Verschwörung in China?

Gestürzter Politstar Bo Xilai stellt sich zum Prozessende als Opfer einer Liebesaffäre dar

Jinan/Peking. Am letzten Prozesstag lässt der einst mächtige Politfunktionär Bo Xilai die Bombe hochgehen: Die beiden Kronzeugen gegen ihn, seine Frau Gu Kailai und sein ehemals enger Vertrauter Wang Lijun, waren in einer heimlichen, engen Beziehung. Deswegen wolle der einstige Polizeichef Wang ihm eins auswischen. „Er war heimlich in Gu Kailai verliebt“, sagt der 64-jährige Bo am Montag laut Protokollen in seinem Abschlussstatement vor Gericht im ostchinesischen Jinan.

Ist der Skandal, der China seit mehr als einem Jahr in Atem hält, letztlich von einem frustrierten Liebhaber ins Rollen gebracht worden? Nach fünf Verhandlungstagen gibt es mehr Fragen als Antworten. Klar ist: Wang hatte in der Affäre eine Schlüsselrolle. Der korrupte „Super-Bulle“ Wang flüchtete Anfang vergangenen Jahres in ein US-Konsulat und berichtete, dass Gu Kailai den befreundeten Briten Neil Heywood mit Gift umgebracht hatte. Danach nahm der Skandal seinen Lauf. Gu wurde wegen Mordes zu einer Todesstrafe auf Bewährung verurteilt. Wang erhielt 15 Jahre Haft wegen Korruption, Fahnenflucht und Amtsmissbrauchs. Wang behauptet nun, dass Bo den Mord vertuschen wollte.

Für den einstigen Parteichef der 30-Millionen-Metropole Chongqing sind das unglaubwürdige Worte: „Er hat meine Familie und meine tiefsten Emotionen verletzt. Das waren die wirklichen Gründe für seine Flucht.“ Niemals würde er seine Macht missbrauchen, um einen Mord zu decken. Auch die Korruptionsvorwürfe der Staatsanwaltschaft seien nicht stichhaltig. Die Villa in Frankreich, teure Auslandsflüge, verschwundene Millionen aus der Staatskasse: Wenn, sei seine Frau dafür verantwortlich. Er habe allenfalls seine Aufsicht als Ehemann und Parteichef verletzt, aber das seien nicht unbedingt Verbrechen. Nach fünf Prozesstagen kann die Pekinger Führung viel Lob für sich verzeichnen. Die häppchenweise veröffentlichten Gesprächsprotokolle auf der Seite des Gerichtes im Kurzmitteilungsdienst Weibo brachten der Parteiführung viel Zuspruch. Am Montag passiert jedoch ein schwerer Fehler. Ein Protokoll mit dem Plädoyer der Anklage wird gelöscht. Wenige Minuten später taucht wieder ein Text auf, wird aber wenig später durch einen neuen ersetzt. Es kommen Zweifel auf, inwieweit die Protokolle überhaupt die wirklichen Szenen aus dem Gericht widerspiegeln.

Showdown oder Schauprozess bleibt die Frage. Aber einen konkreten Effekt könnten die Protokolle schon haben: Das Urteil gegen Bo werde vermutlich nicht mehr sehr hart ausfallen, prognostizierte Cheng Li vom China-Zentrum der US-Denkfabrik Brookings. Allerdings hüllt sich das Gericht in Schweigen, wann es eine Entscheidung verkünden will.