Treffen wir uns heute Mittag bei Vodafone?

Not macht erfinderisch. Madrid und Barcelona vermieten ihr historisches Erbe

Madrid. Jedem Madrilenen ist die Puerta del Sol, der zentrale, von prunkvollen Gebäuden eingerahmte Platz im Herzen der Hauptstadt heilig. Hier, am geografischen Mittelpunkt des Landes, begehen in jeder Silvesternacht Tausende von Menschen feierlich das neue Jahr, an diesem Platz wurde 1931 die zweite Republik ausgerufen, hierher strömen die Spanier aus allen Landesteilen, wenn sie gegen die jeweilige Regierung demonstrieren wollen. Doch seit einigen Tagen reiben sich viele Menschen erstaunt die Augen: An der futuristischen Sol-Metrostation, die der Glaspyramide des Pariser Louvre gleicht, prangt ein neues Schild „Vodafone-Sol“, verziert mit dem Logo des britischen Mobilfunkgiganten.

Drei Jahre lang darf der Konzern die Metrostation und die gesamte Linie zwei für seine Werbezwecke beanspruchen. Dafür zahlt er drei Millionen Euro. „Mit diesem Schachzug können wir die Ticketpreise für unsere Nutzer niedrig halten und müssen in Krisenzeiten weniger auf Steuergelder zurückgreifen“, freute sich Salvador Victoria, Sprecher der Regionalregierung.

Künftig treffen sich die Madrilenen also am Mittag oder abends bei Vodafone. „Das hier geht zu weit. Es regiert der schnöde Mammon, die Stadtoberen sind von allen guten Geistern verlassen“, empört sich Rentnerin Josefina und spricht vielen ihrer Landsleute aus der Seele. „Willkommen in der Vodafone-Station, und nun nehmen sie bitte den Ausgang Happy-Meal-Flughafen“, witzelte ein User der Internetplattform Cuantarazon.

Für viel weniger Geld musste sich vor wenigen Tagen der altehrwürdige Kolumbus auf seiner prachtvollen Säule unweit des alten Hafens von Barcelona umziehen. Gerade mal 100.000 Euro erhielt die Stadtverwaltung, als sie dem Entdecker Amerikas ein überdimensionales rot-blau-gestreiftes Barça-Trikot überstülpen ließ. Immerhin wurde das Geld für wohltätige Zwecke verwendet.

Doch es regt sich bereits Widerstand beim Volk. Im Fall Vodafone gibt es jetzt eine Gegenbewegung namens „Tapa la marca“ (deck die Marke zu). Auf deren Internetseite kann man sich Bögen in verschiedenen Größen herunterladen, die genau die Größe des Vodafone-Logos haben. Wer sich die Mühe macht, kann damit das rote Emblem überkleben. Das könnt ja ein neuer Sport in der U-Bahn werden.