Lehrmeister des Anti-Terror-Krieges

Israels ehemaliger Regierungschef Ariel Scharon war knallhart, manchmal brutal. Trotzdem hat er viel für den Frieden in Nahost getan

München. Was ist historische Größe? Angesichts der Geschichte sind eine Person oder ein Ereignis „historisch“, wenn der Gang der Dinge danach anders als vorher ist. Was also ist durch und seit Ariel Scharon historisch anders als vor ihm? Die Antwort ist klar: Scharon hat mit seiner Strategie den Anti-Guerilla-Kampf revolutioniert und um die Variante erfolgreicher Terrorabwehr ergänzt. Welthistorisch betrachtet waren bis zur Ära Scharon Guerillakrieger praktisch unbesiegbar. Halt, Unterschlupf und Schutz bot ihnen die eigene Zivilbevölkerung. Dort, sagte einst Mao, bewege sich der Guerilla wie der Fisch im Wasser.

Wegen der räumlichen Nähe der feindlichen Zivilbevölkerung haben die palästinensischen Kleinkrieger die klassische Guerillastrategie um eine Variante erweitert: den Terror. Ob sie wollten oder nicht, palästinensische Zivilisten mussten „ihre“ Guerillakämpfer und Terroristen decken. Genau hier setzte Anfang der 1950er-Jahre die Anti-Guerilla- und Anti-Terror-Strategie Scharons an. Durch ständige Verbesserung der eigenen Informationsgewinnung gelang es der israelischen Spionage immer besser, diejenigen Palästinenser ausfindig zu machen, die sich ihren eigenen Kriegern und Terroristen entziehen wollten und deren Pläne, Aufenthalt und andere wichtige Informationen den Israelis preiszugeben bereit waren. Auf diese Weise konnten Israels Elitesoldaten mit gewagten Kommandoaktionen gezielt Terror- oder Guerillaaktionen vergelten oder verhindern.

Oft wurden bei den israelischen Präventiv- oder Reaktiv-Aktionen unschuldige, unbeteiligte Zivilisten getötet. Krieg ist Krieg, das Gesetz des Krieges grausam, entsetzlich, unmenschlich. Es gilt ihn zu verhindern. Doch wenn ausgebrochen – und Israels Überleben haben Palästinenser und arabische Staaten seit jeher bekriegt –, muss er gefochten und gewonnen werden, um zu überleben. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, dabei die Verluste des Feindes zu minimieren. Daran hielt sich die Scharon-Strategie weitgehend. Nach Beendigung der Gewalt könne, müsse und werde eine politische, politisch-friedliche Lösung gefunden.

War der Krieger Scharon also ein Mann des Friedens? Ja und nein, gerade weil er in der Anwendung seiner Strategie unglaubliche Konsequenz bewiesen hat. Scharon war knallhart und nicht selten brutal. Blut klebte an seinen Händen, und sein Beiname „Bulldozer“ kommt nicht von ungefähr. Man denke an den Verteidigungsminister Scharon, September 1982, im Libanonkrieg gegen die PLO. Seine Truppen standen Gewehr bei Fuß, als Christenmilizen Hunderte von Palästinensern in den Lagern Sabra und Schatila massakrierten.

Im aufgezwungenen Krieg war sein Krieg seine Politik – das, was er für seinen Weg zum Frieden hielt: Die Kommandoaktionen seit 1953, sein Einsatz in den Kriegen von 1956 (Sinai-Feldzug), 1967 (Sechs-Tage-Krieg), 1973 (Jom-Kippur-Krieg). Gerade im Jom-Kippur-Krieg vom Oktober 1973 zeigte sich der politische Kopf und Charakter dieses scheinbar Nur-Haudegens: Er widersetzte sich den Vorgaben seines Oberbefehlshabers und erzielte damit, aus der Defensive, den militärischen Durchbruch gegen die Armee Ägyptens, die er einkesselte. Er stand rund 100 Kilometer vor Kairo. Und damit war eine politische Lösung möglich. US-Außenminister Henry Kissinger begann sie, Israels Premier Begin vollendete sie 1977 bis 1982 – unter maßgeblicher Beteiligung Scharons. Die erstmalige Räumung israelischer Siedlungen auf dem Sinai zugunsten des Friedens mit Ägypten hat Scharon im April 1982 federführend für seinen Ministerpräsidenten durchgesetzt, nein, durchgeboxt.

Siedlungen waren zunächst Druckmittel in den Friedensverhandlungen

Schon zuvor, Anfang der 1970er, als Kommandeur der Süd-Armee, hatte er die menschenunwürdigen palästinensischen Flüchtlingslager im Gazastreifen sanieren wollen. Dafür wurde ihm von der PLO – und der Uno! – Unmenschlichkeit unterstellt. Es blieb also bei den unmenschlichen Bedingungen, die immer unmenschlicher wurden und so die Palästinenser weiter radikalisierten. Das genau hatte die damalige PLO gewollt. Die islamistische Hamas erntete die Früchte – gegen die PLO und Israel. Wäre der Scharon-Plan realisiert worden, hätte sich die Politik in Gaza anders entwickelt. Menschlicher. Nein, nicht aus reiner Menschenliebe oder zum ausschließlichen Wohl der Palästinenser hat Scharon diesen Plan entwickelt. Er wollte den Guerilla- und Terror-Fischen das Wasser entziehen.

Der massive Aus- und Aufbau israelischer Siedlungen im Westjordanland begann 1977 unter der Regie von Begin und Scharon. Gleichzeitig führte die Begin-Scharon-Dajan-Regierung seit Sommer 1977 hinter den Kulissen und seit November 1977 auf der weltpolitischen Bühne Friedensgespräche mit Ägyptens Präsidenten Anwar al-Sadat. Im September 1978 wurde das Camp-David-Abkommen geschlossen, im März 1979 der israelisch-ägyptische Friedensvertrag. Beide sahen für Gaza und das Westjordanland eine weitgehende Selbstverwaltung vor. Deren politische Dynamik hätte unweigerlich zur Gründung eines Palästina-Staates geführt. Wenn die PLO unter Arafat diesen Prozess nicht torpediert hätte. Zunächst waren diese Siedlungen nämlich ein israelisches Druckmittel in den Friedensverhandlungen: Wenn wir einen politischen, nicht militärischen Weg finden, bauen wir auch keine Siedlungen. Legt die Waffen nieder, und es gibt keine neuen Siedlungen. Macht ihr weiter, wird unser Appetit auf Siedlungen größer. So oder so, aus Sicht Scharons nur vorteilhaft. Jene leisen Töne wurden auch international überhört, und die sich dann entwickelnde Eigendynamik der Siedlungspolitik führte dazu, dass heute rund eine halbe Million Israelis im Westjordanland (einschließlich Ostjerusalem) leben.

Als Ministerpräsident entwickelte er die Anti-Terror-Strategie weiter, nachdem sich palästinensische Überfälle und Anschläge auf israelische Zivilisten und Militärs in der Zweiten Intifada (2000–2005) aus dem Westjordanland gehäuft hatten. Er ließ zwischen Israel und dem Westjordanland eine Mauer bauen. Sie trifft das Westjordanland bis ins Mark. Das ist die eine, inhumane Seite. Die andere, humane: Ohne eine verheerende Militäraktion zu starten, hat sich Israel als Terror-Zielscheibe entzogen.

Im Grunde genommen handelte Scharon wie einst Bismarck 1866 nach dem gewonnenen Krieg gegen Österreich. Er schlug es militärisch und öffnete den Rückweg in die Politik. Diesen Weg ging Scharon 2005 weiter: Gegen den massiven Widerstand seiner Koalition, Partei und Öffentlichkeit räumte er alle Siedlungen im Gazastreifen. „Land für Frieden“. Statt Frieden fürs Gaza-Land bekam Israel von der Hamas allerdings Raketen. Doch Scharon wollte den politischen Weg fortsetzen. Dafür gründete er eine eigene Partei. Er verließ den von ihm 1973 mitgegründeten Likud. Gemäßigte Politiker wie Schimon Peres schlossen sich ihm an. Im Januar 2006 wurde Scharon vom Schlag getroffen.

Seine Nachfolger hatten weder Willen, Fähigkeit noch Kraft, Scharons Weg zum Frieden zu vollenden.