„Wir fallen zurück ins 16. Jahrhundert“

Nach angeordneter Vergewaltigung wird Macht der Dorfräte diskutiert

Neu-Delhi. Rimaila Awungshi hat ihre Tochter seit acht Jahren nicht gesehen. So lange ist es her, dass die damals sechsjährige Yinring entführt wurde – von der Familie ihres Vaters. Yinrings Mutter wandte sich in ihrer Verzweiflung an den Ältestenrat ihres Dorfes im Nordosten Indiens. Auf dessen Hilfe hoffte sie indes vergeblich.

Die alleinerziehende Mutter schilderte den Männern damals, was passiert war. Ihr Ex-Freund hatte sich geweigert, sie zu heiraten oder sich um das Kind zu kümmern. Als er aber auch Jahre später keine Frau gefunden hatte, forderte seine Familie das Sorgerecht für Yinring und entführte das Mädchen. Doch der Dorfrat, von dem sich Rimaila Awungshi Unterstützung erwartete, zeigte sich dem Flehen der Mutter gegenüber gleichgültig.

Vor allem in ländlichen Gegenden im Norden Indiens fungieren die zutiefst konservativen Dorfräte mit ihren strengen Moralvorstellungen als informelle Gerichte und Schiedsstellen. Ihr Einfluss auf das gesellschaftliche Leben ist groß: von der Frage, wie sich Frauen zu kleiden haben, bis hin zu Entscheidungen über Leben und Tod. Wer sich ihrem Urteil widersetzt, riskiert den Ausschluss aus der Gemeinschaft.

Erst vor wenigen Tagen warf ein besonders grausamer Fall ein Schlaglicht auf die umstrittene Macht der Dorfräte. Im Dorf Subalpur in Westbengalen wurde eine junge Frau nach Angaben der Polizei auf Anordnung des Dorfrats von mindestens 13 Männern vergewaltigt. Der Grund: Die 20-Jährige, die dem Stamm der Santal angehört, hatte sich in einen Muslim aus einem anderen Dorf verliebt.

Der Mann kam am Montag vergangener Woche nach Subalpur, weil er um die Hand seiner Freundin anhalten wollte. Dorfbewohner nahmen ihn gefangen und fesselten das Paar an einen Baum, während der Rat über ihr Schicksal beriet. Das Urteil: eine Geldstrafe in Höhe von jeweils 25.000 Rupien (290 Euro). Als die Familie der Frau erklärte, sie habe nicht genug Geld, ordnete der Dorfrat laut Polizei die Gruppenvergewaltigung an.

Der misshandelten Frau gelang es zwei Tage später, aus dem Dorf zu fliehen. Sie erstattete Anzeige. Zwölf mutmaßliche Täter sowie der Vorsitzende des Dorfrates wurden festgenommen. Inzwischen befasst sich sogar der Oberste Gerichtshof mit dem Fall. Er ordnete letzte Woche eine Untersuchung an.

Zugleich hat eine öffentliche Diskussion über die Rolle der Dorfräte eingesetzt, die in Indien weit verbreitet sind, vor allem im ländlichen Raum, wo die eigentlich zuständigen Behörden entweder nicht präsent sind oder nicht effektiv genug arbeiten. Die konservativen Dorfältesten scheinen den gesellschaftlichen Wandel aufhalten zu wollen, indem sie längst überholte soziale Normen durchsetzen, die in der patriarchalischen Gesellschaft fast zwangsläufig mit der Diskriminierung von Frauen verbunden sind. In extremen Fällen billigten Dorfälteste sogar sogenannte Ehrenmorde, zum Beispiel die Ermordung von Frauen, denen außerehelicher Sex zur Last gelegt wurde.

„Wir fallen zurück ins 16. Jahrhundert“, klagt der westbengalische Politiker Pradip Bhattacharya. Die Dorfräte sind ein Symbol für den Zusammenprall jahrhundertealter patriarchalischer Traditionen mit den Werten der modernen Welt. Der Oberste Gerichtshof Indiens hat diese nicht gewählten Räte als eine Form der Selbstjustiz und damit als „völlig illegal“ bezeichnet. Die Realität sieht jedoch anders aus. Beobachter glauben, dass die voraussichtlich im Mai anstehende Parlamentswahl die Dorfräte sogar stärkt: Denn es sind die Ältesten, die der Gemeinschaft vorschreiben, wen sie zu wählen hat. Das wüssten auch die Politiker, sagt Jagmati Sangwan, Generalsekretärin der Vereinigung Demokratischer Frauen in Indien (AIDWA). „Die Botschaft macht die Runde, dass man tun kann, was man will, und ungestraft davonkommt. Folglich fühlen sich die konservativen Kräfte ermutigt.“

Rimaila Awungshi bedauert, dass die Dorfältesten ihr damals, vor acht Jahren, nicht geholfen haben, ihre Tochter zurückzubekommen. Jeden Tag denke sie an das Mädchen, dem die Familie seines Vaters einen neuen Namen gegeben haben soll: Yarmi, was so viel heißt wie Geschenk. „Sie ist jetzt 14“, sagt Awungshi. „Ich hoffe und bete, dass sie freiwillig zu mir zurückkommt, eines Tages, wenn sie selbst Mutter ist.“