Ostukraine

Kerry: Russland stellte Waffe zum Abschuss von MH17

Am Montag sollen Wrackteile untersucht und Opfer identifiziert werden, die Niederlande leitet die Untersuchung. Die USA machen Wladimir Putin inzwischen direkt für den Abschuss mitverantwortlich.

Donezk/Kiew/Hamburg. Nach dem Absturz der malaysischen Passagiermaschine wächst der internationale Druck auf die Konfliktparteien in der Ostukraine, eine Untersuchung der Katastrophe zu ermöglichen. Am Sonntag werden 132 Experten aus Malaysia, darunter Ärzte und Militärs, am Ort der Katastrophe östlich von Donezk erwartet. Die Boeing 777 war mutmaßlich durch Raketenbeschuss am Donnerstag mit 298 Menschen an Bord abgestürzt.

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+++ Verzweifelte Mutter eines Opfers wendet sich direkt an Putin +++

23.13 Uhr: Der russische Präsident Wladimir Putin hat den Niederlanden seine Unterstützung bei der Übergabe der sterblichen Überreste der Opfer des abgestürzten Flugzeuges sowie der Flugschreiber zugesichert. Das habe er dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte am Sonntagabend in einem Telefongespräch zugesagt, teilte ein Regierungssprecher in Den Haag mit.

Die Leichname von schätzungsweise 200 Opfern sollen in Kühlwagen in einem Zug bei Tores in der Ostukraine liegen. Prorussische Rebellen blockieren nach unbestätigten Angaben die Abfahrt des Zuges.

+++ Verzweifelte Mutter eines Opfers wendet sich direkt an Putin +++

22.21 Uhr: Die Mutter eines Opfers von Flug MH17 hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin aufgefordert, die Überführung der Leiche ihres Sohnes und von dessen Freundin möglich zu machen. „Herr Putin, schicken Sie meine Kinder nach Hause. Schicken Sie sie nach Hause. Bitte“, sagte Silene Fredriksz-Hoogzand am Sonntag dem Sender Sky TV am Amsterdamer Flughafen Schiphol.

Sie sei entsetzt darüber, dass die Leichen der 298 Passagiere der am Donnerstag abgeschossenen Malaysia-Airlines-Maschine tagelang in der Sonne liegengelassen worden seien, sagte sie anschließend der Nachrichtenagentur AP in einem Telefoninterview. „Worte können das gar nicht beschreiben. Da sind Leute, die das auf ihrem Gewissen haben. Und da sind Familien, die nie wieder den Körper eines Kindes oder einer Mutter halten können.“

+++ Niederlande koordiniert Expertenmission in der Ukraine+++

21.31 Uhr: Die Niederlande wird die internationale Identifizierung der Opfer des Flugzeugabsturzes in der Ostukraine koordiniert. Die Experten sollten am Montag zur Absturzstelle fahren, teilte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte am Sonntagabend in Den Haag mit. Beim Absturz des Passagierflugzeugs über von prorussischen Rebellen kontrolliertem Gebiet waren am Donnerstag alle 298 Menschen an Bord getötet worden, darunter 193 Niederländer.

In der ukrainischen Stadt Charkow werde ein Koordinationszentrum eingerichtet, kündigte Rutte an. Eine Maschine der niederländischen Luftwaffe sollte noch am Sonntagabend mit Mitarbeitern und Material aus Eindhoven nach Charkow abfliegen. „Alle Anstrengungen richten sich nun darauf, die Opfer in ein Gebiet zu bringen, das von der Ukraine kontrolliert wird.“ Er wollte darüber noch am Abend mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonieren.

Außenminister Frans Timmermans reiste nach New York, um mit dem UN-Sicherheitsrat über das weitere internationale Vorgehen zu beraten. Ziel sei es, die Opfer so schnell wie möglich in ihre Heimatländer zurück zu bringen und die Untersuchung nach den Ursachen des Absturzes zu starten, hieß es.

+++ UN-Sicherheitsrat verhandelt über Resolution +++

21.10 Uhr: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verhandelt derzeit über eine Resolution zum Flugzeugabsturz in der Ostukraine. Westlichen Diplomaten zufolge hat Australien einen Entwurf vorgelegt, der von allen Beteiligten, insbesondere den prorussischen Rebellen, eine uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den internationalen Behörden fordert. Gleichzeitig soll das Papier jede Manipulation an der Absturzstelle verbieten.

Eine rasche Abstimmung über die Resolution im Sicherheitsrat galt als unwahrscheinlich. Zwar machen die Australier Druck, am Sonntag war der Entwurf aber noch nicht abstimmungsreif. Zudem gilt die Regel, dass dann bis zur Abstimmung 24 Stunden vergehen müssen. Die Russen haben dem Vernehmen nach noch am Sonntag einen Katalog mit Änderungsforderungen vorgelegt. Weil Moskau sein Veto einlegen kann, ist eine rasche Einigung auf ein starkes Votum unwahrscheinlich.

+++ Merkel fordert Putin in Gespräch zum Handeln auf +++

19.48 Uhr: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nach Angaben eines Sprechers Russlands Präsident Wladimir Putin zum wiederholten Mal eindringlich aufgefordert, Einfluss auf die Separatisten im Osten der Ukraine zu nehmen. Es müsse so schnell wie möglich ein direktes Treffen der Kontaktgruppe – bestehend aus Vertretern der Ukraine, Russlands und der OSZE – mit den prorussischen Aufständischen zustande kommen, teilte die Bundesregierung nach einem Telefonat der beiden Politiker am Sonntag mit. Der Umgang der Aufständischen mit den Opfern des Flugzeugabsturzes sei „katastrophal“.

+++Poroschenko: Wir verfügen über Beweise für Schuld der Separatisten+++

19.00 Uhr: Die Ukraine verfügt nach Angaben ihres Präsidenten Petro Poroschenko über Beweise für einen Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs durch prorussische Separatisten. „Wir haben Satellitenbilder des Abschussortes sowie Fotos und Videos eines Raketenabwehrsystems, was von Waffentransporten aus Russland zeugt“, sagte Poroschenko am Sonntag in Kiew. Er sprach von „unwiderlegbaren“ Indizien. „Die Terroristen behindern die Ermittlungen und haben die Flugschreiber an sich genommen, aber das wird sie nicht retten“, sagte der prowestliche Staatschef. Die Aufständischen weisen die Vorwürfe zurück. Sie geben der Armee die Schuld an dem Absturz.

+++Kerry: Gegen MH17 genutztes Raketensystem von Russland gestellt+++

18.30 Uhr: Das malaysische Verkehrsflugzeug mit der Flugnummer MH17 ist nach Einschätzung von US-Außenminister John Kerry mit einem Raketensystem abgeschossen worden, das den prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine von Russland gestellt wurde. „Es ist ziemlich klar, dass dieses System von Russland in die Hände der Separatisten gelangte“, sagte Kerry am Sonntag dem US-Nachrichtensender CNN. Bei dem Absturz der malaysischen Boeing am Donnerstag in der Ostukraine kamen alle 298 Insassen ums Leben.

+++ Merkel telefoniert mit Poroschenko +++

17.18 Uhr: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Telefonat über die Ermittlungen nach dem Absturz des malaysischen Flugzeugs informiert. Dabei warf er den prorussischen Separatisten die Plünderung der Absturzstelle in der Ostukraine vor. „Der Diebstahl von Kreditkarten und anderer persönlicher Gegenstände – das, was die Terroristen mit den Körpern der Opfer machen – ist außerhalb des Rahmens der menschlichen Moral“, sagte Poroschenko einer Mitteilung zufolge bei dem Gespräch. Der prowestliche Staatschef warf Russland am Sonntag erneut vor, die Aufständischen mit schweren Waffen zu versorgen.

Die Führung in Kiew verhandelte unterdessen weiter mit den Aufständischen, wohin drei Kühlwaggons mit den sterblichen Überresten von fast 200 Opfern des Absturzes gebracht werden sollen. Sie standen am Sonntagnachmittag im Bahnhof der Ortschaft Tores. Während die Aufständischen die Waggons nach Mariupol umleiten wollen, fordert die Regierung den Transport nach Charkow.

+++ Aufklärung der Tragödie geht kaum voran +++

17.08 Uhr: Das Problem ist, dass es keine Absperrung des Ortes gibt, wie sonst üblich. Jeder kann da rein und womöglich mit Beweisstücken herumhantieren“, sagte Michael Bociurkiw von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) dem US-Sender CNN. Offen räumt ein Sprecher der prorussischen Aufständischen ein, dass die „Volkswehr“ die Absturzstelle gezielt nach elektronischen Geräten absuche. Alles werde zurückgegeben, verspricht er. Der ukrainische Sicherheitsrat berichtet vom angeblichen Missbrauch von Kreditkarten getöteter Passagiere. Eine Bestätigung dafür gibt es zunächst nicht.

+++ Blumen vor Holland-Konsulat in Hamburg +++

15.58 Uhr: Auch in Hamburg ist die Anteilnahme an dem Unglück des Flugs MH17 groß. Vor und in dem niederländischen Konsulat am Sandtorkai legten bereits etliche in Hamburg lebende Ukrainer und andere Bürger der Hansestadt Blumen, Kerzen und Beileidsbekundungen abgelegt. „Das hat mich sehr berührt“, sagte Honorarkonsul Robert Wethmar. „Dafür möchte ich mich im Namen des niederländischen Volkes und der Niederländer in Hamburg und Umgebung ganz herzlich bedanken.“

+++ Merkel, Cameron und Hollande drohen Putin +++

14.02 Uhr: Und jetzt drohen Cameron und Merkel gemeinsam mit dem französischen Präsidenten François Hollande Moskau mit einer Verschärfung der Sanktionen. Der russische Präsident Wladimir Putin müsse umgehend Druck auf die moskautreuen Rebellen in der Ostukraine ausüben, damit diese den ungehinderten Zugang zur Absturzstelle von Flug MH17 ermöglichten, erklärten der Élyséepalast und die britische Regierung nach Telefonaten. Sollte Russland nicht „unverzüglich die nötigen Maßnahmen ergreifen“, werde dies beim EU-Außenministerrat am Dienstag Konsequenzen haben, hieß es in Paris weiter. Die britische Regierung erklärte in London, Cameron habe am Morgen mit Merkel und Hollande gesprochen. „Bei beiden Anrufen ging es um zwei wichtige Fragen: Den Zugang zur Absturzstelle und die Haltung der EU zu Russland in Anbetracht der Tatsache, dass alles darauf hindeutet, dass die Rakete von prorussischen Separatisten abgeschossen wurde“, sagte ein Sprecher. „Sie waren sich alle einig, dass die EU ihre Haltung zu Russland überdenken muss und dass die Außenminister bereit sein sollen, weitete Sanktionen gegen Russland zu verhängen, wenn sie sich am Dienstag treffen.“ Ein Sprecher des Bundespresseamtes bestätigte lediglich, dass die Kanzlerin mit Cameron und Hollande telefoniert hat, konnte zu den Inhalten aber zunächst nicht Stellung nehmen.

+++ Cameron twittert über Einigung mit Merkel +++

12.44 Uhr: Großbritanniens Premierminister David Cameron und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben sich telefonisch über die Lage an der Absturzstelle des Passagierjets in der Ostukraine verständigt. „Gerade mit Kanzlerin Merkel gesprochen. Wir sind beide besorgt über den eingeschränkten Zugang zu #MH17. Putin muss mehr tun“, teilte Cameron über Twitter mit.

+++ Niederländer beten für Opfer +++

12.36 Uhr: Viele Niederländer haben am Sonntag in Gottesdiensten der Opfer der Flugzeugkatastrophe in der Ostukraine gedacht. Kardinal Wim Eijk, der Vorsitzende der niederländischen Bischofskonferenz, forderte die Gläubigen auf, für „Stärke und Mut für die Angehörigen“ zu beten.

Von den 298 Menschen an Bord des über der Ukraine abgeschossenen Flugzeugs der Malaysia Airlines stammten 193 aus den Niederlanden. Die niederländische Regierung zeigt sich zunehmend erbost darüber, dass prorussische Rebellen im Absturzgebiet die Untersuchung der Tragödie behindern.

Ministerpräsident Mark Rutte forderte den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf, seinen Einfluss auf die Rebellen geltend zu machen und eine umfassende Aufklärung zu ermöglichen.

+++ Malaysia Airlines streicht Flugnummer MH17 +++

12.10 Uhr: Malaysia Airlines will die Flugnummer MH17 nicht mehr nutzen. Die Fluggesellschaft teilte mit, aus Respekt für die Opfer der Katastrophe werde die Nummer gestrichen und künftig MH19 für die Strecke von Amsterdam nach Kuala Lumpur verwendet. Die Zahl der Flüge zwischen beiden Städten werde jedoch nicht reduziert, hieß es weiter. Es gebe weiter täglich Verbindungen.

+++ Cameron fordert Härte gegen Russland +++

11.20 Uhr: Die britische Regierung fordert einen härteren Kurs westlicher Staaten gegen Russland. „Wenn Präsident Putin seine Haltung zur Ukraine nicht ändert, dann müssen Europa und der Westen ihre Haltung zu Russland grundsätzlich ändern“, schrieb Premierminister David Cameron in der „Sunday Times“. Es deute immer mehr darauf hin, dass die Boeing mit fast 300 Menschen an Bord aus einem Gebiet abgeschossen worden sei, das prorussischer Separatisten kontrollieren. „Wenn das der Fall ist, dann müssen wir klar sagen, was es heißt: Es ist eine direkte Folge davon, dass Russland einen souveränen Staat destabilisiert, seine territoriale Integrität verletzt, brutale Milizen unterstützt, trainiert und bewaffnet“, schrieb Cameron. Moskau müsse bei der Aufklärung helfen und umgehend aufhören, die Separatisten zu stärken. Der Regierungschef warf nicht näher benannten EU-Staaten vor, die Konfrontation mit Moskau zu scheuen. Europa verhalte sich, als bräuchte es Russland wirtschaftlich dringender als umgekehrt. Bisher hat die EU Sanktionen gegen Einzelpersonen und Unternehmen verhängt, aber nicht gegen ganze russische Wirtschaftszweige. „Es ist aber an der Zeit, dass wir unsere Macht, unseren Einfluss und unsere Ressourcen einsetzen“, forderte Cameron, ohne direkt von Sanktionen zu sprechen.

+++ Ukraine wirft Rebellen Abtransport aller Leichen vor +++

10.49 Uhr: Die prorussischen Separatisten in der Ostukraine sollen nach Darstellung der Kiewer Regierung alle Leichen vom Absturzort der Malaysia-Airlines-Maschine MH17 an einen unbekannten Ort gebracht haben. Dies teilte die ukrainische Regierung am Sonntag mit.

Kurz zuvor hatte es noch geheißen, man habe sich mit den Rebellen darauf geeinigt, die Todesopfer unter internationaler Beobachtung an einen sicheren Ort zu bringen. Berichte über verwesende Leichen vor Ort und Behinderung der internationalen Experten durch die Rebellen hatten weltweit Empörung ausgelöst, vor allem in den Niederlanden, woher mehr als die Hälfte der Opfer stammten.

+++ Stellungen von Russland aus beschossen +++

10.01 Uhr: Ungeachtet des mutmaßlichen Abschusses der Passagiermaschine durch prorussische Rebellen sind in der Nacht offenbar ukrainische Stellungen zwei Mal von Russland aus beschossen worden. Nach Angaben der Regierung in Kiew seien Mörsergranatenangriffe kurz nach Mitternacht (Ortszeit) verzeichnet worden und dann noch einmal etwa zwei Stunden später, hieß es auf einer von der Regierung eingerichteten Facebook-Seite. In beiden Fällen sei aus Richtung Russland geschossen worden.

Die Ukraine kämpft im Osten des Landes gegen prorussische Separatisten. Sie wirft Russland vor, die Rebellen zuunterstützen. Die Regierung in Moskau weist dies zurück.

+++ Bislang 196 Opfer geborgen +++

9.35 Uhr: Den Rettungskräften zufolge sind bisher 196 der 298 Opfer geborgen worden. Die Sucharbeiten würden von bewaffneten prorussischen Separatisten überwacht und erheblich behindert, sagte ein Sprecher des Zivilschutzministeriums in Kiew am Sonntag. An den Arbeiten beteiligen sich demnach etwa 380 Mitarbeiter des ukrainischen Bergungsdienstes. Darunter sind auch Taucher, die einen nahen See absuchen. Der Bereich der Bergungsarbeiten sei von 25 auf 34 Quadratkilometer ausgeweitet worden, hieß es.

Der ukrainische Vize-Regierungschef Wladimir Groisman sprach von bis zu 900 Aufständischen rund um die Absturzstelle nahe der Ortschaft Grabowo. Die militanten Gruppen hätten mehrfach versichert, die Arbeiten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) nicht zu behindern. Mit den Separatisten sei vereinbart worden, die sterblichen Überreste zunächst in speziellen Eisenbahnwagen zu lagern, sagte Groisman.

Die Identifizierung erfolge möglicherweise in der etwa 300 Kilometer entfernten Großstadt Charkow. Dort sei eine Untersuchungskommission eingerichtet worden. In Charkow seien zudem Hunderte Hotelzimmer für Angehörige und Hinterbliebene der Opfer reserviert.

Die Aufständischen wollen die Sicherheit internationaler Ermittler am Absturzort nur garantieren, wenn die Führung in Kiew einer Waffenruhe zustimmt. Die Regierung werde aufgefordert, umgehend ein Abkommen zu schließen, sagte Separatistenanführer Andrej Purgin. Die Feuerpause müsse mindestens für die Dauer der Untersuchung des Wracks gelten.

+++ Wurde MH17 mit Transportflugzeug verwechselt? +++

9.03 Uhr: Experten haben eine mögliche Erklärung für den Abschuss der malaysischen Passagiermaschine über der Ostukraine: Wenn prorussische Rebellen dafür verantwortlich waren, sagen sie, dann vielleicht deshalb, weil sie nicht über die richtigen Systeme verfügten, die zwischen einer militärischen und zivilen Maschine hätten entscheiden können.

Die USA gehen davon aus, dass die Boeing von einer SA-11-Rakete zum Absturz gebracht wurde, abgefeuert aus einem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet. Der amerikanischen UN-Botschafterin Samantha Power zufolge könnte Russland den Rebellen technisch geholfen haben, mit dem als Buk bezeichneten Flugabwehrsystem umzugehen.

Aber um richtig funktionieren, sollte ein SA-11-Startfahrzeug laut Experten mit einem Radar- und Kommandofahrzeug verbunden sein, damit das Ziel vor dem Beschuss einwandfrei identifiziert ist. Bisherige Informationen deuteten darauf hin, dass sich die Rebellen nicht im Besitz von derartigen Systemen befänden, meint Pawel Felgenhauer, ein auf Verteidigung spezialisierter Kolumnist der Moskauer Zeitung „Nowaja Gaseta“, die für ihre kritische Berichterstattung bekannt ist. „Sie könnten leicht einen tragischen Fehler gemacht und eine Passagiermaschine abgeschossen haben, wenn sie eigentlich ein ukrainisches Transportflugzeug abschießen wollten.“

Die staatseigene russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti zitierte am Freitag ebenfalls einen Experten – Konstantin Siwkow von der Academy of Geopolitical Problems – mit den Worten, dass Buk-Raketen normalerweise mit externen Systemen zur Zielidentifizierung ausgestattet sein sollten. Die Rebellen hätten diese aber nicht.

Und so ist es möglich, dass Separatisten eine Rakete abschossen, ohne sich völlig sicher zu sein, welche Art von Flugzeug sie ins Visier nahmen. „Nur ein kleines Echozeichen auf einem Radarschirm zu sehen, war keinesfalls ausreichend, eine Zielentscheidung zu treffen“, sagt Keir Giles, Sicherheitsexperte beim britischen Royal Institute of International Affairs. „Man braucht für zusätzliche Informationen ein zusätzliches Radarsystem, mit dem diese Waffensysteme verbunden werden können.“

Mitteilungen der Rebellen in sozialen Medien unmittelbar nach dem Flugzeugabsturz legen ebenfalls nahe, dass sie keine zivilen Flugzeuge über der Krisenregion erwartet hatten. Sie scheinen demnach angenommen zu haben, dass Zivilmaschinen den Luftraum meiden würden – und jedes auftauchende Flugzeug „feindlich“ sei.

Wenn eine Rakete abgefeuert wurde, ohne vorher zu versuchen, das Flugzeug zu identifizieren, wäre die Zerstörung der Maschine ein Akt „krimineller Fahrlässigkeit“, sagt der pensionierte US-Luftwaffengeneral Robert Latiff. Kommerzielle Airliner kommunizierten auf bekannten Frequenzen und sendeten Signale aus, die sie identifizierten und ihre Flughöhe und Geschwindigkeit anzeigten. „Es klingt nicht danach, als ob sie irgendeine dieser Informationen verwendet oder versucht hätten, sie zu verwenden“, sagt Latiff, der früher bei der Air Force die Aufsicht über Erforschung und Entwicklung moderner Waffen hatte.

„Meine Vermutung ist, dass das Radar des Systems ein Echo von einem großen 'Transport'-Flugzeug in 10.000 Meter Höhe oder so erhielt. Danach hat das System entweder automatisch gefeuert oder es war derjenige, der für die Bedienung zuständig war, eine aggressive Person, die es juckte, die keine Gelegenheit verpassen wollte. Es sieht nicht danach aus, als ob sie nach zusätzliche Daten suchten, bevor sie den Abzug betätigten.“ “

Ein Nato-Offizier, der anonym bleiben möchte, bestätigt, dass ein Buk-Startfahrzeug mit seinen raketenbestückten Rampen normalerweise seine Befehle von einem separaten Kommandofahrzeug erhalte. Wenn alles genau nach dem Lehrbuch gehe, dann bestimme der mobile Kommandoposten das Ziel und die Abschussrampe, die betätigt werden solle.

Einmal ins Visier genommen, hatte die Boeing keine Chance und war nicht schwer zu treffen. „Zivile Flugzeuge fliegen in einer geraden Linie“, sagt Edward Hunt, ranghoher Berater von IHS Jane's, einem auf militärische Nachrichten und Analysen spezialisiertes Unternehmen. „Eine Zivilmaschine versucht keine Täuschungsmanöver. Die Piloten wussten wahrscheinlich nicht einmal, dass das Flugzeug im Fadenkreuz war.“

Reporter der Nachrichtenagentur AP hatten berichtet, dass sie nur Stunden vor dem Absturz der Maschine am Donnerstag ein SA-11-System in einem von Separatisten kontrollierten Gebiet nahe Snischne gesehen hätten. In einem von der russischen Agentur Itar-Tass verbreiteten Bericht vom 29. Juni hatten sich Rebellen zudem damit gebrüstet, dass ihnen einige ukrainische Buk-Systeme in die Hände gefallen seien. Nur wenige Wochen später schossen Separatisten dann ein Transportflugzeug des ukrainische Militärs ab, eine Antonow 26, die in einer Höhe von bis zu 7500 Meter fliegen kann.

+++ USA kritisieren Abriegelung von Absturzort +++

8.38 Uhr: Die US-Regierung ist besorgt darüber, dass Rebellen den Zugang von internationalen Experten zur Absturzstelle behindern. Das Außenministerium in Washington kritisierte, dass den mit der Untersuchung der Katastrophe betrauten Fachleuten am Freitag nur 75 Minuten und am Sonnabend weniger als drei Stunden zur Begutachtung der Trümmer gewährt wurden.

Zudem verwies Sprecherin Jen Psaki auf Berichte über Manipulationen von Beweismitteln und den Abtransport von Leichen. „Das ist inakzeptabel und ein Affront gegen alle, die geliebte Menschen verloren haben, und gegen die Würde, die die Opfer verdienen“, erklärte die Ministeriumssprecherin.

Aus US-Regierungskreisen erfuhr die Nachrichtenagentur AP, neue Geheimdiensterkenntnisse legten nahe, dass die prorussischen Rebellen mehr als ein Luftabwehrsystem von Russland bekommen hätten. Hundertprozentige Sicherheit über die Herkunft aus Russland gebe es allerdings nicht. Es sei auch nicht völlig klar, ob die Separatisten die Raketensysteme gerade erst erhalten hätten und vor wenigen Tagen daran ausgebildet worden seien oder ob sie sie hätten bedienen können.

+++ Merkel und Putin fordern Ermittlungen +++

8.20 Uhr: Der Westen erhöht weiter den Druck auf Russland. Der niederländische Regierungschef Mark Rutte sagte am Sonnabend, er habe mit Russlands Staatschef Wladimir Putin ein „sehr intensives Gespräch“ über den Absturz der Maschine mit vorwiegend niederländischen Insassen geführt. Auch viele weitere westliche Staaten verschärften den Ton.

Rutte sagte, er habe Putin deutlich gemacht, dass Moskau „jetzt die Verantwortung gegenüber den Rebellen tragen muss“. „Ich habe ihm gesagt, dass er der Welt zeigen muss, dass er helfen will“, ergänzte er. Der Regierungschef zeigte sich zudem „schockiert“ über Bilder von „schamlosen“ prorussischen Separatisten, die an der Absturzstelle Habseligkeiten der Opfer in Händen hielten.

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans äußerte sich während eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ebenfalls „schockiert“ und „empört“ über den Umgang mit den Leichen. Die ukrainische Staatsführung warf den prorussischen Separatisten im Osten des Landes vor, mit Hilfe Russlands „Beweise für dieses internationale Verbrechen zerstören“ zu wollen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) forderte lückenlose Aufklärung. Nötig sei eine „unabhängige internationale Untersuchung“, sagte er der Zeitung „Bild am Sonntag“ aus Berlin. „Die Täter und ihre Hintermänner dürfen nicht davonkommen“, fügte er hinzu. Am Sonnabend forderten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Putin nach einem Telefonat internationale Ermittlungen.

Später warf Moskau dem Westen allerdings Stimmungsmache vor. „Die Mitteilungen der Vertreter der amerikanischen Regierung sind ein Beweis für eine völlig abwegige Wahrnehmung Washingtons dessen, was in der Ukraine vor sich geht“, erklärte Vizeaußenminister Sergej Rjabkow. Einige Staaten bemühten sich, „ihre Versionen der Katastrophe zu verbreiten“ und die Untersuchung zu beeinflussen.

US-Außenminister John Kerry kritisierte in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow die Zustände am Absturzort. Kerry sei „zutiefst besorgt“, dass OSZE- und anderen Experten „ein angemessener Zugang“ verwehrt werde, wurde nach dem Gespräch mitgeteilt. Kerrys Sprecherin Jen Psaki sprach von einem „Angriff auf all jene, die ihnen liebe Menschen verloren haben, und auf die Würde, die den Opfern gebührt“.

In einer gemeinsamen Erklärung teilten Kerry und Lawrow mit, sie wollten ihren Einfluss auf die Konfliktparteien nutzen, um „die Kämpfe zu stoppen“ und Verhandlungen voranzutreiben. Die Gefechte in der Ostukraine dauerten am Samstag an. Nach Angaben Kiews brachten die Regierungstruppen die Flughäfen der Rebellenhochburgen Lugansk und Donezk wieder unter ihre Kontrolle.

Der britische Premierminister David Cameron schrieb in der Zeitung „Sunday Times“, Russland solle „den Moment nutzen“ und die Krise beenden. „Wenn dies nicht geschieht, müssen wir entschieden antworten“, warnte er mit Blick auf mögliche neue Sanktionen gegen Moskau. Polens Außenminister Radoslaw Sikorski warf der Europäischen Union in der Zeitung „Welt am Sonntag“ aus Berlin zu große Zurückhaltung gegenüber Russland vor.

+++ Chaotische Zustände am Absturzort +++

8.07 Uhr: Vor dem Eintreffen ausländischer Luftfahrtexperten herrschen an der Absturzstelle der Boeing in der Ostukraine weiter chaotische Zustände. Schwer bewaffnete und teils maskierte Separatisten behinderten die Arbeit der OSZE-Mission am Unglücksort östlich von Donezk, wie deren Sprecher Michael Bociurkiw am Sonnabendabend dem Sender CNN berichtete.

An diesem Sonntag wollen 132 malaysische Experten, darunter Ärzte und Militärs, zum Absturzort fahren. Sie waren am Sonnabend in Kiew gelandet. Der niederländische Außenminister Frans Timmermans kam ebenfalls mit einer Gruppe von 15 Experten in der ukrainischen Hauptstadt an. Die meisten der 298 Passagiere an Bord von Flug MH17 waren Niederländer. Etwa 100 Tote wurden bislang nicht geborgen. Ihre Leichen dürften in einem Umkreis von vielen Kilometern verstreut liegen. Im Osten der Ukraine herrschen hochsommerliche Temperaturen.

Auch Deutschland beteiligt sich an der Bergung und Identifizierung der Opfer. Zwei Fachleute des Bundeskriminalamtes reisten am Sonnabend in die Ukraine. Ein BKA-Sprecher sagte, sie wollten sich in Kiew mit einem größeren Team von Identifizierungsexperten treffen und das weitere Vorgehen besprechen. Sowohl der genaue Einsatzort als auch die Führung der Mission müssten noch geklärt werden.

Es besteht die große Sorge, dass es den beteiligten Kräften in der Ostukraine gelingen könnte, eine Aufklärung der Katastrophe zu verhindern und Täter ihrer Strafe entgehen könnten.

Bei dem Absturz waren alle 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder an Bord der Boeing ums Leben gekommen – unter ihnen 193 Niederländer und 4 Deutsche.

„Das Problem ist, dass es keine Absperrung des Ortes gibt, wie sonst üblich. Jeder kann da rein und womöglich mit Beweisstücken herumhantieren“, kritisierte OSZE-Sprecher Bociurkiw. Die Militär-Experten der OSZE-Mission halten sich seit Monaten im Osten der Ukraine auf, um die Gefechte zwischen Rebellen und ukrainischer Armee zu dokumentieren.

Unklar ist am Absturzort der Boeing auch der Verbleib der beiden Flugschreiber. Die Regierung in Kiew warf den prorussischen Separatisten vor, Beweismaterial zu vernichten. Die Aufständischen wollten mit Lastwagen Wrackteile über die russische Grenze bringen. Die Separatisten versuchten, „Beweise ihrer Mitwirkung an dem Unglück vertuschen“. Zudem hätten die militanten Gruppen 38 Leichen von der Absturzstelle in die Großstadt Donezk gebracht. Die Separatisten wiesen alle gegen sie gerichteten Vorwürfe zurück.

Die Hintergründe der Katastrophe sind weiter unklar. Nach Angaben von US-Präsident Barack Obama sind dafür sehr wahrscheinlich die moskautreuen Kräfte verantwortlich. Die Boden-Luft-Rakete, die das Flugzeug abgeschossen habe, sei aus einem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet abgefeuert worden, sagte Obama am Freitag.

Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, hatte eine Verstrickung Russlands in den Abschuss von Flug MH 017 angedeutet. „Wir können nicht ausschließen, dass russisches Personal beim Betrieb dieser Systeme geholfen hat“, sagte sie bei einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats in New York.

Die russische Führung wies jegliche Verantwortung von sich und kritisierte Berichte über einen angeblichen Abschuss der Maschine als „voreilig“. Damit sollten offenbar Ermittler beeinflusst werden, teilte das Außenministerium in Moskau mit.

Von mehr als 100 Absturzopfern fehlte auch zwei Tage nach dem Unglück weiter jede Spur. Bislang seien 186 Leichen geborgen worden, teilte der staatliche ukrainische Rettungsdienst am Sonnabend mit. Die Suche nach den übrigen Opfern gestalte sich sehr schwierig, da die Wrackteile über etwa 25 Quadratkilometer verstreut seien.