Großbritannien

Per Schwert geeint, durch Volksabstimmung getrennt?

In Glencoe wurden Filme wie „Highlander“, „Braveheart“, „Rob Roy“, „James Bond: Skyfall“ und „Harry Potter“ gedreht. Wer dem schottischen Freiheitswillen nachspüren will, sollte genau hier hin reisen.

Hamburg. Wer dem schottischen Freiheitswillen nachspüren will, sollte in die Highlands reisen. Es ist eine Landschaft, die in ihrer kargen, mystischen Schönheit eine unbändige Kraft ausstrahlt. Wer hier in früheren Jahrhunderten überlebt hat, in Wintern zumal, wenn eisige Winde über das Land heulen, von keinem Baum gebremst, der lässt sich nicht so einfach den Nacken beugen. Auch das Tal von Glencoe ist so ein starker, magischer Ort. Filme wie „Highlander“ wurden hier gedreht, „Braveheart“, „Rob Roy“, „James Bond: Skyfall“ und „Harry Potter“. Ein in allen Grüntönen leuchtender Grasteppich schwingt sich sanft die verwitterten Vulkankegel hinauf. Wenn grauer Nebel durch das Tal kriecht, wird dessen düsterer Charakter offenbar.

Glencoe – das ist seit mehr als 300 Jahren ein Schreckenswort in der schottischen Geschichte. Und auch für das Verhältnis zu England wirkt ein grausiges Ereignis von damals bis heute nach. Der in Den Haag geborene Wilhelm von Oranien, als Wilhelm III. seit 1689 König von England, Schottland und Irland, Nachfolger des vom Londoner Parlament gestürzten, von den Schotten aber bis heute geliebten Jakob II. aus dem Haus Stuart, hatte damals ultimativ einen Treueeid von den ungebärdigen schottischen Clans verlangt. Wer ihn bis zum 1. Januar 1692 nicht vor einem Richter ablegte, sollte des Todes sein. Hintergrund war der Aufstand von 1689, in dem die Schotten bei Killiecrankie ein königliches Heer vernichtend geschlagen hatten. Nur konnten sie keinen weiteren Nutzen daraus ziehen, da ihr charismatischer Anführer John Graham of Claverhouse, genannt „Bonnie Dundee“, in der Schlacht von einem verirrten Pfeil getötet wurde. Der Literaturnobelpreisträger und Kriegspremier Winston Churchill hat Wilhelm III. wenig charmant als einen Egomanen beschrieben, in dessen „ausgezehrter und gebrechlicher Hülle“ ein „unbarmherziges Feuer“ gebrannt habe. Der König handelte einzig in englischem Interesse – und dies brutal zulasten der Schotten.

Das Massaker von Glencoe

Doch im Dezember 1691 begab sich Clanchef Alastair MacDonald gehorsam nach Fort William, wo ihm aber mitgeteilt wurde, er müsse den Eid in Inveraray ablegen. Dort kam er aufgrund schlechten Wetters einige Tage zu spät an und leistete den Eid am 6. Januar vor Sir Colin Campbell. Doch König Wilhelm hatte in London bereits das Todesurteil für den Clan MacDonald unterschrieben und die mit ihnen traditionell verfeindeten Campbells mit der Ausführung beauftragt. Königliche Truppen unter Robert Campbell quartierten sich scheinbar freundschaftlich bei den MacDonalds in Glencoe ein, brachen dann am 13. Februar 1692 grausam die Gastfreundschaft und ermordeten in der Nacht 38 Männer der MacDonalds. 40 Frauen und Kinder erlagen zudem der eisigen Witterung, da man ihre Häuser niedergebrannt hatte.

Das Massaker von Glencoe wirkt bis heute nach – innerschottisch, indem viele Kinder noch heute lernen „never trust a Campbell“ (Traue niemals einem Campbell) oder indem etwa die beliebte Kneipe Clachaig Inn im Ort Glencoe an der Tür das Schild aufweist: „Zutritt für Hausierer und Campbells verboten“. Und natürlich im Verhältnis zu England – das Glencoe-Massaker lieferte Munition für weitere Aufstände der Jakobiten, also der Anhänger von Jakob II., in den Jahren 1708, 1715, 1722/23 und 1745/46 – und dies ungeachtet der Tatsache, dass Schottland bereits 1707 mit England zum Königreich Großbritannien vereinigte wurde.

Die überstürzte Flucht des schottischen Feldherrn Charles Edward Stuart, genannt „Bonnie Prince Charlie“, nach der verlorenen Schlacht von Culloden 1746 auf die Insel Skye und dann weiter nach Frankreich wird bis heute in dem populären Lied „My Bonnie Lies Over The Ocean“ besungen. Die Briten reagierten mit großer Brutalität auf diesen letzten großen Aufstand der Schotten, richteten viele Clanmitglieder hin und verboten den Schotten gar das Tragen ihrer Hochlandkleidung. Ein erheblicher Teil des alten gälischen Kulturgutes starb damals für immer.

Der „45er“ Aufstand ist bis heute in Schottland unvergessen. Es war das letzte gewaltsame Aufbäumen dieses ungemein freiheitsliebenden Volkes. Aber der Konflikt mit England gärte zu diesem Zeitpunkt bereits seit vier Jahrhunderten. Der englische Einfluss auf ihre ungebärdigen Nachbarn im Norden war bereits im 11. Jahrhundert spürbar. Nachdem das schottische Königsgeschlecht 1290 ausgestorben war, annektierte der englische König EduardI. Schottland kurzerhand. Der geschickt agierende, aber gewissenlos brutale Monarch, aufgrund seiner damals außergewöhnlichen Größe von 1,88 Metern „Langschenkel“ genannt, erwarb sich bald einen weiteren Beinamen, der auch auf seinem Grabstein prangt: der „Schottenhammer“.

Schlacht von Stirling Bridge

Doch ein gar zwei Meter großer Hüne führte die schottischen Freiheitskämpfer 1297 in der Schlacht von Stirling Bridge zum Sieg über die Truppen von „Longshanks“: William Wallace, der „Braveheart“ aus den schottischen Legenden und dem Hollywood-Kino. Nach einer weiteren, diesmal verlorenen Schlacht wurde er von einem schottischen Burgherrn an Eduard I. verraten und, weil er sich weigerte, diesem den Treueeid zu schwören, am 23. August 1305 in London öffentlich kastriert, ausgeweidet und zerstückelt. Noch unter dem Messer des Henkers soll er Eduard geschmäht haben. Das Drama um „Braveheart“, dieses tapfere schottische Herz, wirkt bis heute in Schottland stark nach. Eduard hatte mit Wallace’ grausamer Hinrichtung die „Schottenfrage“ ein für alle Mal lösen wollen – doch stattdessen schuf er einen überlebensgroßen patriotischen Helden mit Märtyrerstatus und legte den Keim für neue Aufstände.

Was William Wallace verwehrt blieb, erreichte wenig später Robert the Bruce. 1296 hatte dieser Nachfahre des schottischen Königs David I., der von 1124 bis 1153 regierte, noch König Eduard den Treueeid geleistet. „Longshanks“ traute Robert aber nicht – zu Recht, wie sich zeigte. Schon 1297 zerstörte Robert the Bruce eine von den Engländern gehaltene Burg bei Ayr. 1306 wurde Robert von Eduard besiegt und floh. Der englische König marschierte Frühjahr 1307 ein weiteres Mal in Schottland ein und verteilte dabei Roberts Ländereien an seine Gefolgsleute. Doch der „Schottenhammer“ starb im Juli; sein schwächlicher Sohn Eduard II. folgte im auf den Thron.

Robert überzog die Engländer nun mit einem Guerillakrieg; eroberte mehrere Städte zurück und fiel gar in Nordengland ein. Ende Juni 1314 gelang es 9000 Schotten unter Robert the Bruce, das englische Heer von 25.000 Mann vernichtend zu besiegen. Als Robert I. bestieg er den schottischen Thron und schlug eine weitere englische Armee. Eduard II. musste einen Waffenstilstand annehmen. Es sind diese kämpferischen Vorbilder aus den Nebeln des Mittelalters wie William Wallace und Robert the Bruce, die den schottischen Freiheitswillen bis heute befeuern.