Schere zwischen Arm und Reich weitet sich in USA

Über die wachsende Kluft spricht Präsident Obama in Rede zur Lage der Nation

Washington. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich stellt die Politik vor immer größere Probleme. US-Präsident Barack Obama spricht von der „größten Herausforderung unserer Zeit“, wenn es um die mangelnde Durchlässigkeit in der US-Gesellschaft geht. Darüber wollte er auch bei seiner Rede zur Lage der Nation reden. Zwei Drittel der befragten Amerikaner halten die sich öffnende Schere in der Einkommensverteilung für gefährlich, fand kürzlich das Gallup-Institut heraus. Für Fachleute könnte die Spaltung sogar als Konjunkturbremse wirken.

In den USA hat es schon immer einen großen Abstand zwischen Arm und Reich gegeben. Neu ist, dass die reichsten US-Bürger ihren Vorsprung ausbauen. Seit etwa 1980 wuchsen die Top-Verdienste schneller als durchschnittlich, und die der ärmsten 20 Prozent sanken sogar. Zwischen 2009 und 2012 legten die Einkommen des einen Prozents Spitzenverdiener inflationsbereinigt um 31 Prozent zu, sagt Emmanuel Saez von der Universität in Berkeley. Die anderen 99 Prozent konnten ihr Einkommen nur um 0,4 Prozent steigern.

Zu den Spitzenverdienern zählen Banker, Anwälte, Börsenmakler, Gründer von erfolgreichen Firmen, aber auch Künstler und Vorstände großer Firmen sind die Top-Verdiener. Im Jahr 2012 musste man 394.000 Dollar (knapp 290.000 Euro) verdienen, um in den USA zum Club der Spitzenverdiener zu zählen. Während im längsten Teil der Nachkriegsgeschichte das reichste Hundertstel etwa zehn Prozent des Gesamteinkommens einnahm, wuchs dieser Anteil bis 2012 auf 22,5 Prozent.

Das Durchschnittsjahreseinkommen in den USA erreichte 1999 mit 56.060 Dollar (etwa 41.000 Euro) seinen historischen Höchststand. 2012 lag dieser Wert inflationsbereinigt nur noch bei 51.017 Dollar (rund 37.000 Euro). Gleichzeitig wurde die Mittelschicht insgesamt kleiner: Zählten 1970 noch etwa die Hälfte der US-Bürger zu den Durchschnittsverdienern, waren es 2010 nur noch 42 Prozent.

Laut einer Studie des Pew Research Center sind dagegen die reichsten sieben Prozent der US-Haushalte in den Jahren 2009 bis 2011 um 28 Prozent wohlhabender geworden. Die restlichen 93 Prozent wurden im selben Zeitraum um vier Prozent ärmer. Ein Großteil des Vermögens von Reichen wird in Aktien und Fonds angelegt, während Durchschnittsamerikaner vor allem ins Eigenheim investieren. Aktienkurse haben sich aber sehr viel besser entwickelt als Immobilienpreise.