Hoffnung auf Frieden stirbt im Geschosshagel

Der Beschuss der Stadt Mariupol markiert einen neuen Höhepunkt im Krieg um die Ostukraine. Mindestens 30 Zivilisten getötet

Mariupol. Die Einwohner der ukrainischen Stadt Mariupol am Asowschen Meer leben schon seit Monaten nahe der Front. Dennoch hofften sie immer, dass sie vom Krieg verschont bleiben würden. Doch am Sonnabend war es mit dieser Hoffnung vorbei. Am Morgen trafen erste Raketen den Osten der 400.000-Einwohner-Stadt. Der Beschuss dauerte den ganzen Tag. Geschosse schlugen auf dem Markt und in Wohngebieten ein, keinen halben Kilometer von den Kontrollposten der ukrainischen Armee entfernt. Mindestens 30 Zivilisten kamen ums Leben, es gab rund 100 Verletze.

Beobachter der OSZE-Mission in der Ukraine, die gleich nach dem Anschlag mit ihrer Untersuchung begannen, kamen zu dem Schluss, dass der Beschuss aus den von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebieten erfolgt sein müsse. Die Stadt wurde aus Mehrfachraketenwerfersystemen der Typen Grad und Uragan beschossen. Die Grad-Raketen kamen laut der OSZE-Analyse aus dem Dorf Oktjabr, das 19 Kilometer nordöstlich von Mariupol liegt, die Uragan wurden vermutlich aus dem Dorf Saitschenko gestartet. Beide Orte werden von Separatisten beherrscht.

Seit mehreren Tagen toben wieder heftige Kämpfe in der Ostukraine. Das ukrainische Verteidigungsministerium spricht von einer Offensive in mehreren Orten zwischen Lugansk und Mariupol. Nach ukrainischen Angaben hatten die Separatisten vor der Offensive eine Verstärkung sowie neue Waffen- und Munitionslieferungen aus Russland bekommen. In der vergangenen Woche musste die ukrainische Armee ihre Positionen am Flughafen von Donezk aufgeben, der monatelang hart umkämpft worden war.

Was genau die Separatisten und ihre russischen Unterstützer planen, bleibt undurchsichtig. Gleich nach dem Beschuss von Mariupol behaupteten die prorussischen Milizen, dass sie keine Verantwortung dafür trügen und der Beschuss eine Provokation der ukrainischen Armee gewesen sei. Kurz darauf jedoch erklärte Rebellenführer Alexander Sachartschenko, der an der Spitze der selbst erklärten „Volksrepublik Donezk“ steht, dass seine Truppen eine Offensive auf Mariupol begonnen hätten. „Das wird das beste Denkmal für unsere Toten sein“, erklärte Sachartschenko, während er in Donezk Blumen an einer Haltestelle niederlegte, wo am Donnerstag 13 Menschen bei Gefechten ums Leben gekommen waren. Später erklärte er wiederum, man habe nicht vor, Mariupol zu stürmen.

Noch am Freitag hatte Sachartschenko angekündigt, dass er seine Offensive bis zur Grenze des Gebiets Donezk vorantreiben will. „Von unserer Seite wird es keine Gespräche über eine Waffenruhe mehr geben“, sagte er. Die Gespräche in Minsk würden keinen Sinn machen. Sachartschenko will nur direkt mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko sprechen. Er erklärte auch, dass seine Einheiten keine Gefangenen mehr nehmen würden. Mariupol ist die zweitgrößte Stadt im Gebiet Donezk mit einem Hafen und wichtigen Industriebetrieben. Wenn die Separatisten ihre Gebiete erweitern wollen, wäre Mariupol der wertvollste Ort und das Ziel für den nächsten Angriff.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hält trotz der Eskalation an den Vermittlungsbemühungen fest. „Wir sollten das Ende der Diplomatie nicht zu früh erklären. Wer es erklärt, nimmt in Kauf, dass die Dinge sich selbst überlassen werden“, sagte er.

US-Außenminister John Kerry schlug in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow nach Angaben des Außenministeriums in Moskau vor, die internationalen Verhandlungen auszuweiten. Die Ukraine dringt auf eine Beteiligung der USA. Lawrow sagte, vor allem müssten Kiew und die Separatisten miteinander sprechen. Er machte die ukrainische Armee für die Verschärfung der Lage verantwortlich. Zuvor hatte Kerry Russland vorgeworfen, die Separatisten mit modernen Waffen zu versorgen, und weiteren Druck auf Moskau angedroht. Auch EU und Nato forderten Russland auf, die Hilfe für die Separatisten einzustellen. Lettland verlangte ein Treffen der EU-Außenminister. Moskau bestreitet, den Aufständischen mit Soldaten und Waffen zur Seite zu stehen.

Im Uno-Sicherheitsrat scheiterte eine Verurteilung der Ereignisse in Mariupol. Großbritannien und Russland warfen sich gegenseitig vor, eine gemeinsame Erklärung blockiert zu haben. Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte die Gewalt scharf. Die Raketen schienen wahllos auf Wohngebiete abgefeuert worden zu sein, sagte er. Das wäre ein Verstoß gegen internationales Menschenrecht.