Der Aufstand für die Lehrer

Protestmarsch gegen das brasilianische Bildungssystem endet in Straßenschlacht. Polizei reagiert mit unverhältnismäßiger Härte

Rio de Janeiro. Als ein Teil der Demonstranten Steine und brennende Gegenstände gegen das Haus des Stadtrates von Rio de Janeiro schleuderte, war die friedliche Demonstration vorbei. Erneut hatten Zehntausende Brasilianer am Montagabend gegen das schlechte Bildungssystem und die Unterbezahlung der Lehrer protestiert. Nach zwei Stunden allerdings sonderte sich eine Gruppe von etwa 200 Vermummten ab, die in Geschäften randalierte, mit Eisenstangen Bankfilialen demolierte, einen Bus anzündete und Molotowcocktails warf. Die Polizei schoss daraufhin mit Tränengas in die Menge.

Zu Beginn der Kundgebung hatten sich Gruppen aus ganz Rio de Janeiro im Zentrum auf der Hauptstraße Avenida Rio Branco versammelt. Mit Trompeten und Trommeln, Plakaten und Sprechchören trotzten sie dem Regen. Die 54-Jährige Lucia Teresa etwa arbeitet seit 30 Jahren als Lehrerin an öffentlichen Schulen, vor allem in den Armenvierteln Catumbi und Cidade de Deus. „Nur wegen des Geldes gehen wir nicht auf die Straße, sondern weil das System ungerecht ist. Wir haben in den öffentlichen Schulen zu große Klassen, keinen Zugang zum Internet, keine Computer. Eine gute Ausstattung bleibt das Privileg der Privatschulen“, sagt sie.

So wie Lucia Teresa scheinen das viele zu sehen in Brasilien. Die Lehrergewerkschaft spricht von 50.000 Demonstranten in Rio, die Polizei hingegen nur von 20.000. Unterstützung erhalten die Lehrer auch von jungen Leuten. Die Ingenieursstudentin Mariana Rodriges da Santos beschreibt das Bildungssystem in ihrer Heimat als katastrophal. Sie selbst habe gerade ein Austauschjahr in Berlin absolviert und könne daher vergleichen. Doch was Mariana Rodriges da Santos vor allem stört ist, dass sie nicht einmal friedlich gegen Missstände protestieren darf. „Die Gewalt, die in der vergangenen Woche gegen die Lehrer angewendet wurde, war absurd und absolut falsch“, sagt sie – und geht genau deshalb wieder auf die Straße.

Nicht das erste Mal hatte die Polizei also brutal reagiert, als streikende Lehrer versuchten, in das Gebäude des Stadtrates zu gelangen. „Es kann nicht sein, dass die Polizisten aggressiv und sogar mit Gummigeschossen gegen die Lehrer vorgehen“, kommentiert auch Leila de Lima, 48 Jahre alt, Lehrerin an zwei öffentlichen Oberschulen, die Übergriffe. Nun habe natürlich jeder Angst vor den Sicherheitskräften. So landete in den vergangenen Tagen ein Video in den brasilianischen Medien, das zeigt, wie Polizisten ohne Erlaubnis auf Dächer in der Innenstadt kletterten und von dort Gegenstände auf die Protestierenden warfen. Eine andere Aufnahme enttarnte einen Beamten, der einem Schüler Eisengegenstände unterjubelt, um ihn daraufhin brutal festzunehmen. Später posiert dieser Polizist auf Facebook mit einem Victory-Zeichen und kommentierte die eigene Aktion mit: „Das war gemein“.

Die Polizei hat nach diesen Aktionen keinen guten Stand mehr in der Bevölkerung. Der Gouverneur von Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, und der Bürgermeister Eduardo Paes stehen in der Kritik, die Proteste nicht beherrschen zu können und die brutalen Aktionen der Polizei zu stützen. Sérgio Cabral hatte am Montagmorgen gesagt, er spreche den Lehrern das Recht zu Protesten zu, aber die Polizei müsse gegen Radikale vorgehen. Bürgermeister Eduardo Paes bedauerte im Sender Radio Globo die Radikalisierung der Lehrerproteste und forderte, dass „sich die Lehrer mit den neuen Gesetzen auseinandersetzen sollten“. Sie erhielten ab Oktober bis zu 15 Prozent mehr Gehalt. Außerdem seien die Lehrer in Rio de Janeiro besser bezahlt als in anderen Bundesstaaten Brasiliens, so Paes. Fürstliche Gehälter zahlt Brasilien seinen Lehrern allerdings nicht, im Nordosten des Landes liegt das Einstiegsgehalt bei 1000 Reais, knapp 400 Euro.

Auf der Demonstration waren Cabral und Paes Thema der Sprechchöre, „Sergio und Cabral, das sind Banditen, Diktatoren“, skandierte die Masse immer wieder. Sticker mit den Aufdrucken „Fora Cabral“, „Weg mit Cabral“, klebten in den Signalfarben Rot und Gelb auf den Jacken vieler aufgebrachter Lehrer. Mit einer Sprühdose schrieben Vermummte den Spruch später auf das Haus des Stadtrats. Mindestens 15 Menschen wurden festgenommen, fast alle wurden wieder auf freien Fuß gesetzt. Weil die Unruhestifter Berge von Müll in Brand gesetzt hatten, rückte die Stadtreinigung mit einem Traktor an, um die Straßen frei zu räumen. Auch in São Paulo hatten Menschen in der Innenstadt demonstriert. Wie in Rio de Janeiro gingen Scheiben zu Bruch, wurden Banken zerstört.

Am Morgen nach den Ausschreitungen sprachen viele Brasilianer den Lehrern ihre Unterstützung aus – verurteilten aber die Gewalt durch Radikale. „Die friedlichen Proteste im ganzen Land sind ein Beweis dafür, dass wir ein ordentliches Volk sind“, schrieb eine Pädagogin im Netz. „Die Zusammenstöße werden von denen provoziert, die das Chaos wollen. Wir müssen jetzt wissen, wer sie sind.“ Auch wenn die Lehrer zunehmend Menschen mobilisieren und die Öffentlichkeit erreichen – was von den Protesten in den Köpfen bleibt, sind die Bilder von einem brennenden Bus und zersplitterten Scheiben.