„Jetzt haben wir keine Zeit, dich zu töten“

Die Welt schaut auf die Ukraine. Die Lage in Syrien ist dramatischer. Zu Besuch in Aleppo

Aleppo. Es ist ein unangenehmes Gefühl: Ständig kreisen Kampfflugzeuge über der Stadt. Ihr Dröhnen ist laut zu hören. Viel schlimmer aber sind die Hubschrauber, die Fassbomben abwerfen. Sie fliegen nahezu lautlos in hoher Höhe. Jeden Augenblick kann eine dieser mit Sprengstoff, Benzin und Nägeln gefüllten Bomben niedergehen. Mehrfach passiert man Häuser, die vor Minuten zerstört worden sind. Verzweifelt suchen Menschen mit bloßen Händen nach Überlebenden und brauchbaren Dingen. Funktionierende Bagger und Raupenfahrzeuge gibt es schon lange nicht mehr in Aleppo. Die Menschen an den Explosionsstellen riskieren ihr Leben, denn seit dem Beginn der Bombenoffensive im Dezember zielt die syrische Luftwaffe nach dem ersten Beschuss oft mit einer weiteren mit Sprengstoff gefüllten Tonne auf die herangeeilten Helfer.

„Bis zu 50 Fassbomben können an einem Tag fallen“, sagt Osman al-Hadsch Osman, der als Arzt des Dar-al-Shifa-Krankenhauses bekannt wurde, da er nie ein Blatt vor dem Mund nahm. Osman sprach über Kriegsverbrechen des Regimes von Baschar al-Assad, aber auch offen über Verfehlungen der Rebellen. An seiner Einstellung hat sich bis heute nichts geändert. „Das Regime macht das Leben der Zivilisten in Aleppo unmöglich“, erklärt Osman. „Der überwiegende Teil der Bevölkerung musste die Stadt verlassen.“ Die meisten Straßen Aleppos sind menschenleer. Nur die Ärmsten der Armen bleiben und diejenigen, die keine Familie außerhalb haben. Laut der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sind seit dem ersten November 2013 insgesamt 2401 Menschen dem Bombardement in Aleppo zum Opfer gefallen. Im gesamten Bürgerkrieg sind es mittlerweile 1500.000.

Nun gehen nach Frankreich auch die USA Vorwürfen einer neuen Chemiewaffenattacke im Bürgerkrieg nach. Das Außenministerium in Washington teilte mit, es gebe „Hinweise“ auf den Einsatz einer „giftigen Chemikalie, wahrscheinlich Chlor“. Eine Vernichtung von Chlorgas, das in der Regel für industrielle Zwecke eingesetzt wird, ist zwischen der Weltgemeinschaft und der syrischen Führung nicht vereinbart. Staatschef Assad hatte 2013 nach einem Giftgaseinsatz mit Hunderten Toten in Damaskus einen US-Militärschlag abgewendet, weil er sich zur Aufgabe seines Chemiewaffen-Arsenals bereit erklärt hatte.

Selbst Krankenhäuser werden beschossen und aus der Luft bombardiert. „Alle medizinischen Einrichtungen wurden in den letzten Monaten angegriffen“, erzählt Osman. „Auch bei uns gab es Tote und Verwundete.“ Seitdem werde nur mehr im Keller und im Erdgeschoss gearbeitet. Für den 34-jährigen Mediziner steht fest: „Die Vertreibung der Zivilisten gehört zur Militärstrategie des Regimes. Man will die Stadt einkreisen und die verbliebenen Menschen aushungern.“ Eine Methode, die das Regime bereits in Homs und Damaskus erfolgreich angewandt hat. Die Eingeschlossenen mussten nach Monaten aufgeben, sonst wären sie verhungert. In Aleppo ist die Syrische Armee seit Oktober auf dem Vormarsch. Es fehlen nur noch 19 Kilometer, bis diese Hochburg der Opposition im Norden völlig eingekreist ist.

Osman steht mit den radikalen Islamisten, die in Syrien zunehmend Oberwasser bekommen, auf Kriegsfuß. Im Dar-al-Shifa-Krankenhaus hatte er die Flagge der Al-Qaida-Gruppe Jahbhat al-Nusra vom Dach entfernt und war dafür zwei Wochen eingesperrt worden. Als vergangenes Jahr der noch extremistischere und brutalere Islamische Staat im Irak und in der Levante (Isil) einen Großteil Aleppos unter Kontrolle brachte, musste Osman fliehen. „Sie sagten mir: Jetzt haben wir keine Zeit, dich zu töten, aber wir versprechen dir, wir machen das später.“ Zum Glück wurde Isil im Januar aus der Stadt vertrieben. Nun kann sich der liberale Arzt wieder um seine Patienten kümmern. Draußen auf der Straße vor dem Krankenhaus ist erneut eine kreisende MiG am Himmel zu sehen. Wartende Taxifahrer haben bereits vorsorglich ihren Wagen verlassen und suchen Deckung. Zur Erleichterung aller dreht das Kampfflugzeug ab.

Die erste Rebellenbrigade, die den Kampf mit Isil in Aleppo begann, ist Dschaisch al-Mudschaheddin. Sie soll extra für diesen Zweck aus neun Gruppen gründet worden sein. „Man konnte nicht mehr dulden, dass sie Hunderte von Leuten verhafteten, sie systematisch folterten und ermordeten“, sagt Mudschaheddin-Führer Abu Kutaiba im Hauptquartier. „Nun ist Isil aus Aleppo vertrieben“, fährt Abu Kutaiba fort, „jetzt können wir uns ganz auf das Regime konzentrieren.“ Die Armee der Mudschaheddin begann am vergangenen Wochenende eine Offensive gegen Regimestellungen. Die Rebellen wollen den Stadtteil Ramusi (Ramouseh) erobert haben. Damit wäre der Nachschubweg des Regimes zwischen internationalem Flughafen und einer Militärbasis mit Waffenfabrik abgeschnitten. „Wir warten doch nicht, bis uns das Regime einkreist“, sagt Abu Kutaiba. „Mit der Offensive haben wir ihm eine Überraschung bereitet“, fügt er hinzu. „So ist eben der Krieg. Das sollten sie mittlerweile wissen.“

Die Dschaisch al-Mudschaheddin gehören zur Freien Syrischen Armee (FSA), die von den islamistischen Fraktionen abgelehnt wird. Die FSA gilt als Anhänger von Demokratie, Wahlen und Parlament. Das sind Dinge, die für Islamisten verwerflich sind. Für sie zählt nur eins: der „Wille Allahs“ und die von ihm gesandte Scharia, das islamische Rechtssystem. „Wir brauchen keine von Menschen fabrizierten Gesetze“, sagt ein Anhänger al-Nusras. „Wir haben ihn“, fügt er an und deutet mit dem Zeigefinger zum Himmel.