Nach Explosionskatastrophe

Macron und Guterres laden zu Libanon-Gebertreffen ein

Emmanuel Macron (M.), Präsident von Frankreich, besucht den verwüsteten Hafen von Beirut nach der Explosionskatastrophe mit mehr als 190 Toten.

Emmanuel Macron (M.), Präsident von Frankreich, besucht den verwüsteten Hafen von Beirut nach der Explosionskatastrophe mit mehr als 190 Toten.

Foto: dpa

Galoppierende Inflation, über die Hälfte der Bürger in Armut: Der Libanon ist ein Krisenland am Rande des Abgrunds. Nun gibt es einen zweiten Anlauf für internationale Rettung. Kommen wieder rund 250 Millionen Euro zusammen?

Paris/Beirut. Knapp vier Monate nach der Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut mit mehr als 190 Toten berät die internationale Gemeinschaft wieder über Hilfen für den krisenerschütterten Libanon.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und UN-Generalsekretär António Guterres laden am Mittwoch (18.30 Uhr) zu einer Videokonferenz ein, wie der Élyséepalast mitteilte.

Macron hatte bereits im August bei einer Geberkonferenz die internationale Gemeinschaft zu massiver Unterstützung aufgerufen. Dabei kamen nach damaligen Angaben knapp 253 Millionen Euro Soforthilfe zusammen. Bei der verheerenden Explosion in Beirut am 4. August wurden als 6000 Menschen verletzt, etwa 300.000 obdachlos.

Bei dem neuen Treffen geht es ausdrücklich um Hilfe für die libanesische Bevölkerung. Es werden nach französischen Angaben Staatschefs, internationale Organisationen und Geldgeber, Nichtregierungsorganisationen und Vertreter der libanesischen Zivilgesellschaft erwartet. Namen wurden nicht genannt. Es solle über die bisherigen Hilfen eine erste Bilanz gezogen und über neuen Bedarf gesprochen werden, teilte das Pariser Präsidialamt mit.

Macron hatte längerfristige Hilfe für das kleine Mittelmeerland stets an Reformen geknüpft. Die Bedingungen sind dafür aber alles andere als gegeben, denn der Nahoststaat ist seit den Tagen nach der Explosion ohne funktionierende Regierung.

Ex-Ministerpräsident Hassan Diab ist nur noch geschäftsführend im Amt. Dem designierten neuen Regierungschef Saad Hariri ist es bisher nicht gelungen, ein Kabinett zu bilden. Viele Menschen sind wütend und frustriert wegen des anhaltenden politischen Stillstands.

Die seit dem Sommer 2019 andauernde Wirtschafts- und Finanzkrise, die Corona-Pandemie und die Explosion von Beirut haben den Zedernstaat schwer getroffen. Das libanesische Pfund hat 80 Prozent seines Werts verloren. Nach Berechnung des Ökonomie-Professors Steve Hanke von der Universität Johns Hopkins beträgt die jährliche Inflationsrate 365 Prozent. Das sei die höchste Teuerungsrate weltweit nach Venezuela, sagte Hanke dem Magazin "Arabian Business". Nach UN-Angaben leben 55 Prozent der Bewohner in Armut - doppelt so viele wie im Vorjahr.

Bei der zweiten Geberkonferenz sollen weitere Hilfen zusammenkommen. Finanzexperten im Libanon, einer davon aus dem Umfeld Hariris, rechneten vorab mit weiteren Hilfsgeldern in Höhe von 200 bis 300 Millionen Dollar (umgerechnet bis zu 250 Millionen Euro).

Der Libanon hatte im Mai auch Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds IWF über ein Rettungsprogramm begonnen, um einen Weg aus seiner schwersten Krise seit Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1990 zu suchen. Aber mangels Reformen stocken die Gespräche seit Monaten.

© dpa-infocom, dpa:201202-99-539415/3