USA

Micah Johnson – der Attentäter, der fünf Polizisten tötete

Zahlreiche Menschen legen für die fünf getöteten Polizisten in Dallas in den USA Blumen ab und zünden Kerzen an.

Zahlreiche Menschen legen für die fünf getöteten Polizisten in Dallas in den USA Blumen ab und zünden Kerzen an.

Foto: SHANNON STAPLETON / REUTERS

Der US-Armee-Veteran Micah Johnson tötete in Dallas gezielt Polizisten mit weißer Hautfarbe. Über den Täter wird immer mehr bekannt.

Washington.  Bei seinem Militäreinsatz in Afghanistan hatte er gelernt, mit dem Plastiksprengstoff C-4 umzugehen. Zuhause in den USA kam er durch die gefährliche Knetmasse um: Micah Johnson, der fünffache Polizisten-Mörder von Dallas, starb durch den Einsatz von Sprengstoff, der auf einem Roboter platziert wurde. Es ist der erste ferngesteuerte Tod, der auf das Konto eines der 18.000 Polizei-Departements im Land geht.

Als sich der dunkelhäutige Armee-Veteran Johnson während seines laut Polizei intensiv geplanten Amoklaufs in der Innenstadt der texanischen Metropole im 14. Stock eines Gebäudes verschanzte und über Stunden alle Bemühungen, ihn zur Aufgabe zu bewegen, gescheitert waren, griff Dallas’ Polizeichef David Brown zu einem bis dahin noch nie in Amerika eingesetzten Mittel.

Auf einem Spezial-Roboter vom Typ Andros der Waffenschmiede Northrop Grumman, der sonst benutzt wird, um verdächtige Gegenstände unschädlich zu machen, ließ Brown eine Ladung C-4 deponieren und sprengte Micah Johnson damit in die Luft. Zuvor hatte der 25-Jährige mehrfach erklärt, aus Zorn auf die jüngsten tödlichen Polizeiübergriffe auf Schwarze in Baton Rouge/Louisiana und St. Paul/Minnesota möglichst viele Weiße töten zu wollen. „Vor allem weiße Polizisten.“ Er fand seine Opfer, weiße Polizisten, bei einer friedlichen Demonstration gegen die jüngsten Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze.

Der Bürgermeister unterstützt den Bombeneinsatz

„Es ging nicht anders“, sagte Brown, der Chef von 4000 „Cops“ in Dallas, „sonst wären weitere Beamte in Lebensgefahr geraten.“ Bürgermeister Mike Rawlings unterstützte den Bombeneinsatz: „Mr. Johnson hätte herauskommen können und es wäre ihm nichts passiert, aber er hat sich anders entschieden.“ Chief Brown, der 2010 seinen eigenen Sohn (27) bei einem Polizeieinsatz verlor, wusste zum Zeitpunkt seiner Anweisung, dass seine Kollegen Patrick Zamarripa (32), Michael Krol (40), Lorne Ahrens (48), Michael Smith (55) und Brent Thompson (43) den folgenschwersten Anschlag auf Polizisten in Amerika seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht überlebt hatten.

Kriminologen und Waffen-Experten debattierten kontrovers über die Legalität des finalen Rettungsschusses via Bombe. Ein Mittel, das bisher nur vom Militär in Afghanistan oder im Irak eingesetzt wurde. Da erwartet wird, dass die Computer-gesteuerte Technik – analog zum Einsatz von unbemannten Drohnen in Kriegsgebieten – auch zur Gefahrenabwehr im Innern noch häufiger zur Anwendung kommen wird, sei ein „juristisch wasserdichtes Regelwerk“ notwendig, erklärten Menschenrechtsorganisationen.

Das Profil des Attentäters

Unterdessen bekommt das Bild des Täters, der seinen Akt nicht weit von der Stelle aus ausführte, an der Lee Harvey Oswald 1963 Präsident John F. Kennedy erschoss, immer mehr Konturen. Micah Johnson wuchs in Mesquite, 30 Kilometer östlich von Dallas, mit einem Bruder und einer Schwester auf. Seine Mutter, eine Kirchenangestellte, war alleinerziehend seit Johnson vier Jahre alt war. Nach der Highschool ging der als introvertiert beschriebene Mann zum Militär. In einer Ingenieursbrigade verlegte er sich auf handwerkliche Tätigkeiten wie das Schreinern und Maurern.

In dieser Funktion leistete er von November 2013 bis Juli 2014 auf dem US-Stützpunkt Baghram in Afghanistan Dienst. Wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung einer weiblichen Soldatin wurde er vorzeitig nach Hause geschickt. 2015 verließ er die Armee. Anfang 2015 arbeitete er für eine Agentur, die sich um Kinder und Erwachsene mit Entwicklungsstörungen kümmert.

Sympathien mit radikalen Schwarzen-Organisationen

Ab wann sich Johnson, wie durch mehrere Einträge und Fotos in sozialen Netzwerken belegt scheint, zu radikalen Schwarzen-Organisationen wie der „New Black Panther Party“ hingezogen fühlte und was den Ausschlag dafür gab, dass er im Haus seiner Mutter massenhaft Munition, Waffen, schusssichere Westen, Substanzen für Sprengstoff und Lehrmaterial über militärische Angriffs-Taktiken hortete, steht im Mittelpunkt der Ermittlungen.

Was man bisher weiß: Unmittelbar vor dem Massenmord zeigte sich Johnson mit einer der übelsten Hass-Gruppen aus der militanten Schwarzen-Szene solidarisch – der „African American Defense League“. Deren Anführer Mauricelm-Lei Millere hatte nach den tödlichen Polizei-Aktionen gegen die Afro-Amerikaner Alton Sterling und Philando Castile zu Beginn dieser Woche in Louisiana und Minnesota auf Instagram offen zum Mord an weißen Polizisten aufgerufen.

Die Polizei ging zunächst von mehreren Tätern aus

Johnson machte sich den Appell auf so perfide Weise zu eigen, dass die Polizei in Dallas über Stunden von mehreren Heckenschützen ausging. Wie Heimatschutzminister Jeh Johnson bestätigte, handelte der Todesschütze jedoch allein. Bei ihm wurden Notizen gefunden, wie man als „Sniper“ in Bewegung bleibt und gleichzeitig aus allen Rohren feuert.

Die Polizistenmorde in Dallas und die vorangegangenen Gewalt-Exzesse der Polizei gegen Schwarze haben die seit Jahren stärker gewordenen Spannungen zwischen den Rassen in den USA weiter angeheizt. In Georgia lockte ein 22-Jähriger einen Polizisten per Notruf in seine Wohnung und schoss. Ähnliche Vergeltunsgsaktionen ereigneten sich in Missouri und Tennessee.

Demonstrationen in mehreren Großstädten

Tausende Menschen gingen unterdessen in Großstädten wie New York, Atlanta, San Francisco und Philadelphia am Freitag auf die Straße, um Trauer und Zorn Ausdruck zu verleihen. Meist blieb es friedlich. In Phoenix und Rochester kam es jedoch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Dutzende Teilnehmer wurden vorübergehend festgenommen.

Justizministerin Loretta Lynch rief dazu auf, Ruhe zu bewahren und Dallas „nicht die neue Normalität“ werden zu lassen. In die gleiche Kerbe wird Anfang der Woche Präsident Obama bei einem Besuch in Dallas schlagen. Er hat seine Europareise im Licht des Brandherds daheim um einen Tag verkürzt.