Putin droht Terroristen mit „völliger Vernichtung“

Seine Landsleute fordert der Kremlchef auf, sich trotz der Attentate auf Olympia in Sotschi im Februar zu freuen

Wolgograd. Nach den blutigen Terroranschlägen in Wolgograd hat Kremlchef Wladimir Putin bei einem unangekündigten Besuch in der Stadt den Drahtziehern Vergeltung angedroht. Es gebe keine Rechtfertigung für solch abscheulichen Verbrechen, sagte der Präsident am Mittwoch bei einem Treffen mit Verletzten in einer Klinik der südrussischen Stadt.

In seiner Neujahrsansprache drohte Putin Terroristen mit der „völligen Vernichtung“. Wegen der Anschläge hatten die meisten Städte in Russland zu Silvester die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt oder Feiern ganz abgesagt.

Putin legte an der Stelle, an der ein Selbstmordattentäter am Montag einen Linienbus gesprengt hatte, einen Strauß roter Rosen nieder. Minutenlang hielt der Präsident inne, um die brennenden Kerzen zu betrachten und mit Anwohnern zu sprechen. „Wir werden alles tun, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten“, sagte Putin. Bei den beiden Bombenanschlägen in einem Bus und im Bahnhof waren am Sonntag und am Montag insgesamt mindestens 34 Menschen getötet und 72 verletzt worden.

Die Attentate innerhalb von nur 24 Stunden schüren Sorgen um die Sicherheit der Olympischen Winterspiele, die in fünf Wochen im Schwarzmeerkurort Sotschi beginnen. Islamisten aus dem Konfliktgebiet Nordkaukasus hatten gedroht, die Wettkämpfe zu stören. Die Spiele gelten auch als Prestigeprojekt Putins. Wolgograd, das bis 1961 Stalingrad hieß, liegt etwa 700 Kilometer von Sotschi entfernt.

Putin appellierte zu Beginn des neuen Jahres an seine Landsleute, sich auf die Olympischen Spiele zu freuen. Russland sei immer dann stark gewesen, wenn seine Menschen zusammengehalten hätten. Bei einem Treffen in Wolgograd befahl er den Chefs des Inlandsgeheimdiensts FSB und des Innenministeriums, die Sicherheit in der Stadt rund 1000 Kilometer südlich von Moskau zu verstärken. „Sagen Sie mir, welche Maßnahmen sie ergreifen“, forderte er den FSB-Chef Alexander Bortnikow auf. Das Staatsfernsehen zeigte Bilder des Treffens.

Im Krankenhaus besuchte Putin den schwer verletzten Fahrer des von einer Bombe völlig zerfetzten Linienbusses. Auch einer älteren Frau sprach er Mut zu. „Wir Wolgograder lassen uns nicht so einfach unterkriegen“, antwortete die Frau und erinnerte an die blutige Schlacht in der Stadt im Zweiten Weltkrieg.

Vizeregierungschefin Olga Golodez sagte, zwei verletzte Mädchen müssten in ein Spezialkrankenhaus nach Moskau geflogen werden. „Die neunjährige Olga erlitt durch Metallsplitter schwere Verwundungen, und die dreimonatige Wika liegt im Koma – wir kämpfen um ihr Leben“, sagte Golodez.

Wegen der Attentate hatte Putin kurzfristig seine traditionelle TV-Neujahrsansprache geändert. Da er im vorproduzierten Fernsehclip die Terrorakte nicht erwähnt hatte, musste er schnell eine aktualisierte Version aufnehmen. „Das war eine Premiere“, sagte sein Sprecher Dmitri Peskow.

Islamistische Rebellen haben damit gedroht, die Wettkämpfe in der Kaukasus-Region mit allen Mitteln verhindern zu wollen. Zu den Anschlägen von Wolgograd bekannte sich bislang allerdings niemand.

Die USA haben der Regierung in Moskau eine engere Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen für die Olympischen Winterspiele angeboten. Die Bombenexplosionen von Wolgograd zeigten die Notwendigkeit einer besseren Kooperation mit Russland, heißt es.

Eine Sprecherin des Internationalen Olympischen Komitees hatte zuvor erklärt, dass die russischen Behörden für die Sicherheit während der am 7. Februar beginnenden Wettkämpfe zuständig seien und das IOC nicht daran zweifle, dass sie dieser Aufgabe gewachsen seien. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) äußerte sich nach einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow bestürzt: „Wir verurteilen diese terroristischen Untaten in aller Schärfe.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel schickte ein Kondolenztelegramm an Putin. „Wir setzen darauf, dass die russischen Sicherheitsbehörden alles tun werden, um die Sicherheit der Olympischen Spiele zu gewährleisten. Wir haben auch Vertrauen, dass dies gelingt“, sagte ein Regierungssprecher in Berlin.

Jenseits von Olympia lauern weitere Herausforderungen. Russlands schwächelnde Wirtschaft hängt fast ganz von Öl und Gas ab. Obwohl die Energiepreise hoch sind, befindet sich das Land mit einem Wachstum von wenig mehr als einem Prozent am Rand einer Rezession. Korruption und ein politisch gefärbtes Justizsystem schrecken ausländische Investoren ab. Zugleich sorgen ethnische Spannungen und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich für Instabilität.