Hollande profitiert von Homo-Ehe

Trotz der Massenproteste: Die Mehrheit der Franzosen unterstützt das neue Gleichstellungsgesetz

Cannes/Paris. Für Frankreich war es ein Epochenwechsel. Im Festivalpalast von Cannes verlieh der US-Regisseur und Jury-Präsident Steven Spielberg Goldene Palmen an Abdellatif Kechiche, den Regisseur des Films „La vie d’Adèle“ (Adèles Leben), und seine umwerfenden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux. Der Film zeigt das Aufblühen und Vergehen einer lesbischen Liebe. Und gleichzeitig gehen in Paris Hunderttausende auf die Straße, um gegen das Gesetz zur Homo-Ehe zu protestieren. 350 Festnahmen gab es nach der Randale am Wochenende, wie Innenminister Manuel Valls am Montag bilanzierte.

Seine Kollegin, Justizministerin Christiane Taubira, ist für das Gesetz verantwortlich. Die schlagfertige 61-Jährige mit dem Afrolook stammt aus dem Überseedepartement Guayana und ist Anfeindungen gewohnt. Für die konservative Opposition war sie von Beginn ihrer Amtszeit an ein „rotes Tuch“. Zwei Gesetze sind mit ihrem Namen verbunden: neben dem heftig umstrittenen Gesetz zur „Ehe für alle“, das Schwulen und Lesben die Eheschließung und Adoption erlaubt, auch das Gesetz, das seit 2001 Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einstuft. Taubira wirbt dafür, dass Sklaverei in den französischen Schulbüchern behandelt wird.

In Umfragen zeigt sich eine deutliche Mehrheit der Franzosen positiv gegenüber dem Homosexuellen-Gesetz. Nachdem der Verfassungsrat die Beschwerden der Oppositionspartei UMP gegen den Gesetzestext zurückgewiesen hat, gibt es auch keine legalen Optionen mehr, gegen die Reform vorzugehen. Nach der Unterzeichnung des Gesetzes hat Präsident François Hollande erstmals seit seinem Amtsantritt an Popularität gewonnen. Offenbar zahlt es sich aus, dass er mit der Legalisierung der Homo-Ehe ein Wahlversprechen eingelöst hat.

Bereits vor dem gewalttätigen Schlussakkord der Proteste gegen das Gesetz hatte sich abgezeichnet, dass die Bewegung gegen die Homosexuellen-Ehe ihren Höhepunkt überschritten hat. Selbst Frigide Barjot, mediale Ikone und Sprecherin der Bewegung, erklärte, dass die „Zeit der Demonstrationen“ vorbei sei. In den vergangenen Wochen war es zwischen moderateren Gegnern des Gesetzes und dem erzreaktionären Flügel des „Printemps Français“ immer häufiger zu Konflikten gekommen.

Für die konservative Opposition entwickelt sich das Thema zu einem strategischen Dilemma. Zwar zeigte sich der Interims-Vorsitzende der UMP, Jean-François Copé, an der Seite der Demonstranten. Andere hochrangige UMP-Politiker blieben der Protestveranstaltung fern. Die ehemalige Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet etwa, die im kommenden Jahr in Paris Bürgermeisterin werden will, hält sich bewusst bedeckt, weil sie ihre Chancen in der liberalen Stadt nicht schmälern will. Der Bürgermeister von Paris ist der seit Jahren offen homosexuell lebende Sozialist Bertrand Delanoë.