Konflikte

Erhöhte Spannungen nach Raketenstarts von Nordkorea

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Pjöngjang verschärft die Eskalationsspirale auf der koreanischen Halbinsel deutlich: Erstmals seit fünf Jahren lässt das nordkoreanische Militär eine ballistische Rakete über Japan fliegen.

Seoul/Tokio. Nordkorea sorgt mit seinem jüngsten Raketentest für erhöhte Spannungen in der Region: Am Dienstag feuerte Pjöngjang eine ballistische Mittelstreckenrakete in Richtung des Japanischen Meeres (koreanisch: Ostmeer) ab. Es ist das erste Mal seit knapp fünf Jahren, dass eine nordkoreanische Rakete über die japanische Inselgruppe geflogen ist. Sowohl die USA als auch die Nato verurteilten den Test scharf, US-Präsident Joe Biden sprach etwa von einer «Gefahr für das japanische Volk».

Demnach wurde die Rakete in der nördlichen nordkoreanischen Provinz Jagang nahe der Grenze zu China gestartet. Die Rakete erreichte ersten Schätzungen zufolge eine Distanz von 4500 Kilometern und eine maximale Flughöhe von rund 970 Kilometern. Laut Angaben von Japans Verteidigungsminister Yasukazu Hamada handelt es sich um die weiteste horizontale Entfernung einer Rakete Nordkoreas.

Südkorea reagiert prompt

Südkoreas Streitkräfte haben als direkte Reaktion zwei Präzisionsbomben im Gelben Meer abgefeuert. Wie die Nachrichtenagentur Yonhap am Dienstag unter Berufung auf das südkoreanische Militär berichtete, wurden die Bomben von einem Kampfflugzeug des Modells F-15K über der unbewohnten Insel Jikdo abgeworfen. Zudem habe man gemeinsam mit US-amerikanischen Kampfflugzeugen des Typs F-16 Flugmanöver abgehalten. Das Gelbe Meer wird von China und der koreanischen Halbinsel umrandet.

Das letzte Mal, als Nordkorea 2017 eine Rakete über Japan fliegen ließ, führte das Land nur wenige Tage später einen Atomwaffentest durch. Laut dem Nordkorea-Experten Go Myong Hyun vom Asan-Institut mit Sitz in Seoul sei die Wahrscheinlichkeit derzeit ebenfalls «sehr hoch», dass Nordkorea gegen Ende des Monats einen Atomwaffentest durchführen könnte.

Auch das südkoreanische Verteidigungsministerium geht davon aus, dass das nordkoreanische Militär seine Vorbereitungen für den Test einer weiteren Atomrakete bereits abgeschlossen habe, wie Yonhap am Dienstag berichtete. Demnach soll Nordkorea zudem weitere Tests für eine Interkontinentalrakete sowie eine ballistische U-Boot-Rakete vorbereiten.

USA sehen «klaren Verstoß» gegen UN-Resolutionen

US-Präsident Biden telefonierte angesichts der angespannten Lage mit Japans Regierungschef Fumio Kishida - die beiden vereinbarten dem Weißen Haus zufolge «ihre unmittelbare und längerfristige Reaktion» weiterhin sowohl bilateral, als auch mit Südkorea und der internationalen Gemeinschaft eng koordinieren zu wollen. Biden erklärte demnach weiter, es handele sich um «eine Destabilisierung der Region und ein klaren Verstoß gegen Resolutionen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen».

Die USA wollen deshalb eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats für Mittwoch beantragen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg schrieb auf Twitter: «Ich verurteile die gefährlichen und destabilisierenden Raketentests Nordkoreas aufs Schärfste.» UN-Generalsekretär António Guterres werte den Test als «eindeutige Eskalation», teilte ein Sprecher mit.

Südkoreas Präsident Yoon Suk Yeol sprach zudem von einer «rücksichtslosen» Provokation und rief dazu auf, «entsprechende Maßnahmen» zu ergreifen, wie Yonhap berichtete. Japans Regierungschef Fumio Kishida nannte Nordkoreas Raketentest «ungeheuerlich». EU-Ratspräsident Charles Michel bezeichnete den Test als eine ungerechtfertigte Aggression und eklatante Verletzung des Völkerrechts.

Warnmeldungen in Japan

In Japan löste der nordkoreanische Raketentest zudem einen seltenen öffentlichen Raketenalarm aus, der die Bewohner der nordjapanischen Insel Hokaido und der Präfektur Aomori an der Nordspitze der japanischen Hauptinsel Honshu mit Warnmeldungen aufforderte, Schutz in ihren Häusern zu suchen, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete.

UN-Resolutionen untersagen Nordkorea die Erprobung von ballistischen Raketen jeglicher Reichweite, die je nach Bauart auch einen Atomsprengkopf befördern können. Zuletzt hatte Nordkorea am Samstag zwei ballistische Kurzstreckenraketen getestet - das war der vierte Raketenabschuss innerhalb einer Woche.

Die zuletzt gehäuften Raketentests Nordkoreas werden von Experten auch als Reaktion auf die kürzlich abgehaltenen Seemanöver südkoreanischer und US-amerikanischer Streitkräfte gewertet. An den viertägigen Marineübungen hatte auch der Flugzeugträger «USS Ronald Reagan» teilgenommen. Es war die erste Entsendung eines US-Flugzeugträgers nach Südkorea seit fast vier Jahren.

Spannungen haben deutlich zugenommen

Nordkorea wirft den USA regelmäßig vor, durch ihre Militärmanöver mit Südkorea einen Angriff vorzubereiten - was von beiden Ländern bestritten wird. Die Spannungen in der Region haben nach einer Reihe von Tests mit atomwaffenfähigen Raketen durch Nordkorea in diesem Jahr deutlich zugenommen.

Das Parlament in Nordkorea hatte Anfang September zudem ein Gesetz zur staatlichen Nuklearpolitik verabschiedet. Dieses sieht unter anderem den Einsatz von Atomwaffen nicht nur bei einem Angriff feindlicher Kräfte, sondern schon bei einem drohenden Angriff auf die Führung in Pjöngjang vor. Das Land ist wegen seines Atomwaffenprogramms harten internationalen Sanktionen unterworfen.

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