Der Abstieg der Vereinigten Staaten

USA verlieren an Wirtschaftskraft. Staaten aus Asien und Europa ziehen vorbei

Berlin. Schneller, höher, weiter: Über Jahrzehnte waren die Vereinigten Staaten es gewohnt, dass es für ihre Entwicklung nur eine Richtung gibt – nach oben. Egal, ob in den Bereichen Technik, Kultur oder wirtschaftliche Innovationen, die USA gaben bis zum Beginn der 90er-Jahre den Ton an. Und das schlug sich auch auf den wirtschaftlichen Wohlstand und das Wohlbefinden der Bevölkerung nieder.

Seit einigen Jahren aber ist ein Trend zu beobachten, der in eine andere Richtung deutet. 2013 gehören die Vereinigten Staaten nun erstmals nicht mehr zu den 20 wirtschaftlich leistungsfähigsten Wirtschaftsnationen der Welt, wie eine Studie des britischen Thinktanks Legatum Institute belegt. Dessen jährlicher Bericht „Legatum Prosperity Index“ weist den USA Platz 24 von insgesamt 142 im Bereich „wirtschaftliche Leistungskraft“ zu. Als Kriterium gelten volkswirtschaftliche Rahmendaten, wirtschaftliche Zufriedenheit und Optimismus, Wachstumspotenzial und Effizienz des Finanzsektors.

Nie rangierten die Amerikaner auf einem schlechteren Platz, seit Legatum die Zahlen in dieser Kategorie vor sieben Jahren erstmals erhob. Mittlerweile sind eine Reihe europäischer und asiatischer Staaten an Amerika vorbeigezogen. Im Bereich der „wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“ sind das unter anderem Frankreich (Platz 22), Südkorea (19) und Deutschland (neun). China kommt auf einen guten siebten Platz. Diese Entwicklung dürfte das Selbstverständnis der Wirtschaftsmacht USA empfindlich treffen; zumal amerikanische Unternehmen in vielen Zukunftsbranchen den Takt vorgeben. Der Niedergang der USA im Bereich Wirtschaft vollzog sich besonders rasant: In nur fünf Jahren büßten die Amerikaner hier ganze elf Plätze ein. „Die USA können nicht länger zu den wohlhabendsten Wirtschaftsmächten gerechnet werden – tatsächlich sind sie nicht einmal mehr im Klub der Besten mit dabei“, sagt Jeffrey Gedmin, Präsident des Legatum Institute.

Die Gründe dafür seien vielschichtig und letztlich einer Kombination aus mehreren Faktoren geschuldet, sagen die Wirtschaftsexperten aus London. Zum einen liege die Arbeitslosenquote in den USA mit 8,9 Prozent empfindlich höher als in aufstrebenden Ländern wie Taiwan (4,3 Prozent) und Südkorea (3,4 Prozent). Außerdem fallen die Amerikaner immer stärker beim Export von Hightech-Produkten zurück. Während die US-Ausfuhren in diesem Bereich auf 18 Prozent abgestürzt sind, legen die neuen asiatischen Tiger wie Malaysia und Südkorea mit jeweils 43 und 25 Prozent ordentlich zu.

Mit den Problemen wächst auch die Unzufriedenheit mit der US-Regierung

Hinzu kommt: Auch wenn die US-Wirtschaft sich langsam von der Finanzkrise zu erholen beginnt, konnten die Amerikaner im vergangenen Jahr weniger Geld zurücklegen. Im Vergleich zu 2009 sei die Zufriedenheit mit dem Lebensstandard weiter gesunken; auch die Versorgung mit ausreichend Nahrung und einem Dach über dem Kopf hat laut Studie abgenommen. So verwundert es kaum, dass gleichzeitig auch die Unzufriedenheit mit der US-Regierung wächst. Die Legatum-Studie macht sogar einen eklatanten Vertrauensverlust der Obama-Regierung aus: Während die Zustimmungswerte 2010 noch bei 51 Prozent lagen, seien inzwischen nur noch 35 Prozent einverstanden mit der Arbeit des US-Präsidenten.

Allerdings: Auch wenn die Leistungsfähigkeit nachlässt; die USA gehören nach der Rechnung von Legatum immer noch zu den Volkswirtschaften, in denen es der Bevölkerung besonders gut geht. Im Gesamtindex, der den Wohlstand der Bevölkerung misst, können sich die Amerikaner sogar von Rang zwölf auf Rang elf minimal verbessern. Deutschland liegt drei Plätze dahinter auf Rang 14.

Der Wohlstandsbegriff, den die britische Denkfabrik verwendet, ist dabei sehr weit gefasst. Neben der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gehören dazu das Klima für Existenzgründer und die soziale Durchlässigkeit, Regierungsführung, Bildung, Gesundheit, Sicherheit, persönliche Freiheit und soziales Kapital. Auf den ersten Plätzen des Vergleichs landen Norwegen, die Schweiz, Kanada, Schweden, Neuseeland und Dänemark.

Interessant ist dabei der nähere Blick auf Europa. In der Gesamtwertung aller Faktoren hat Deutschland am stärksten zugelegt und sich mittlerweile auf Rang 14 vorgearbeitet. Dabei hat die Bundesrepublik mittlerweile Großbritannien überholt und auf den 16. Platz verwiesen. Die Briten sind damit um drei Plätze nach hinten gefallen. Keines der anderen Altmitglieder der Europäischen Union tut es Deutschland gleich – allein die ehemals kommunistischen Länder im Osten Europas wie Slowenien (Platz 24), Tschechien (29) und Estland (36) legen kräftig zu. Allerdings von einem wesentlich niedrigerem Niveau aus, als die alten EU-Mitglieder im Westen.