Italien

Flüchtlinge sterben qualvollen Tod auf dem Weg in die Freiheit

Aber: Mehr als 5000 Menschen werden innerhalb von zwei Tagen vor Italiens Küsten gerettet – so viele wie nie zuvor

Rom. Vor der Küste Italiens sind erneut rund 30 Bootsflüchtlinge bei der gefährlichen Überfahrt nach Europa ums Leben gekommen. Die italienische Marine entdeckte die Leichen in einem völlig überfüllten Flüchtlingsboot vor Sizilien, wie sie gestern mitteilte. Vermutlich seien die Menschen während der Überfahrt erstickt. Am Wochenende rettete die Marine im Mittelmeer zudem innerhalb von 48 Stunden mehr als 5000 Migranten – so viele wie nie zuvor.

Nach dem Rekordansturm des Wochenendes haben in diesem Jahr italienischen Angaben zufolge bereits 61.585 Bootsflüchtlinge das Land erreicht. Im gesamten Jahr 2013 waren es 43.000 Menschen. Allein von Januar und Mai 2014 haben 6620 Syrer die italienische Küste erreicht, darunter viele Kinder. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2012 waren es nur knapp 600 Bootsflüchtlinge aus Syrien. Nach Uno-Angaben sind wegen des Bürgerkriegs mehr als 40 Prozent der gut 22 Millionen Syrer auf der Flucht. Der Aufstand gegen die Regierung hat im Frühjahr 2011 begonnen.

Die nun entdeckten Leichen befanden sich unter rund 600 weiteren Menschen an Bord eines Fischkutters. Die Überlebenden wurden an Bord des Marineschiffs „Grecale“ genommen, das das Boot mit den Toten nach Angaben der Marine in den Hafen von Pozzallo in Sizilien schleppen sollte. Wegen ungünstigen Wetters und technischer Probleme musste die zunächst für gestern vorgesehene Ankunft um 24 Stunden verschoben werden. Erst dann können die Leichen geborgen werden.

Auch 350 weitere gerettete Migranten sollten gestern Abend Pozzallo erreichen. „Ein Notstand, den wir nicht alleine bewältigen können“, klagte Luigi Ammatuna, der Bürgermeister der rund 20.000 Einwohner zählenden Stadt. „Wo sollen wir mit den 30 neuen Opfern dieser grässlichen Tragödie hin?“ Es sei unmöglich, die neu ankommenden Migranten unterzubringen, alle Aufnahmezentren der Stadt seien voll.

Bei den Rettungsaktionen am Wochenende waren mehrere Schiffe der Marine und der italienischen Küstenwache sowie drei Handelsschiffe im Einsatz. Im Mittelmeer ertrinken immer wieder Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten, die sich in meist seeuntauglichen Booten auf den Weg nach Europa machen.

Seit Oktober vergangenen Jahres versucht Italien mit dem Überwachungsprogramm „Mare Nostrum“, im Mittelmeer Flüchtlingsboote rasch zu sichten und zu sichern. Kritiker meinen allerdings, gerade die Aussicht auf eine Rettung durch die Italiener verführe die Schleuser dazu, mit seeuntüchtigen Booten an der libyschen Küste abzulegen und danach per Funktelefon die Marine anzurufen. Die sechs Monate der italienischen EU-Ratspräsidentschaft, die heute beginnt, will das Land dazu nutzen, das Thema erneut auf die Tagesordnung zu setzen.

Hunderttausende Flüchtlinge warteten am südlichen Saum des Mittelmeeres nur darauf, auf einem Boot gen Europa fahren zu können, hatte Italiens Innenminister Angelino Alfano gewarnt. Italien will ein Mandat zur Rettung von Bootsflüchtlingen – Europas Grenzagentur Frontex soll praktisch nach und nach die schwierige Aufgaben der Operation „Mare Nostrum“ („Unser Meer“) übernehmen, sagte Verteidigungsministerin Roberta Pinotti.

„Europa muss dies gemeinsam bewältigen“, mit dieser Forderung geht Regierungschef Matteo Renzi in die EU-Ratspräsidentschaft. Vor allem Sizilien, erste Anlaufstelle für die Marineschiffe mit geretteten Flüchtlingen an Bord, kann die wachsende Belastung kaum bewältigenn. Das Programm „Unser Meer“ kostet zehn Millionen Euro monatlich.

Auch die griechische Küstenwache entdeckte am Montag an einem Strand der Insel Chios in der Ostägäis 32 Migranten. Sie waren allen Anzeichen nach in der Nacht an Bord eines kleinen Bootes von der Türkei nach Griechenland gebracht worden.

Wie die Küstenwache mitteilte, seien am Wochenende weitere 163 Flüchtlinge vor und auf den beliebten Urlaubsinseln Samos, Lesbos, Agathonisi und Kos aufgegriffen worden. Alle Flüchtlinge seien wohlauf, sagte ein Offizier der Küstenwache.