Brexit

48 Prozent der Briten haben noch Hoffnung auf Europa

Pro-Europa-Demonstranten in einem Park in London.

Pro-Europa-Demonstranten in einem Park in London.

Foto: imago/ZUMA Press

Zwei Monate nach dem EU-Referendum kämpfen in Großbritannien noch viele gegen den Brexit. Die Union plant die Zukunft aber ohne London.

London.  So hatte sich Callum Skinner das nicht vorgestellt. Da gewinnt der britische Radfahrer in Rio de Janeiro Gold und Silber im Zeitfahren und was machen die Leute zu Hause aus diesen sportlichen Erfolgen? Sie schlachten sie politisch aus. Skinner jedenfalls war mehr als überrascht, als er ein Foto von sich und seiner Goldmedaille im Kurznachrichtendienst Twitter entdeckte – auf dem Account der Kampagne, die für den Austritt Großbritanniens aus der EU wirbt. „Wir sind vielleicht ein kleines Land, aber wir sind noch immer Groß-Britannien“, hatten die Brexit-Befürworter unter das Bild geschrieben.

„Danke, aber bitte benutzt mein Bild nicht für eure Kampagne“, twitterte der Radfahrer zurück. Und setzte demonstrativ nicht nur die britische, sondern auch die europäische Flagge dahinter.

Unter dem Titel „48 Prozent“ schließen sich Brexit-Gegner zusammen

Zwei Monate ist es her, dass die Briten mit knapper Mehrheit dafür stimmten, die EU zu verlassen, doch der Kampf um die Zukunft des Landes ist längst nicht vorbei. Man könnte sogar sagen: Er hat gerade erst richtig begonnen. Denn nicht nur die Gegner der EU werben trotz ihres Abstimmungserfolgs weiterhin auf allen Kanälen für den Brexit. Auch die Europafreunde geben nicht auf. 48 Prozent der Briten hatten beim Referendum für die EU gestimmt. Jetzt setzen sie alles daran, doch noch zur Mehrheit zu werden.

„48 Prozent“, so nennt sich deshalb eine lose und stetig weiterwachsende Gruppe von Aktivisten, die Großbritannien in der EU halten wollen. Sie wollen denen eine Stimme geben, die sich mit dem Brexit nicht abfinden können, und deshalb erzählen sie sich Geschichten wie die des Radfahrers Skinner. Sie steht in der aktuellen und inzwischen siebten Ausgabe der neuen britischen Wochenzeitung „The New European“. Es ist ein spontanes Projekt von Journalisten, die jede Nachricht verbreiten, die an einen Exit vom Brexit glauben lässt.

Magazin wird unerwartet zum Verkaufs-Schlager

„Das Referendum ist nicht das letzte Wort“, sagt Matt Kelly, der Chefredakteur der neuen Zeitung. „Solange die Regierung den Ausstieg aus der EU noch nicht offiziell beantragt hat, solange gibt es auch keinen Brexit.“ Kelly hatte die Idee zu dem Magazin und ursprünglich sollte auch nur eine einzige Ausgabe erscheine.

Doch jetzt erklärt Kelly jeden Freitag auf exakt 48 Seiten, warum die 48 Prozent EU-Freunde unter den Briten die Hoffnung nicht aufgeben sollen. 40.000 Hefte verkauft die Zeitung regelmäßig. Das ist mehr, als die Macher erwartet hatten. Und sowieso erstaunlich in einer Zeit, in der Zeitungen reihenweise schließen.

Vielleicht liegt der Erfolg des Blatts an der emotionalen Ansprache. In der aktuellen Ausgabe zitiert Kelly seinen 94 Jahre alten Großvater, der sagt: „Ich hab meine besten Jahre im Zweiten Weltkrieg gelassen. Ich weiß nicht mehr wofür.“

Die Brexit-Gegner versichern sich, dass das Referendum vom Juni streng genommen nur eine beratende Funktion hatte. Natürlich wissen auch sie, dass kein Politiker der Konservativen Partei es wagen würde, das Ergebnis infrage zu stellen, jedenfalls nicht jetzt. Aber was ist, wenn sich die wirtschaftliche Situation weiter verschlechtert? Was ist, wenn Großbritannien in den Verhandlungen mit der EU schlecht wegkommt? Was ist, wenn Norwegen den Eintritt der Briten in die Europäische Freihandelszone (EFTA) blockiert? Könnte dann nicht die öffentliche Meinung umschwenken? Und könnte es dann nicht doch ein zweites Referendum geben?

Stimmung im Land soll noch einmal gedreht werden

Viele Fragen sind das und Premierministerin Theresa May hat sie mit dem knappen Satz beantwortet: „Brexit meint Brexit“.

Aber genau dieser Satz lässt EU-Aktivisten wie Eoin Ward so wütend werden. „Das ist doch ein Nonsens-Satz“, sagt der 32-jährige Nordire. „Niemand weiß doch bisher, was Brexit überhaupt bedeutet. Die gesamte politische Klasse hatte doch überhaupt keinen Plan!“ Wie Matt Kelly, der Zeitungsmacher, hat Ward seine Wut genutzt, um ein Projekt gegen den Brexit auf die Beine zu stellen. Mit 30 Freunden hat er die Onlinegruppe „The 48 Percent“ gestartet – es ist jetzt der offizielle Verein für alle Brexit-Gegner.

„Innerhalb von drei Tagen hatten wir 20.000 Mitglieder, inzwischen sind es 46.000“, berichtet er. Ward arbeitet weiter als Sprachlehrer für Französisch und Englisch und kümmert sich nebenbei um die Mitglieder. Die Zeit, in der die Regierung die Brexit-Verhandlungen nicht offiziell in Brüssel beantragt, will auch er nutzen, die Stimmung im Land wieder zu drehen. Das nächste Datum, das die Brexit-Gegner mit Spannung erwarten, ist die Parlamentsdebatte am
5. September zum zweiten Referendum. Die Petition dazu hätten immerhin über 4,1 Millionen Briten unterschrieben, einmalig in der Geschichte Großbritanniens.

Der Führerschein und der Studienabschluss können zu Problemen führen

Fragt man Eoin Ward, wie sehr er auf den Verbleib in der EU hoffe, auf einer Skala von eins bis zehn, sagt er: „An guten Tagen sind es zehn Punkte, aber an schlechten niemals unter fünf.“ Nie war er früher politisch aktiv, dieses Engagement ist völliges Neuland für ihn. „Aber wenn ich eines Tages Kinder haben sollte und die mich fragen, was ich damals, im Sommer 2016 gemacht habe, dann kann ich ihnen sagen: Ich war bei den 48 Prozent.“

Die Debatte ist nicht zu Ende – und sie wird nicht nur in Großbritannien geführt. Auch in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Finnland, Dänemark, Ungarn, der Slowakei – überall sitzen nationalistische EU-Gegner den Regierenden im Nacken. „Ein Gestus der Geringschätzung, wenn nicht der Verächtlichmachung der EU als demokratisch legitimierter Handlungsrahmen hat sich in Politik und Medien eingebürgert“, heißt es in einer Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Doch gerade die Unruhe nach dem Brexit-Votum könnte die Argumente stärken, dass die EU eben doch ganz praktisch etwas für die Bürger bringt – denn London plagen nicht nur Konjunktursorgen, sondern auch die simplen Alltagsnöte der Briten, die auf dem Kontinent leben wollen. Arztbesuch im Ausland, Führerschein, Studienabschluss – macht wirklich jeder besser wieder seins? Nach dem großen Brexit-Beben scheint sich mancher darauf zu besinnen – was die Selbstfindung der Gemeinschaft insgesamt unterstützen dürfte.