Ein ganzes Land ehrt seine Toten

In Eindhoven nehmen Angehörige, Politiker und die Königsfamilie Leichen der MH17-Passagiere aus der Ukraine in Empfang

Eindhoven. Als das taubengraue Militärflugzeug um 15.46 Uhr am Ende der Landebahn zum Stehen gekommen war, schwieg für eine Minute das ganze Land. Die niederländische Regierung hatte die Schweigeminute angeordnet, und so war auch auf dem militärischen Teil des Flughafens von Eindhoven kein Mucks zu hören. König Willem-Alexander, Königin Máxima, Ministerpräsident Mark Rutte, die Angehörigen der Toten und die Reporter hielten inne, um der Menschen zu gedenken, die bei der Flugzeugkatastrophe im Osten der Ukraine ums Leben gekommen waren.

Hinter ihnen wehten die Fahnen der Länder, die Opfer zu beklagen haben, auf dem militärischen Teil des Flughafens Eindhoven auf Halbmast. Für zwei Stunden ruhte der Verkehr auf dem zivilen Flughafen, auf dem zuvor fast alle zehn Minuten ein Flieger gestartet oder gelandet war. Ein Trompeter spielte einen letzten Gruß. Dann erst trugen Soldaten den ersten der 40 Särge auf ihren Schultern aus dem Flugzeug. Auf dem Rollfeld standen Dutzende Leichenwagen bereit. Sechs Tage nach dem Absturz von Flug MH17 der Malaysia Airlines im Kampfgebiet im Osten der Ukraine landeten zwei Transportflugzeuge der niederländischen Luftwaffe auf dem militärischen Teil des Flughafens Eindhoven. Die Maschinen waren nach einer kurzen Trauerfeier im ukrainischen Charkow gestartet. Ukrainische Paradesoldaten hatten die Särge in das Flugzeug getragen.

Bis Freitag wird es weitere Flüge zwischen Charkow und Eindhoven geben, dann sollen alle an der Absturzstelle eingesammelten Leichen in den Niederlanden sein. In Hollandsche Rading bei Amsterdam werden sie identifiziert und schließlich den Angehörigen übergeben. Bei einigen Opfern könne dies allerdings „Wochen oder sogar Monate dauern“ dauern, kündigte Regierungschef Rutte an.

Die Angehörigen der Toten hatten schon vor der Landung des ersten Flugzeugs in Eindhoven eine weitere bittere Nachricht verkraften müssen. Am Dienstagabend war bekannt geworden, dass mehrere Leichen oder Leichenteile höchstwahrscheinlich auf dem weitläufigen Trümmerfeld im Osten der Ukraine verblieben sind und – zumindest nicht unmittelbar – nach Eindhoven transportiert werden können. Jan Tuinder vom niederländischen Krisenstab sagte, nur von 200 Menschen seien die sterblichen Überreste am Flughafen in Charkow angekommen. Die Rebellen schlossen am Mittwoch nicht aus, dass 16 Leichen noch nicht gefunden worden seien. Für diesen Fall stehe ein weiterer Kühlwaggon bereit. Insgesamt waren bei dem Unglück 298 Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen 193 Niederländer und vier Deutsche.

Sie alle befanden sich auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur, als das Flugzeug vom Himmel geholt wurde. Der australische Ministerpräsident Tony Abbott forderte die ukrainischen Behörden auf, die Absturzstelle gründlich nach weiteren Toten abzusuchen. Die Bergung sei bisher „unprofessionell“ verlaufen. In den Niederlanden herrschte Staatstrauer, zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren. Fahnen wehten auf Halbmast, die Fernseh- und Radio-Sender strahlten keine Werbung aus, kurz vor der Ankunft der Flugzeuge läuteten Kirchenglocken im ganzen Land. Züge blieben stehen.

Zu der Militärbasis waren Hunderte Menschen gekommen. Schon in den frühen Morgenstunden legten Trauernde Blumen nieder, viele von ihnen weinten. Kinder brachten selbst gemalte Bilder mit, auf einem stand: „Das ist nicht nett, was ihr gemacht habt.“ Vor der Basis ging eine Frau auf und ab. „Ich kenne die Toten nicht. Aber ich wusste nicht, was ich mit meiner Trauer machen soll. Also bin ich hierhergekommen“, sagte sie. „Es ist so schrecklich.“

„Wenn ich fünf Monate für die Identifizierung warten muss, kann ich das tun“, sagte Silene Fredriksz-Hoogzand, deren Sohn zusammen mit seiner Freundin an Bord der abgeschossenen Maschine war. „Aber das Warten, während die Leichen auf den Feldern und im Zug lagen, war ein Albtraum.“ Rien van Zeeland war mit seiner Tochter gekommen, deren indonesische Freundin auf dem Weg in ihre Heimat ums Leben kam. „Das Einzige, was wir jetzt noch tun können, ist Blumen niederzulegen. Wir sind so machtlos“, sagte der Vater, der sich den Abschuss nicht erklären kann: „Ich denke, dass es ein Unfall war. Niemand schießt ein Passagierflugzeug einfach so ab.“ Andere Trauernde sehen das anders, einige machten ihrer Wut Luft. „Die Russen müssen dafür büßen“, sagte ein älterer Herr, „warum tut nicht endlich jemand etwas? Warum gibt es keine harten Strafen?“

An der Militärbasis in Eindhoven kehrte nach dem Abtransport der Särge schnell wieder Ruhe ein. Die Angehörigen der Toten bestiegen Busse und fuhren davon. Morgen werden sie wieder hier sein, Freitag auch; dann kommen die nächsten Flugzeuge aus Charkow.

Währenddessen wurde bekannt, dass der Flugschreiber aus dem Cockpit nicht manipuliert wurde. Das habe eine gründliche Untersuchung des Stimmrekorders ergeben, teilte der niederländische Sicherheitsrat am Mittwochabend in Den Haag mit. Die Arbeit am Flugdatenrekorder werde am heutigen Donnerstag beginnen.