Verteidiger von Kobane erhalten lang erwartete Verstärkung

Kurdische Peschmerga bringen schwere Artillerie mit und bombardieren Stellungen der Terrormiliz IS. Im Irak töten Dschihadisten mehr als 200 Mitglieder eines Klans

Kobane. „Nach der Ankunft der Peschmerga ist die Moral natürlich bestens“, berichtet Asia Abdullah, Präsidentin der syrischen Kurdenpartei (PYD), aus Kobane. „Sie haben Waffen mitgebracht, die wir dringend brauchen: schwere Artillerie, Raketenwerfer, Mörser, Panzer und reichlich Munition.“ Seit dem 16. September wird Kobane von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angegriffen. Mehrfach hatte man den Untergang der syrischen Grenzstadt zur Türkei vorausgesagt. Und das, obwohl Kampfflugzeuge der von den USA angeführten Koalition täglich Stellungen und vom IS besetzte Gebäude bombardieren.

Mit der Verstärkung durch 150 Peschmerga-Kämpfer aus der autonomen Kurdenregion im Irak scheint sich das Blatt zugunsten der Verteidiger der Stadt zu wenden. Wenige Stunden nach ihrer Ankunft zerstörten die Peschmerga mit ihrer Artillerie Stellungen des IS in einem sieben Kilometer nordöstlich von Kobane gelegenen Dorf. Für die syrischen Kurdenmilizen war das bisher undenkbar. Mehrere Tage war der Militärkonvoi aus dem Irak über die Türkei nach Kobane unterwegs. Nach langen Verhandlungen und erst auf Druck der USA erteilte die Türkei die Genehmigung, ihr Staatsgebiet zu durchqueren. Über die Türkei führt der einzige Zugang in die Stadt, die auf syrischer Seite komplett eingekreist ist. „Wir hätten uns mehr gewünscht, die Türkei ist jedoch das Problem und lässt nicht mehr zu“, erklärt Präsidentin Abdullah. „Aber die Hilfe ist ein symbolischer Akt, ein Türöffner für die Einigkeit aller Kurden.“ Erst im März hatten die irakischen Kurden ihre Grenzen zur Kurdenregion in Nordsyrien geschlossen. „Terroristen“ hatte die Regierung in Erbil die sozialistisch ausgerichtete PYD und die ihr angeschlossenen Milizen genannt. Nun hat der Kampf gegen die Extremisten des IS beide Parteien wieder zusammengebracht.

Die Kämpfer der syrischen Kurdenmilizen (YPG) in Kobane sind zufrieden. „Bisher haben wir nur mit leichten Waffen gekämpft“, sagt Schoresch Hassan, Sprecher der YPG in der umkämpften Stadt. „Mit der großkalibrigen Artillerie haben wir neue Möglichkeiten und können uns die Islamisten vom Leibe halten.“ Unter den 150 Peschmerga gebe es zudem eine Spezialeinheit, die Ziele der Kampfflugzeuge bestimmt. Bisher habe die YPG die Koordinaten von IS-Positionen nicht direkt nach Erbil zum Krisenstab geschickt, der mit der Koalition die Luftangriffe koordiniere, sondern auf dem Umweg über Kamishli, die Hauptstadt der syrischen Kurdenregion al-Dschasira. Dort seien die Daten erst überprüft worden, bevor man sie nach Erbil weitergegeben habe. „Nun ist das anders“, sagt Hassan, „die Daten gehen direkt zum Krisenstab und sind durch die Spezialisten am Boden präziser.“ Die Kampfflugzeuge könnten so schneller und zielgenauer reagieren.

Hassan hat das Propagandavideo des IS mit dem gekidnappten Journalisten John Cantlie gesehen. „Es ist Blödsinn, was da behauptet wird“, sagt der YPG-Sprecher. „Kobane steht nicht vor der unmittelbaren Einnahme durch die Terroristen. Die Situation ist die Gleiche wie noch vor zwei Wochen.“ Etwa 40 Prozent der Stadt seien in der Hand des IS, der fast täglich versuche, den Grenzübergang zur Türkei zu erobern. „Sie sind ein bis zwei Kilometer davon entfernt und schießen von ihrer Position aus nonstop mit Mörsern“, erzählt Hassan weiter. Innerhalb der vergangenen Woche hätten Selbstmordattentäter zwölfmal versucht, in mit Sprengstoff beladenen Autos oder Lastwagen weiter vorzudringen. Aber die Scharfschützen der YPG hätten das verhindert. Mit der Peschmerga-Verstärkung werde man jetzt Stadtteil für Stadtteil von Kobane befreien, um dann die umliegenden Dörfer zurückzuerobern. Die kurdischen Verteidiger des strategisch so wichtigen Ortes an der Grenze zur Türkei sind äußerst zuversichtlich.

Was ihnen im Falle einer Eroberung durch die Extremisten des IS blüht, wurde am Wochenende im Irak deutlich. In der Provinz Anbar wurde ein Massengrab mit 50 Leichen gefunden. Die Männer waren in Ras al-Maa, einem Dorf nördlich von Ramadi, auf der Straße erschossen worden. Sie gehörten zum sunnitischen Stamm der Albu Nimr und wurden dafür bestraft, dass sie mit der irakischen Zentralregierung den IS bekämpfen. Viele der Stammesmitglieder mussten flüchten, als die Terrorgruppe vergangene Woche die Stadt Hit einnahm. Insgesamt sollen 200 Klanmitglieder Opfer des IS geworden sein, wie Polizeioffizier Schaaban al-Obaidi erklärte. Der stellvertretende Provinzchef von Anbar, Faleh al-Essaui, sprach von 258 Todesopfern. „Jeder, der den Familiennamen Nimraui in seinem Ausweis trägt“, werde zum Ziel der IS-Kämpfer, sagte al-Essaui.