Christen-Verfolgung im Irak

Islamisten vertreiben Andersgläubige. Politiker fordern, mehr Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen

Hamburg. In der biblischen Stadt Ninive, dem nordirakischen Mossul, leben vermutlich keine Christen mehr. Wo einst der Prophet Jona wirkte und seit 1600 Jahren christliche Gottesdienste gefeiert wurden, herrscht das Terrorregime der Dschihadisten. Mit beispielloser Gewalt gehen die Söldner des „Islamischen Staates“ (IS) gut 360 Kilometer von Bagdad entfernt gegen religiöse und ethnische Gruppen vor, die nicht in ihre Hassideologie passen. Christen, Schiiten oder Turkmenen müssten mit „grausamen Menschenrechtsverletzungen“ rechnen, warnte jetzt Rita Izsak, Uno-Sonderberichterstatterin für Minderheiten.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) reagiert mit großer Besorgnis auf die Nachrichten von ihren ökumenischen Partnern im Irak. „Wir verurteilen alle Gewalt und jegliche Einschüchterungsversuche, denen die christlichen Gemeinden im Irak ebenso wie Schiiten, moderate Sunniten, Kurden und Yesiden ausgesetzt sind“, sagte EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber am Freitag dem Abendblatt. „Wir ermutigen die Entscheidungsträger in Berlin und Brüssel, sich für den Schutz der Zivilbevölkerung in den von ISIS mit Gewalt überzogenen Gebieten einzusetzen.“

Verschärft hatte sich die Lage für die religiösen Minderheiten erneut vor wenigen Tagen. Wie die christliche Hilfsorganisation Open Doors berichtet, stellten die radikalen Islamisten den Christen in der Drei-Millionen-Metropole Mossul ein Ultimatum: „Sagt eurem Glauben ab und werdet Muslime oder verlasst ohne allen Besitz die Stadt! Andernfalls bleibt euch nur der Tod durch das Schwert.“ Darüber hinaus wurden die Häuser der Christen mit dem arabischen N-Buchstaben gekennzeichnet. N steht für „Naseriten“ bzw. „Nazerener“ und ist die islamische Bezeichnung für Christen. Kirchliche Beobachter gehen davon aus, dass daraufhin fast alle der verbliebenen 3000 Christen die Flucht in die kurdischen Gebiete ergriffen hätten. Ihre Häuser seien danach von der Terrormiliz geplündert worden. Lebten im Jahr 2003 noch rund 50.000 Christen in der zweitgrößten irakischen Stadt, so dürfte es jetzt fast keiner mehr sein. Die Bischöfe im Nordirak berichten inzwischen von zerstörten Kirchen, Klöstern, Handschriften und Reliquien. In die Luft gesprengt wurde in Mossul sogar die Moschee für den Propheten Junis, den – biblisch als Jona – Christen und Muslime gleichermaßen verehren. Zudem gibt es Berichte über Vergewaltigungen und Kreuzigungen. Um dem Tod zu entkommen, befinden sich derzeit nach Kirchenangaben 500.000 Menschen im Irak auf der Flucht. Von den mehr als 1,2 Millionen Christen, die Anfang der 1990er-Jahre in diesem Land lebten, sind höchstens noch 300.000 übrig geblieben, schätzt Open Doors.

Repressalien richten sich jetzt auch gegen Frauen. Sie dürfen sich in Mossul nur noch voll verschleiert in der Öffentlichkeit zeigen. Andernfalls drohten ihnen schwere Strafen, teilten die Anführer mit. Frauen sollten auf diese Weise vor Anstarren, Erniedrigungen und vulgärem Benehmen geschützt werden, erklärte eine Sprecher des „Islamischen Staates“. Für Aufsehen sorgte jetzt die Nachricht, die IS-Miliz habe die Genitalverstümmelung von Frauen angeordnet. Der Menschenrechtler Rüdiger Nehberg aus Rausdorf bei Hamburg sagte dazu dem Abendblatt: „Diese Nachricht ist ein Horror. Wenn sie stimmt, müssen sich die Verantwortlichen im Islam von diesem Verbrechertum distanzieren.“ Die Uno in Genf dementierte allerdings am Freitag die Information, es habe eine Beschneidungs-Fatwa gegeben.

Die bedrohliche Situation im Irak für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen löst in Deutschland Entsetzen aus. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx zeigte sich bestürzt über die Christenverfolgung: „Hier muss eine Erschütterung durch Europa, durch unser Land gehen, dass wir nicht nur Mitleid haben, sondern auch Solidarität.“ Der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Klimke, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, sagte dem Abendblatt: „Die Uno und die Flüchtlingsorganisationen müssen ihre finanziellen Mittel für die Flüchtlinge dringend erhöhen. Außerdem sollte es in Deutschland eine Priorität für die Aufnahme von Flüchtlingen mit christlichem Glauben geben.“ Das gelte ebenfalls für Flüchtlinge nicht christlicher Religionen, deren Angehörige bereits in Deutschland leben.

Im Internet kursiert jetzt eine besondere Form des Protestes gegen die Christenverfolgung durch die Dschihadisten. Die Kirche von England zeigt als Twitter-Profil das arabische Zeichen für den Buchstaben N – und damit das islamische Symbol für die Christen (Nazaräer). Auch Michael Diener nutzt es jetzt für seinen Facebook-Account. Diener ist Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz und Repräsentant von 1,3 Millionen Christen. „Es ist notwendig, dass sich religiöse wie politische Verantwortliche im Islam und in muslimischen Staaten von diesem inakzeptablen Verhalten distanzieren“, sagte er dem Abendblatt. „Wir als Allianz fordern, dass die christlichen Minderheiten in islamischen Ländern geschützt werden. Wir wollen Religionsfreiheit – und das Recht, die Religion wechseln zu dürfen.“