief an den Sicherheitsrat berief sich der UN-Chef dazu erstmals seit seinem Amtsantritt 2017 auf den Artikel 99 der UN Charta. Diese erlaubt dem Generalsekretär, den Sicherheitsrat auf „jede Angelegenheit hinzuweisen, die seiner Meinung nach die Gewährleistung von internationalem Frieden und Sicherheit gefährden kann“.

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Auslöser des Gaza-Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen der Hamas sowie anderer Terrorgruppen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze zum Gazastreifen verübt hatten. Mehr als 1200 Menschen wurden getötet. Zudem wurden 240 Menschen in den Gazastreifen verschleppt, von denen 105 während einer vorübergehenden Feuerpause freigekommen sind. Israel hatte auf den Terrorüberfall mit massiven Luftangriffen und eine Bodenoffensive im Gazastreifen reagiert.

Palästinenser: Zehntausende in Zelten in Chan Junis

Wegen der Kämpfe im Süden des Gazastreifens wird humanitäre Situation nach palästinensischen Angaben immer dramatischer. Zehntausende Menschen lebten in Zelten in den Straßen der Stadt Chan Junis, berichteten Augenzeugen der Deutschen Presse-Agentur.

Es fehle an Nahrungsmitteln, Wasser und Unterkünften. Die Lage habe sich besonders zugespitzt, nachdem die israelische Armee die Menschen im Osten der Stadt zur Flucht in westliche Viertel sowie nach Rafah an der Grenze zu Ägypten aufgefordert habe. Nach Angaben des UNRWA gibt es mittlerweile fast 1,9 Millionen Binnenvertriebene in dem Küstenstreifen - bei mehr als 2,2 Millionen Bewohnern insgesamt.

Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums sind inzwischen mehr als 16.200 Menschen in Gaza getötet worden. Unabhängig lässt sich dies gegenwärtig nicht überprüfen, die UN und Beobachter weisen aber darauf hin, dass sich die Zahlen der Behörde in der Vergangenheit als insgesamt glaubwürdig herausgestellt hätten.

Israels Militär: Großes Waffenlager in Gaza entdeckt

Im Norden des Gazastreifens entdeckten die israelischen Streitkräfte nach eigenen Angaben ein riesiges Waffenlager nahe einem Krankenhaus und einer Schule. Dort hätten sich Hunderte Panzerfaustgeschosse und Panzerfäuste befunden, Dutzende Panzerabwehrraketen, Dutzende Sprengsätze, Raketen mit längerer Reichweite, Dutzende Granaten sowie Drohnen, teilte das Militär mit. Es handele sich „um eines der größten Waffenlager“, die bisher im Gazastreifen entdeckt worden seien. „Die gesamte Terrorinfrastruktur hat sich direkt neben Wohngebäuden im Herzen der zivilen Bevölkerung befunden“, schrieb ein Militär-Sprecher.

Israelische Streitkräfte fangen Boden-Boden-Rakete ab

Das israelische Raketenabwehrsystem Arrow fing nach Militärangaben erneut eine Boden-Boden-Rakete im Bereich des Roten Meeres ab. Die Rakete sei nicht in israelisches Gebiet eingedrungen und habe keine Bedrohung für Zivilisten dargestellt, teilten die Streitkräfte am Mittwoch mit. Zuvor war Raketenalarm in der Stadt Eilat am Roten Meer im Süden Israels ausgelöst worden. Gemeinsam mit David's Sling und Iron Dome bildet Arrow das Flugabwehrsystem Israels. Der „Pfeil“ kann feindliche Flugkörper in über 100 Kilometer Höhe und damit außerhalb der Atmosphäre im beginnenden Weltraum durch einen direkten Treffer zerstören.

Türk kritisiert Vertreter Israels

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, kritisierte frühere und derzeitige ranghohe Vertreter Israels wegen „menschenverachtender und aufhetzender Äußerungen“ über Palästinenser. „Die Geschichte hat uns gezeigt, wozu solche Ausdrücke führen können“, sagte Türk.

„Das ist nicht nur inakzeptabel, aber ein kompetentes Gericht könnte solche Äußerungen im Kontext der Umstände, unter denen sie gemacht wurden, als Anstiftung zu Gräueltaten werten“, sagte Türk im Zusammenhang mit der Lage im Gazastreifen und dem Westjordanland. Er sprach von einer Menschenrechtskrise mit unnötiger und unverhältnismäßiger Gewaltanwendung durch die israelischen Streitkräfte, aggressiver Gewalt der Siedler und einer alarmierenden Zunahme von Todesfällen in Gewahrsam sowie Vorwürfen der Misshandlung von Palästinensern in Haft.

Erdogan droht Israel

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan warnte Israel vor einer Verfolgung von Mitgliedern der islamistischen Hamas in seinem Land. „Wenn sie einen solchen Schritt gegen die Türkei wagen, werden sie den Preis auf eine Weise zahlen, dass sie sich nicht erholen können“, sagte Erdogan nach Angaben seines Büros vom Mittwoch. Zuvor hatte das „Wall Street Journal“ berichtet, Israels Geheimdienste bereiteten sich darauf vor, nach Ende des Gaza-Kriegs Hamas-Anführer weltweit aufzuspüren und zu töten. Die Türkei unterhält Verbindungen zur Hamas, es sollen sich auch Funktionäre im Land aufhalten.