US-Wahlkampf

Clinton schießt jetzt scharf: Trump ein „Sicherheitsrisiko“

Um die nationale Sicherheit sollte es gehen bei Hillary Clintons Rede in Kalifornien, wo am Dienstag Vorwahlen sind – aber es war vor allem ein Angriff gegen den vermuteten Gegner Donald Trump.

Um die nationale Sicherheit sollte es gehen bei Hillary Clintons Rede in Kalifornien, wo am Dienstag Vorwahlen sind – aber es war vor allem ein Angriff gegen den vermuteten Gegner Donald Trump.

Foto: MIKE BLAKE / REUTERS

Wenige Tage vor den Vorwahlen in Kalifornien bläst Hillary Clinton zum Angriff auf Donald Trump. Der möchte sie im Gefängnis sehen.

Washington.  Bis zum ersten großen TV-Duell der US-Präsidentschaftskandidaten in Dayton/Ohio sind es noch fast vier Monate. Aber Donald Trump weiß schon jetzt ziemlich genau, was ihn erwartet, falls Hillary Clinton bei den letzten Vorwahlen nächste Woche ihren hartnäckigen Widersacher Bernie Sanders endgültig abhängen sollte: Ununterbrochenes Sperrfeuer einer Gegnerin, die das ist, was die Amerikaner bewundernd „tough as nails“ nennen – knallhart. In San José blies die von Umfrage-Schwächen, unausgestandenen Affären und mangelnder Beliebtheit im Volk geplagte Demokratin in Ton und Inhalt derart zur Generalmobilmachung, dass von dem republikanischen Radikal-Populisten nach Ansicht von Kommentatoren „am Ende nur noch Trümmer übrig blieben“.

Clintons sorgfältig inszenierte Attacke ist eine Zäsur. Die ehemalige First Lady und Außenministerin wollte sich nach eigenen Beteuerungen nie auf das aggressive Niveau ihres Gegenspielers begeben. Perdu. Die heiße Phase des mehr als ruppigen Wahlkampfes – bei Trump-Veranstaltungen kommt es sogar regelmäßig zu gewalttätigen Scharmützeln zwischen Gegnern und Anhängern – wird nun noch „hässlicher, schmutziger und furchtbarer“ als befürchtet, prophezeit der Sender CNN.

Clinton sprach so vernichtend wie nie über den Gegner

Der rote Faden, den Clinton an der Westküste zum ersten Mal anhand von Trumps Äußerungen zur Nato, zu China, Russland, dem Nahen Osten, zu Folter, Muslimen, Mexikanern und dem Kampf gegen den Islamischen Staat minutiös ausrollte, geht so:

„Donald Trumps Ideen sind nicht nur anders, sie sind auf gefährliche Weise undurchdacht. Es sind nicht mal wirklich Ideen, sondern nur bizarre Beschimpfungen, persönliche Attacken und komplette Lügen. Trump ist nicht nur nicht bereit für den Job, sein Temperament macht ihn ungeeignet für ein Amt, das Wissen, Standhaftigkeit und immenses Verantwortungsgefühl erfordert. Dieser Mensch ist niemand, der jemals die Codes für die Atombombe haben sollte. Denn es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie Donald Trump uns in einen Krieg führt, nur weil jemand unter seine sehr dünne Haut geraten ist.“

Im Publikum rieben sich viele die Augen, als Clinton mit schneidender Stimme bilanzierte: „Donald Trump hat überhaupt kein Ahnung, wovon er redet.“ So böse und vernichtend hatte die ehemalige Chef-Diplomatin noch nie über einen politischen Gegner gesprochen.

Die Strategie dahinter ist klar, ob sie aufgeht nicht. Trumps glühende Anhänger, immun selbst gegen lückenlose Nachweise, dass ihr Held Unsinn erzählt oder schlicht lügt, hat sie längst abgeschrieben. Aber es soll sich ein Bild einprägen bei den vielen Millionen noch unentschlossenen Wechselwählern und Parteiunabhängigen, für die der 8. November noch sehr weit weg ist: Ich, Hillary Clinton, mag zwar meine Macken haben, aber ich kenn’ mich aus in der gefährlich komplizierten Welt. Mein Urteil ist abgewogen und erfahrungsgesättigt. Donald Trump dagegen ist ein loser Vogel, der außer Hochhäuserbauen nicht viel kann, sich nicht unter Kontrolle hat und uns und die ganze Welt an den Abgrund regiert.

Letzter Widerstand der Republikaner gegen Trump gebrochen

Eine kompromisslose Analyse, die weit bis in republikanische Kreise geteilt wird. Dort ist durch die offizielle Wahlempfehlung von Paul Ryan, Sprecher des Repräsentantenhauses und Nr. 3 im amerikanischen Staatsgefüge, nun auch der letzte Widerstand gegen den von vielen Konservativen gehassten Trump gebrochen ist. Aaron David Miller, Chefdenker im Woodrow Wilson Center in Washington und früher Berater von Präsident George H.W. Bush, hat Trumps Sicht auf die Welt anhand von dessen Büchern analysiert. Fazit: Der Geschäftsmann ist einem archaischen Freund-Feind-Schema verpflichtet.

In Trumps Buch „Think Big“ (Denke groß) von 2007 heißt es: „Die Welt ist ein grausamer, brutaler Ort. Es ist ein Ort, wo Menschen versuchen, dich zu töten, wenn nicht physisch, dann mental. Menschen wollen dich zerstören, vor allem, wenn du an der Spitze stehst.“ Einziges Serum dagegen: Sich Respekt verschaffen, wenn man angegriffen wird. „Zurückschlagen – und zwar zehn Mal härter.“

Millers Besorgnis: Was, wenn Trump diese Denke ins Oval Office überträgt? „Amerika kann sich nicht erlauben, in einem permanenten Zustand der Vergeltung zu sein. Nicht jede Herausforderung ist ein Nagel, der eines Hammers bedarf.“ Die Geschichte habe Amerika gelehrt, dass es auf „Nuancen, Zurückhaltung und Besonnenheit“ ankomme. Miller beruft sich auf John F. Kennedys militärische Selbstbeschränkung in der Kuba-Krise 1962, als die Welt nur Minuten vor einem Atom-Krieg entfernt war. Kennedys Geduld habe „Zeit für eine friedliche Lösung mit den Sowjets gekauft“, während seine Generäle für einen Militärschlag plädierten. Hätte Trump diese Nerven? Für Miller existiert die Hoffnung darauf nur in einer „sehr weit entfernten Galaxie“.

Donald Trump fordert Haft für Hillary Clinton

Clintons Ableitung: Keine Experimente wagen, Schlimmeres verhüten. Genüsslich ruft sie in Erinnerung, was republikanische Wahlkampfstrategen intern beunruhigt. Bereits 1987, als Ronald Reagan, der Säulenheilige der Republikaner, Präsident war, kaufte der Bau-Mogul Zeitungsanzeigen mit dem Tenor: „Amerika ist ein hoffnungsloser Fall – die ganze Welt nutzt uns aus und lacht über uns.“ Warum nur, fragt Clinton, soll jemand eine Nation führen dürfen, die er seit 30 Jahren wahrheitswidrig schlecht redet?

Donald Trump, selten um markige Konter verlegen, muss die Breitseite Clintons irritiert haben. Sie hat meine außenpolitischen Vorstellungen „völlig verzerrt“, klagte der Unternehmer kleinlaut, verzichtete aber auf Präzisierungen. Stattdessen spielte Trump seine Lieblingsrolle: Ankläger und Richter in einer Person. Wegen ihrer von der Bundespolizei FBI noch untersuchten E-Mail-Affäre (regelwidriger Gebrauch eines privaten Servers als Außenministerin), müsse Clinton „in den Knast“, rief Trump allen Ernstes seinen Anhängern zu. „Ehrlich, Leute – sie ist sowas von schuldig.“ Ehrlich?