Wer schoss auf dem Maidan?

Ein Jahr nach der Gewalteskalation mit 100 Toten sucht die Ukraine noch immer nach Antworten

Kiew. Szenen wie am 20. Februar 2014 hatte es in Kiew seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben: Mit Holz- und Metallschildern waren die Demonstranten am frühen Morgen die Institutskaja-Straße in Richtung Präsidentenpalast gelaufen, wenig später fielen Schüsse. Fast 100 Regierungsgegner bezahlten ihre Teilnahme an den pro-europäischen Protestmärschen mit dem Leben. Die Hintergründe sind bis heute nicht aufgeklärt. Am Freitag trug die Hauptstadt der Ukraine deswegen Trauer.

Genau ein Jahr ist es her, dass der Maidan-Platz im Stadtzentrum von Kiew in Gewalt versank. Die Regierung hatte sich geweigert, ein EU-Partnerschaftsabkommen zu unterzeichnen. Präsident Viktor Janukowitsch bezahlte diese Entscheidung mit seinem Rücktritt und seiner Flucht aus dem Land.

Von dem Blutbad auf dem Maidan hat sich das Land bis heute nicht erholt. Das Chaos in Kiew hat dazu beigetragen, dass früh erste Mythen entstehen konnten. Eine Ärztin erzählte, die meisten Menschen seien durch gezielte Schüsse von Scharfschützen getötet worden. Eine Abgeordnete sprach hingegen im ukrainischen Parlament von Schützen auf den Dächern, die mal auf Polizisten, mal auf Demonstranten geschossen hätten. Die Rede ist von einer so genannten „dritten Kraft“, die die Gewalt in Kiew eskalieren ließ.

Die Ermittlungen dauern an. Die Staatsanwaltschaft behandelt den Tod der Polizisten und den der Demonstranten als unterschiedliche Fälle. Zwei ehemalige Polizisten aus der Sondereinheit Berkut stehen vor Gericht. Ihnen wird Mord an 39 Demonstranten vorgeworfen. Ein Berkut-Kommandeur, Dmitri Sadownik, der ebenfalls angeklagt wurde, konnte unter dubiosen Umständen aus dem Land fliehen. Gleich nach der Schießerei waren viele Beweise vernichtet worden. So sind die Kalaschnikows, die die Sondereinheit am diesem Tag nutzte, spurlos verschwunden. Es gibt auch keine Dokumente, die zeigen, welche Polizisten an diesem Tag an der Institutskaja-Straße im Einsatz waren. Deshalb kann man sie nur anhand von Videos identifizieren. „Ein Verzeichnis, wer von den Berkut-Polizisten an welchem Tag im Einsatz war, wurde bereits seit Januar nicht geführt“, sagt die Anwältin Jewgenija Sakrewskaja, die im Gericht Interessen von Verletzten und Angehörigen der Toten vertritt.

Die Version, dass an diesem Tag mysteriöse Scharfschützen gleichzeitig auf beide Seiten geschossen haben, scheint ein Jahr später nicht mehr zu halten zu sein. „Wir haben keine Beweise dafür, dass Protestler und Polizisten von gleichen Menschen aus gleichen Waffen getötet wurden“, sagt der ukrainische Ermittler Alexej Donskoj: „Der Großteil von Protestlern wurde nicht aus Scharfschützengewehren, sondern aus Kalaschnikows getötet und verletzt.“ Die Mitglieder der Berkut-Sondereinheit von Sadownik seien ausgerechnet an diesem Morgen mit Kalaschnikows bewaffnet worden. Die Polizisten seien dagegen aus anderen Waffen verletzt oder getötet worden, etwa aus Jagdgewehren und Pistolen.

Nach dem ersten Schusswechsel zog sich die Polizei zurück

Der damalige Kommandant der Maidan-Selbstverteidigung, Andrij Parubi, ist heute der stellvertretende Sprecher des ukrainischen Parlaments. Er ist Anhänger der Version über die „dritte Kraft“. „Ich habe bei der Selbstverteidigung keine Waffen gesehen“, sagt er. Am 20. Februar traf er am frühen Morgen den polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski und versuchte ihm auszureden, den Maidan zu besuchen, weil es zu gefährlich war. „Um kurz nach 8 Uhr gab es bei uns die ersten Toten“, sagt er. Zur gleichen Zeit habe er eine SMS vom Abgeordneten Andrij Schewtschenko bekommen, der die ganze Zeit im Kontakt mit einem Berkut-Kommandeur stand. Schwetschenko schrieb, es werde mit scharfer Munition auf Polizisten geschossen – angeblich aus dem Gebäude des Konservatoriums, das unter Kontrolle von Demonstranten stand. „Ich habe meine Leute geschickt, die das Konservatorium durchsucht und keine Schützen gefunden haben“, sagt Parubi. Allerdings gibt es Fotos, die im Konservatorium von einem ukrainischen Fotografen gemacht wurden und Menschen mit Jagdgewehren zeigen. Der britische Sender BBC hat mit einem der Protestler gesprochen, der aus dem Konservatorium geschossen hat. Er sagt, er habe niemanden töten wollen, sondern auf die Füße der Polizisten geschossen.

Nach dem ersten Schusswechsel zog sich die Polizei zurück, die Institutskaja-Straße hoch. Die Maidan-Demonstranten liefen nach. Dann feuerten die Polizisten aus Maschinenpistolen auf alle Demonstranten, die ihnen entgegenliefen. „Alle Demonstranten, die am 20. Februar verletzt und getötet wurden, hatten keine Waffen dabei“, sagt der Ermittler Donskoj. „Gleichzeitig wurde kein Mensch von denen, die auf Polizisten geschossen haben, getötet oder festgenommen.“ Deshalb geht die Anklage im Fall von Berkut-Polizisten nicht davon aus, dass sie aus Notwehr handelten.

Die Ermittler gehen noch einer „russischen Spur“ nach, möglichen Kontakten Janukowitschs mit russischen Geheimdiensten. „Am 20. Februar hat Janukowitsch seit 7.30 Uhr und während der Schießerei mit russischen Nummern telefoniert“, sagt Donskoj: „Einige dieser Nummern haben ihn am 22. und 23. Februar während seiner Flucht nach Russland ‚begleitet’.“ Donskoj glaubt, es könnte eine „dritte Kraft“ gegeben haben. Aber vielleicht waren gar keine geheimnisvollen Schützen nötig zur Gewalteskalation.