Schüsse aus Kliniken, Raketen in Schulen

Videos und Berichte deuten darauf hin, dass die Hamas neutrale Einrichtungen und Zivilisten als Schutzschilde nutzt. Uno-Chef fordert Aufklärung

Tel Aviv/New York/Berlin. Parallel zu den Kämpfen in Gaza tobt eine moralische Auseinandersetzung um die Kriegsführung in dem Küstenstreifen. Israels Vorgehen wurde häufig kritisiert, doch nun gibt es immer mehr Anzeichen dafür, dass die Hamas sich nicht an die Grundregeln der Kriegsführung hält – indem sie Angriffe von zivilen Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäusern startet und so unbeteiligte Bürger bewusst der Gefahr aussetzt, zu Zielen israelischer Gegenschläge zu werden.

Der Sprecher der israelischen Armee veröffentlichte Mittwochnacht ein Video, das zeigen soll, wie palästinensische Kämpfer aus einem Krankenhaus heraus das Feuer auf Soldaten eröffnen. Die israelische Armee forderte den Klinikdirektor daraufhin auf, das Gebäude zu räumen. Nachdem das Militär nach eigenen Angaben sichergestellt hatte, dass sich keine Zivilisten mehr darin aufhielten, wurde es aus der Luft zerstört. Ein anderes Video der Armee soll Hamas-Kämpfer zeigen, die Krankenwagen nutzen, um zu Kampforten zu gelangen. Sollten die Videos authentisch sein, würde es sich wie bei der Verletzung der Neutralität der Uno-Schulen um Kriegsverbrechen handeln.

Wenn israelische Soldaten hinter jedem Krankenwagen oder Ärzteteam Feinde vermuten müssen, erhöht das die Gefahr, dass eigentlich unantastbare Sanitäter versehentlich angegriffen werden. Unter anderem deshalb gehört die klare Kennzeichnung von Kämpfern zu den grundlegenden Bestimmungen des Kriegsvölkerrechts.

Für Empörung bei den Vereinten Nationen sorgt der Umstand, dass in mehreren Uno-Schulen im Gazastreifen Raketen versteckt wurden. Dadurch seien die Gebäude zu möglichen Angriffszielen gemacht worden, sagte Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon. Die Leben von unschuldigen Kindern, Uno-Mitarbeitern und all jenen, die in den Uno-Schulen Schutz suchten, seien dadurch in Gefahr gebracht worden. Ban ließ offen, wem er die Deponierung der Raketen zuschrieb. Da der Gazastreifen von der Hamas kontrolliert wird, liegt allerdings nahe, wer im Verdacht steht.

Das Uno-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge, UNRWA, hatte vergangene Woche in einer ihrer derzeit verlassenen Schulen 20 Raketen gefunden, die inzwischen aber verschwunden sind. Am Dienstag waren in einer anderen verlassenen Uno-Schule in dem Gebiet Raketen gefunden worden.

Bei Twitter häufen sich Berichte ausländischer Journalisten in Gaza, wonach die Hamas die Bevölkerung und internationale Berichterstatter als menschliche Schutzschilde missbrauche. Die kanadische Reporterin Janis Mackey Frayer berichtete aus dem Stadtviertel Sadschaia, in dem es in den vergangenen Tagen nach schwerem Beschuss zu zahlreichen Todesopfern gekommen war, wie sie „mehrere Kämpfer der Hamas“ sah. Einer sei als Frau verkleidet gewesen, doch „die Spitze eines Gewehrlaufes lugte unter seinem Kleid hervor“.

John Reed, Chef des Büros der britischen „Financial Times“ in Jerusalem, berichtete von „zwei Raketen, die auf Israel aus unmittelbarer Nähe des Schifa-Krankenhauses abgefeuert wurden, während Bombenopfer eingeliefert wurden“. Nicholas Casey, Fotograf des „Wall Street Journal“, fragte auf Twitter, „was die Patienten in Schifa wohl empfinden, wenn die Hamas das Krankenhaus als sicheren Ort nutzt, um dort Interviews zu geben“.

Der australische Journalist Peter Stefanovic twitterte: „Hamas-Raketen werden gerade über unser Hotel hinweggefeuert, aus nur 200 Metern Entfernung. Eine Raketenabschussbasis ist also eigentlich direkt nebenan.“ Sympathisanten der Hamas beschimpften die Journalisten daraufhin, „Informanten der israelischen Armee“ zu sein, und drohten ihnen mit dem Tod.

Doch auch gegen Israel gibt es neue Vorwürfe: Am Donnerstagmorgen kritisierte der Sprecher des Uno-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge UNRWA, Chris Gunness, erneut das Verhalten der israelischen Armee. Schon zum dritten Mal hätten die Soldaten eine Schule der Organisation beschossen, in der sich derzeit 1500 Flüchtlinge aufhielten. In der Mädchenschule in Dir al-Balah seien fünf Menschen verletzt worden.

Der Uno-Rat für Menschenrechte beschloss auf Drängen Ägyptens, Pakistans und der Palästinenser, eine internationale unabhängige Untersuchungskommission zu entsenden, um alle Verstöße gegen Menschenrechte „im Zusammenhang mit der Militäroperation“ in den besetzten palästinensischen Gebieten, besonders in Gaza, zu untersuchen.

Ungeachtet der Kämpfe im Gazastreifen und neuer Raketenangriffe auf Israel, hoben die USA das Flugverbot nach Tel Aviv wieder auf. Die US-Luftfahrtbehörde FAA teilte mit, der Flughafen Ben Gurion dürfe seit Donnerstagmorgen wieder von amerikanischen Airlines angeflogen werden. Wenige Stunden später wurden über dem Großraum Tel Aviv fünf aus dem Gazastreifen abgefeuerte Raketen abgefangen. Die Hamas teilte mit, sie ziele weiter auf den Flughafen. Eine Woche nach dem Beginn der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen fallen immer mehr Zivilisten den Kämpfen zum Opfer. Am Donnerstag seien mindestens 82 Palästinenser getötet worden, teilten die örtlichen Rettungsdienste mit. Bei dem folgenreichsten israelischen Angriff starben in einer Uno-Schule im nördlichen Gazastreifen nach palästinensischen Angaben mindestens 16 Menschen, berichtete die Nachrichtenagentur dpa. 200 Menschen seien dort durch Granatbeschuss verletzt worden. Die israelischen Behörden teilten mit, die Berichte würden untersucht.

Hilfswerke fordern ein Ende der Gewalt gegen Zivilisten im Gazastreifen und warnen vor dem Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung. „Die hohe Anzahl ziviler Verletzter und Toter ist erschütternd. Die Krankenhäuser sind völlig überlastet, Strom gibt es nur wenige Stunden pro Tag. Die Gesundheitsversorgung steht vor dem Kollaps“, sagte der Oxfam-Landesdirektor in der Region, Nishant Pandey, in Berlin.