US-Wahlkampf

Ted Cruz holt auf: Tea-Party-Radikaler will Trump zermürben

„Hillary, mach dich bereit, wir kommen!“ Ted Cruz gibt sich im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur selbstbewusst.

„Hillary, mach dich bereit, wir kommen!“ Ted Cruz gibt sich im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur selbstbewusst.

Foto: JIM YOUNG / REUTERS

Ted Cruz ist Donald Trump näher gekommen im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur. Er nennt es einen „Wendepunkt“.

Washington.  Ted Cruz war seiner Zeit am Dienstagabend wieder einmal meilenweit voraus. Anstatt seinen Kanter-Sieg gegen den unverändert mit weitem Delegierten-Abstand führenden Donald Trump bei den Vorwahlen im wertebewussten Arbeiter-Bundesstaat Wisconsin mit Bescheidenheit einzuordnen, griff der gewiefte Rhetoriker wie so oft schon nach den Sternen. „Hillary, mach dich bereit, wir kommen!“, rief er seinen Anhängern zu. So als wäre die Schlammschlacht um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bereits entschieden und ein Duell mit der demokratischen Rivalin im November unausweichlich. Dabei geht sie erst jetzt richtig los.

Der für seine unversöhnliche und erzkonservative Blockade-Politik bekannt gewordene Senator aus Texas hat den New Yorker Bau-Unternehmer mit dem Resultat in Wisconsin bis aufs Blut gereizt. Cruz, ließ der Milliardär sein Fan-Lager per Twitter wissen, sei schlimmer als eine Marionette. „Er ist ein trojanisches Pferd der Parteiführung.“ Ein Mann, der nur nach außen radikalen Widerstand a la Tea-Party demonstriere, nach innen dagegen in Washington jene „verlogene und verkommene“ Kungel-Politik betreibe, an der Amerika seit langem ersticke.

Cruz: „Heute ist ein Wendepunkt“

Cruz schöpft dagegen aus dem Ergebnis in Wisconsin den Glauben, Trump definitiv selber stoppen zu können. „Heute ist ein Wendepunkt. Wir haben eine echte Wahl“, sagte der 45-Jährige vor Anhängern in Milwaukee und listete stolz seine Erfolge aus den vergangenen zwei Wochen auf: Siege (bzw. substanzielle Delegiertenzuwächse) in Utah, Colorado, North Dakota und jetzt Wisconsin hätten die politische Landschaft „vollkommen verändert“. Nun ja.

Dass Cruz mit Wisconsin Trumps Griff nach der Nominierung bereits so gut wie vereitelt haben soll, geben weder die Mathematik noch der Kalender der kommenden Vorwahlen her, die am 7. Juni in Kalifornien enden. Trump liegt immer noch rund 230 Delegierten-Stimmen vor Cruz. Dass der 69-Jährige die noch fehlenden 500 Stimmen vor dem Parteitag Ende Juli in Cleveland erreichen kann, ist jetzt entschieden schwerer geworden - aber nicht unmöglich. Bereits ein Erdrutsch-Sieg am 19. April in seinem Heimat-Staat New York, wo Trump alle Umfragen mit weitem Abstand anführt - und die Erfolgsstory von Cruz hätte ihr Haltbarkeitsdatum bereits wieder überschritten. Die Wahlgänge eine Woche später in den Trump äußerst wohl gesonnenen Bundesstaaten Connecticut, Pennsylvania, Rhode Island, Delaware und Maryland sind hier noch nicht berücksichtigt.

Ähnlichkeiten zum Trump-Programm

Wie Trump trotzdem versuchen wird, den Sohn kubanischer Einwanderer mit allen Mitteln zu unterminieren, steht bereits fest. Cruz, ein religiöser Eiferer vor dem Herrn, der Toleranz nicht zu seinen vordringlichsten Anliegen zählt, ist seit seinem Eintritt in den Senat 2012 konstant als Spalter aufgetreten, den selbst Parteifreunde als „unerträglichen Egomanen“ bezeichnen.

Sein Programm ähnelt dem von Trump zu über 90 Prozent. Er will die Gesundheitsreform von Präsident Obama vollständig zurückdrehen, die Steuerbehörde IRS abschaffen, das Umweltschutzamt EPA schleifen, das Militär massiv aufrüsten, Russland und den Iran als Feinde behandeln, die landesweit legalisierte gleichgeschlechtliche Ehe auflösen, am Obersten Gerichtshof nur noch stramm konservative Richter zulassen, den Waffenkult fördern und den islamistischen Terrorismus durch „Flächenbombardierungen“ im Irak und in Syrien sowie die Überwachung von muslimisch dominierten Stadtvierteln in den USA bekämpfen.

Der Unterschied: Während Donald Trump, dokumentiert durch etliche Sinneswandel, vieles von dem vor allem vom Stapel lässt, um zu provozieren und die Schlagzeilen zu dominieren, meint Cruz buchstabengetreu, was er sagt. David Brooks von der New York Times erkennt in Cruz etwas Jakobinerhaftes und warnt eindringlich. In Cruz’ Weltbild seien „Nachsicht, Gnade und Mitmenschlichkeit“ unerwünschte Störfaktoren.

Republikanisches Establishment steht Cruz bei

Das weiß auch das händeringend nach einer Alternative zu Trump fahndende Establishment der republikanischen Partei. Und trotzdem hat sich Cruz in den vergangenen Wochen den Flankenschutz wichtiger Konservativer gesichert. Neben Ex-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney sprachen sich auch die gescheiterten Bewerber Jeb Bush, Scott Walker und Lindsey Graham unerwartet klar für den im kanadischen Calgary geborenen Cruz aus. Allgemeiner Tenor: Der ehemalige Generalstaatsanwalt von Texas sei das kleinere Übel im Vergleich zu dem Testosteron-gesteuerten Irrläufer Trump.

Dass laut Umfragen hinter der generellen Wählbarkeit von Ted Cruz in einem möglichen Aufeinandertreffen mit der Demokratin Hillary Clinton ein riesengroßes Fragezeichen steht, wird dabei geflissentlich ignoriert. Cruz löst in liberalen und unabhängigen Wählerschichten regelmäßig Kopfschütteln und Bauchschmerzen aus. „Der Mann hat etwas beunruhigend Demagogisches und Ideologisches an sich, das mir wirklich Angst macht“, sagte unlängst bei einer Wahlveranstaltung in Florida ein langjährig republikanisch wählender Arzt aus Miami dieser Zeitung.

Cruz greift in Wisconsin zum Weichzeichner

Ted Cruz, einst von der radikalen Tea-Party ins politische Haufischbecken Washington gespült, weiß um seine Verwundbarkeit. In Wisconsin griff er darum gemeinsam mit seiner zuletzt von Donald Trump unflätig angegangenen Ehefrau Heidi zum Weichzeichner und stilisierte sich als integrativer Erlöser der republikanischen Partei, hinter dem sich alle Flügeln versammeln können. „Wir sind nicht hier, um die Dunkelheit zu verfluchen, sondern um die Kerze anzuzünden, die uns in eine sichere und vernünftige Zukunft führen kann“, sagte Cruz mit noch mehr Pathos als sonst in der Stimme.

Der Satz ächzt unter seinem historischen Gewicht, wird er doch mit der früheren Präsidenten-Gattin Eleanor Roosevelt und dem demokratischen Präsidenten John F. Kennedy in Verbindung gebracht. Drunter macht es ein Ted Cruz nicht.