18-jährige Deutsche in Indien vergewaltigt

Entwicklungshelferin wurde von einem Mitreisenden im Zug missbraucht. Dänin Opfer einer Massenvergewaltigung

Neu-Delhi. Indien wird von zwei Vergewaltigungsfällen erschüttert, bei denen Frauen aus dem Ausland Opfer sexueller Übergriffe wurden. Unter anderem auch eine junge Deutsche. Die 18-Jährige wurde in einem Zug im Süden Indiens vergewaltigt. Ein Mann habe die junge Frau in einem Schlafwagen des West Coast Express missbraucht, teilte die Polizei mit. Der mutmaßliche Täter wurde gefasst, wie es weiter hieß.

Die Frau sei als freiwillige Helferin einer Nichtregierungsorganisation von Mangalore nach Chennai unterwegs gewesen. Der Täter, der sich im selben Abteil befand, fiel demnach über die Deutsche her, als diese schlief. Bei dem Angreifer soll es sich um einen Wanderarbeiter aus dem Bundesstaat Bihar handeln. „Sie hat um ihr Leben gefürchtet und sich nicht zu schreien getraut“, sagte ein leitender Beamter der Bahnpolizei. Die Frau habe nach der Zugfahrt in Begleitung von Mitarbeitern des deutschen Konsulats Anzeige erstattet. Das Opfer sei auch medizinisch untersucht worden. Die Deutsche solle den mutmaßlichen Täter nun in einer Gegenüberstellung identifizieren, hieß es weiter.

Kurz zuvor war der Fall einer Dänin bekannt geworden, die während ihres Indien-Urlaubs in der Hauptstadt Neu-Delhi von mehreren Männern vergewaltigt und ausgeraubt worden war. Der Vorfall ereignete sich den Angaben zufolge in dem bei Rucksacktouristen beliebten Viertel Paharganj nahe dem Hauptbahnhof der indischen Hauptstadt. Die Frau habe sich nach einem Museumsbesuch verlaufen und eine Gruppe Obdachloser um Hilfe gebeten. Die Männer brachten sie laut Polizei zu einem abgelegenen Ort, bis zu sechs von ihnen bedrohten sie mit einem Messer, vergewaltigten sie und raubten sie aus. Einem Ermittler zufolge dauerte das Martyrium der Frau drei Stunden, während derer sie wiederholt auch geschlagen und getreten wurde.

Nach Angaben der Polizei ist die 51-Jährige schwer traumatisiert und lehnt eine ärztliche Untersuchung ab. Gegenüber den Ermittlern und in Anwesenheit des dänischen Botschafters habe sie jedoch noch in der Nacht detailliert ausgesagt und damit rasche Festnahmen ermöglicht. Vier bis sechs der Festgenommenen, vorwiegend junge „Landstreicher”, gelten demnach als hauptverdächtig. Die dänische Botschaft flog die Frau umgehend nach Kopenhagen aus.

Es sind nicht die ersten Fälle, in denen Frauen aus dem Ausland Opfer sexueller Übergriffe wurden. Das Auswärtige Amt warnt inzwischen bei Reisen nach Indien davor, dass sich vor allem „Frauen – insbesondere vor dem Hintergrund zuletzt vermehrt berichteter sexueller Übergriffe – stets von Vorsicht leiten lassen sollten“. Seit der Vergewaltigung und Ermordung einer 23-jährigen Studentin in einem Bus in Neu-Delhi vor gut einem Jahr ist die alltägliche Gewalt gegen Frauen in den Schlagzeilen. Eine weitreichende Debatte über die grassierende sexuelle Gewalt in Indien und das Scheitern wirksamer Schutzmaßnahmen für Frauen wurde dadurch ausgelöst. Der Fall wühlte das südasiatische Land auf und setzte eine Justizreform in Gang. Unter anderem wurden Sondergerichte für Vergewaltigungsfälle gegründet. Das Verbrechen hatte auch zu Massenprotesten geführt.

Soziologen machen auch die rasanten Umbrüche und sozialen Konflikte in der aufsteigenden Wirtschaftsmacht verantwortlich. Zu Hunderttausenden strömen Armutsflüchtlinge vom Lande in die Metropolen. Viele kommen aus ländlichen Regionen, deren patriarchalische Strukturen denen der Taliban nicht unähnlich sind. In den Städten sind sie mit Frauen konfrontiert, die arbeiten, ausgehen und sich frei bewegen. Viele Männer fühlten sich dadurch in ihrer Dominanz bedroht und reagierten aggressiv, meinen Wissenschaftler.

Die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen nahm in Indien zuletzt zu. Dies lässt darauf schließen, dass betroffene Frauen dazu ermutigt werden, derartige Verbrechen mitzuteilen. Zwischen Januar und Oktober 2013 wurden in der Hauptstadt Neu-Delhi und ihren Vororten 1330 Fälle von Vergewaltigung den Behörden gemeldet. 2012 waren es für das gesamte Jahr 706 Fälle, wie aus Zahlen der Regierung hervorgeht. Immer wieder sind auch Ausländerinnen betroffen. Im März 2013 war eine Schweizerin auf einer Radtour vergewaltigt worden. Eine britische Touristin sprang aus dem Fenster ihres Hotels in Agra, um einem Angriff zu entgehen. Eine Amerikanerin wurde bei einem Trip in den Himalajas Opfer einer Vergewaltigung. Dabei sind Ausländerinnen noch relativ sicher, gerade weil Täter wissen, dass die Polizei hier kein Pardon kennt.

Anfang Januar war eine Polin von einem Taxifahrer unter Drogen gesetzt und vergewaltigt worden, als sie mit ihrer zweijährigen Tochter auf dem Weg nach Neu-Delhi war. Im Dezember verurteilte ein Gericht drei Männer im Bundesstaat Himachal Pradesh wegen der Vergewaltigung einer US-Touristin zu 20 Jahren Haft. Im Juli wurden sechs Männer wegen der Vergewaltigung einer Schweizer Fahrradtouristin im zentralen Staat Madhya Pradesh zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie war überfallen worden, als sie mit ihrem Mann am Straßenrand gecampt hatte.

Die Serie von Vergewaltigungen hat Indiens Ruf im Ausland beschädigt. Im ersten Vierteljahr 2013 sank die Zahl weiblicher Touristen laut einer Studie um 35 Prozent. Als Reaktion startete die Tourismusbehörde eine Kampagne: „Ich respektiere Frauen“.