Die Wahrheit bei den Winterspielen

In der Olympia-Stadt Sotschi probt der Kreml, wie man mit Medien-Manipulation eine heile Welt vortäuscht. Die Stadtverwaltung diktiert die Nachrichten

Moskau. Die Winterspiele von Sotschi, die am 7. Februar beginnen, sollen der Welt eine Glanzfassade Russlands präsentieren. Die Einwohner der Stadt am Schwarzen Meer haben in den vergangenen Jahren täglich die Kehrseite gesehen: Stromausfälle, Chaos bei den Bauarbeiten und Korruption. Aber wenn sie die Nachrichten regionaler Sender einschalten, sehen sie nur, wie perfekt angeblich alles läuft. Stärker als in anderen Teilen Russlands ist die Pressefreiheit in der Olympia-Stadt Sotschi momentan eingeschränkt. Die Behörden wollen keine negativen Nachrichten, solche, wie Anna Grizewitsch sie ans Licht bringt.

Im Lebenslauf der Journalistin umfasst die Arbeit bei der Nachrichtensendung des staatlichen Fernsehens WGTRK in Sotschi nur zwei Monate. Schnell wurde ihr klar, dass sie dort nicht länger arbeiten wollte als unbedingt nötig. 2011 drehte sie eine Reportage über eine illegale Baumülldeponie. Das Abladen von schwerem Bauschutt hatte in der Umgebung von Sotschi mehrmals zu Erdrutschen geführt, auch im Dorf Baranowka. Grizewitsch filmte zerstörte Häuser und verzweifelte Einwohner, die keine Hilfe erhielten. „Die Menschen weinten, sie sagten: ‚Wir hoffen, dass Sie über das hier berichten‘“, sagt sie. Doch als sie mit dem Material in die Redaktion kam, ließ man sie wissen, dass es nicht gesendet werde. Grizewitsch hatte nicht den erwünschten Dienstweg eingehalten.

„Normalerweise gab man mir vor, wo ich hinfahren soll. Und die Leiterin des Pressedienstes der Stadtverwaltung sagte mir, was ich berichten sollte“, erzählt die Journalistin. „Später musste ich mit ihr den kompletten Text abstimmen.“ So war es mit einem Bericht über den Bau einer Tiefgarage. Viele Nachbarn waren dagegen, doch für das Kamerateam habe der Pressedienst Leute organisiert, die sich als Einwohner ausgaben und erzählten, wie zufrieden sie seien. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, erzählte Grizewitsch. Danach kündigte sie.

Der Grad der Meinungsfreiheit in Russland unterscheidet sich von einer Region zur anderen und hängt von der politischen Situation, den Behörden und dem Mut der Journalisten ab. Fernsehreporterin Grizewitsch war aus der sibirischen Stadt Irkutsk ans Schwarze Meer gezogen. In Sibirien hatte sie beim Staatsfunk gearbeitet, jahrelang. Die Maßstäbe der Pressefreiheit in Irkutsk beschreibt sie so: „Wir durften nicht den Gouverneur kritisieren, aber Bürgermeister und Bezirksleiter schon.“ In Irkutsk konnte sie einen Kompromiss finden, im Vergleich zu Sotschi kommt ihr das wie Freiheit vor.

Was Grizewitsch über die Abläufe bei den regionalen Fernsehsendern erzählt, bestätigen andere Journalisten aus Sotschi. „Die meisten Medien spielen die Rolle eines PR-Dienstes der Stadt. Sie berichten, dass alles gut laufe, es keine negativen Nachrichten oder ernsthafte Probleme gebe“, sagt Maxim Welitschko, der bei privaten und staatlichen Sendern in Sotschi gearbeitet hat. Welitschko wurde im Sommer 2010 vom Sender Efkate gefeuert, nachdem er versucht hatte, kritisch über Probleme zu berichten, die der Straßenbau verursacht hatte. Seine Reportage wurde zensiert. Er wurde gezwungen, sie zu kürzen und zu verändern, stellte aber die ursprüngliche Version ins Internet. In einem Diskussions-Forum beschrieb er, wie die Verwaltung Druck auf ihn ausgeübt habe. Am nächsten Tag war er seinen Job los.

Später arbeitete er bei einem privaten Kanal. Aber die Spielregeln seien bei allen Sendern ähnlich. „Kritische Themen müssen im Vorfeld mit dem Pressedienst der Stadtverwaltung von Sotschi abgesprochen werden“, sagt er. Auch die Privaten müssen den Text von Reportagen zur Abstimmung vorlegen. Wenn der Pressestelle ein Beitrag besonders gut gefalle, dann lasse sie ihn auch gern bei anderen Sendern ins Programm nehmen. Das sei Praxis. „Wir durften nie kritisch über die Stadtverwaltung, über Leiter des Gebiets, Russland oder über die Olympia-Baustelle berichten“, sagt Welitschko.

Er habe oft versucht, etwas zwischen den Zeilen zu sagen und Texte geschrieben, die erst zusammen mit den Videos eine andere Bedeutung bekamen. „Aber die meisten Journalisten haben die Regeln akzeptiert“, sagt er. „Die wenigsten haben Lust, gegen Windmühlen zu kämpfen.“ Die Eingriffe der Politik seien jedoch nur Teil des Problems. „Oft sind die Sender von sich aus zu vorsichtig und betreiben Selbstzensur“, sagt Welitschko, selbst private Medien: „Jeder Leiter oder Inhaber von Medien der Stadt hat auch andere wirtschaftliche Interessen in Sotschi, die ihn erpressbar machen.“

Eine noch in Sotschi tätige Journalistin bestätigt das Bild der willfährigen Presse. Sie durfte erst vor Kurzem mehrere leicht kritische Reportagen nicht senden. Sie ist empört, möchte aber ihren Namen nicht genannt wissen aus Angst, ihren Job zu verlieren. Was störrischen Berichterstattern passieren kann, wurde im vergangenen Jahr am Beispiel des Reporters Nikolai Jarst deutlich. Er arbeitet in Sotschi für den neuen überregionalen Sender OTR, der in Russland „öffentlich-rechtlich“ genannt und zum Großteil aus dem Staatshaushalt finanziert wird. Im Vergleich zu regionalen Sendern hat er mehr Freiheit und berichtet auch über kritische Themen.

Im Frühjahr recherchierte Jarst eine Geschichte, die eigentlich keinen politisch Hintergrund hatte: Es ging um ein verschwundenes Mädchen. Jarst war auf dem Weg zur Ermittlungsbehörde, um ein Interview zu drehen, als sein Auto angehalten wurde. Hinter dem Rücksitz fanden Polizisten eine Tüte, angeblich mit Drogen. „Weder in meinem Blut noch an meinen Fingern oder in meiner Wohnung wurden Spuren von Rauschgift gefunden“, sagt Jarst. Auf der Tüte gab es keine Fingerabdrücke. Es war so offensichtlich, dass die Drogen untergeschoben wurden, dass der Staatsanwalt den Fall viermal an die Ermittler zurückschickte.

Jarst verbrachte trotzdem sechs Monate unter Hausarrest – ohne Arbeit und mit der Angst, zehn Jahre ins Gefängnis zu kommen. Er sei sicher, dass man ihn zum Schweigen bringen wollte. Aber er habe keine konkreten Beweise. „Meine Vermutung ist, die Beamten haben befürchtetet, dass im Zusammenhang mit dem Mädchen andere kriminelle Fälle ans Tageslicht kommen können, etwa illegale Adoptionen.“ Er will weiter über kritische Themen berichten, nicht nur darüber, „wie die Magnolien blühen“. Prinzipiell habe man als Journalist immer Möglichkeiten dazu, sagt er. Die Frage sei nur immer, ob man hinterher noch ein Gehalt bekomme.

Journalistin Grizewitsch fand eine andere Arbeit. Sie ist seit zwei Jahren einzige Korrespondentin des unabhängigen Nachrichtenportals Sotschinskije Nowosti („Nachrichten von Sotschi“).