Natalia Klitschko bangt um Vitali

200.000 Demonstranten gegen 15.000 Regierungsanhänger. Boxweltmeister führt die Proteste an

Hamburg/Kiew. Etwa 200.000 Gegner der ukrainischen Regierung haben am Sonntag auf dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum der Hauptstadt Kiew für einen europafreundlichen Kurs demonstriert. Zeitgleich trafen sich etwa 15.000 Anhänger der Regierung zu einer Kundgebung einen Kilometer entfernt. Die Opposition fordert seit vier Wochen den Rücktritt der Regierung.

Natalia Klitschko, 39, Frau von Vitali Klitschko, 42, der die Proteste seit Wochen anführt, lebt in ständiger Sorge um ihren Mann, der seit Wochen in der Ukraine die Demonstrationen gegen die Regierung anführt. „Ich versuche immer, mich mit positiven Gedanken zu beruhigen“, sagte sie der „Bild am Sonntag“. Die Sorge sei schlimmer als während der vielen Kämpfe des Boxweltmeisters. „Im Boxen gibt es klare Regeln, einen Ringrichter und einen Gegner, den man sehen kann – den gibt es in unserem Land nicht. Da gibt es keinen Rechtsschutz. Es ist ein sehr gefährliches, sehr schmutziges Spiel“, sagte sie. Pro Tag telefoniere sie drei- bis viermal mit ihrem Mann.

Klitschko, der mit seiner Familie in Deutschland lebt, war zuletzt am 23. November in Deutschland, zum 11. Geburtstag von Tochter Elizabeth. „Vitali ist extra für drei Stunden aus der Ukraine eingeflogen. Er wollte unbedingt dabei sein. Die Kleine hat fast durchgeweint vor Freude. Sie haben sich die ganze Zeit umarmt“, erzählte Natalia Klitschko. Das Paar hat noch zwei weitere Kinder im Alter von acht und 13 Jahren.

Das Abkommen, das die ukrainische Regierung Mitte November unmittelbar vor der Unterzeichnung zugunsten einer engeren Anbindung an Moskau auf Eis gelegt hatte, liege weiter „auf Halde“, teilte EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle mit. Selbst wenn die Regierung es nun schnell unterzeichnen wolle, lägen die Worte und Taten von Präsident Viktor Janukowitsch und seiner Regierung weit auseinander, twitterte er. Der stellvertretende Regierungschef Sergej Arbusow hatte vergangene Woche angekündigt, das Land erwäge die Unterschrift unter das Abkommen, sobald einige Details ausgearbeitet seien.

Offenbar um die Opposition zu beschwichtigen, hatte Präsident Janukowitsch am Sonnabend erste personelle Konsequenzen nach den gewaltsamen Polizeieinsätzen bei früheren Protesten gezogen. Er suspendierte den Bürgermeister von Kiew, Oleksandr Popow und den stellvertretenden Chef des nationalen Sicherheitsrats, Wolodimir Siwkowitsch von ihren Ämtern. Gegen sie und zwei weitere ranghohe Beamte laufen nun Ermittlungen.

Die Opposition um Boxweltmeister Vitali Klitschko geht das jedoch nicht weit genug. Sie fordert einen Rücktritt Janukowitschs und der gesamten Regierung sowie Neuwahlen. Schon am Sonnabend hatten Gegner und Anhänger der Regierung in unmittelbarer Nähe voneinander demonstriert, waren aber durch Barrikaden und einen Polizeikordon voneinander getrennt. Zusammenstöße gab es daher nicht.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen ist besorgt. „Wir erwarten, dass alle Seiten in der Ukraine keine Gewalt mehr anwenden“, sagte er der Zeitung „Die Welt“.