Türkei gerät in den Sog des Syrien-Krieges

Proteste nach Anschlag mit 46 Toten richten sich gegen Premier Erdogans Politik. Drei Viertel der Türken lehnen Einmischung im Nachbarland ab

Istanbul. Der Anschlag in der türkischen Grenzstadt Reyhanli vom Sonnabend, bei dem mindestens 46 Menschen den Tod fanden, hat vor allem eines klargemacht: Die Türkei gerät immer mehr in den Sog des Syrienkriegs. 35 der Toten wurden bislang als Türken identifiziert, drei als Syrer. Es war einer der schwersten Terroranschläge in der Geschichte des Landes. Schon deswegen befindet sich die Regierung in Zugzwang. Vor einigen Monaten hatte es harte Drohungen aus Ankara gegeben, nachdem einige Mörsergranaten auf türkischem Staatsgebiet eingeschlagen waren. Nun aber starben Dutzende, mehr als 100 Menschen wurden verletzt, und Außenminister Ahmet Davutoglu hat öffentlich das syrische Regime als Täter bezeichnet.

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) verurteilte das Attentat nach einem Gespräch mit Davutoglu, der zu Besuch in Berlin weilte, als „barbarischen Terrorakt“ und sagte, die Täter müssten zur Verantwortung gezogen werden. Davutoglu forderte seinerseits den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen auf, Stellung zu beziehen. Das Attentat trage „die Handschrift jener, die das Massaker von Banias verübten“, sagte er. Dort waren Hunderte von Sunniten abgeschlachtet worden, und die Regierung in Ankara hatte Syrien beschuldigt, per Völkermord eine „sunnitenfreie“ alawitische Enklave in der Region schaffen zu wollen – als Rückzugsgebiet für den Fall einer Niederlage des alawitischen Regimes von Machthaber Baschar al-Assad im syrischen Bürgerkrieg. Konkret beschuldigt die Türkei den syrischen Geheimdienst, für die beiden Autobomben in Reyhanli verantwortlich zu sein. Man habe mehrere Personen in der Türkei identifiziert, die „Verbindungen zum syrischen Geheimdienst“ hätten und in den Anschlag verwickelt gewesen seien. Am Sonntag kam dann die Nachricht, dass neun Personen in Zusammenhang mit dem Attentat von türkischen Sicherheitskräften verhaftet worden seien. Alle neun, so verkündete Vizepremierminister Beshir Atalay, seien türkische Staatsbürger und hätten bereits gestanden.

Für jene seiner Landleute, die zu Verschwörungstheorien neigen, kamen die Festnahmen und die Geständnisse verdächtig schnell. Aber immerhin, der Finger der türkischen Regierung zeigt klar in Richtung Damaskus. Nur welches Interesse könnte das bedrängte Regime in Syrien haben, sich selbst noch mehr Probleme zu verschaffen? Denn der Anschlag könnte eine türkische Intervention auslösen, etwa um eine Pufferzone auf syrischem Gebiet einzurichten. Und eine solche Intervention könnte die bislang unwilligen Nato-Partner zwingen, unterstützend für die Türkei als Mitglied einzugreifen.

Dass dennoch eine gewisse Logik für eine Täterschaft des syrischen Geheimdienstes sprechen könnte, zeigten erste Reaktionen in der türkischen Bevölkerung. Weit davon entfernt, Rache zu fordern, richtet sich der Zorn gegen die ganze türkische Politik, den Syrienkonflikt aktiv gestalten und entscheiden zu wollen. Ohnehin lehnen drei Viertel der Türken eine Einmischung in Syrien ab. Im Internet kursierten bald erste Gerüchte auf türkischen Foren, „die USA und Israel“ stünden hinter dem Anschlag, um die Türkei zu einer Intervention zu bewegen. Der Zeitpunkt – kurz vor einer geplanten Reise Erdogans nach Washington, bei der es natürlich vor allem auch um Syrien gehen wird – spreche für sich. In Reyhanli musste die Polizei Warnschüsse abfeuern, um Übergriffe der örtlichen Türken gegen Syrer zu unterbinden. Am Sonntag berichtete die Reporterin Ayla Albayrak , sie habe in Reyhanli sogar elf- bis 14-jährige Jungs gesehen, auf der Suche nach Syrern, die sie angreifen könnten. Diese Syrer sind im Land, weil die Türkei ihre Grenzen für Flüchtlinge geöffnet hatte, Hunderttausende kamen. Auch Syriens Rebellen finden auf türkischem Staatsgebiet Zuflucht und ein sicheres Rückzugsgebiet.

Und deswegen müssen Türken sterben, so empfinden es viele. Ein erzürnter Anwohner verfluchte vor Reportern in Reyhanli Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan für das Unglück, das er über die Stadt gebracht habe. Am Sonntag war aus der einzelnen Stimme bereits eine Menschenmenge geworden: 700 bis 1000 Menschen protestierten in der regionalen Metropole Antakya vor der Zentrale der Regierungspartei AKP gegen deren Syrienpolitik. „Die Menschen von Reyhanli sind nicht allein“, skandierten sie. Und: „Tayyip (Erdogan) tritt zurück!“ Viele der Demonstranten schienen die Autobomben von Reyhanli nicht nur für eine Folge der türkischen Syrienpolitik, sondern geradewegs für ein Werk der Regierung zu halten.

Am Vortag hatte es Erdogan in einer ersten Stellungnahme noch für denkbar gehalten, dass es statt eines syrischen auch einen kurdischen Zusammenhang geben könnte. Weil er derzeit einen Friedensprozess mit der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) vorantreibt, und „nicht alle sind damit einverstanden“. Der Kovorsitzende der Kurdenpartei BDP, Selahattin Demirtas, schien seinerseits eine Verwicklung der islamistischen syrischen Rebellengruppe al-Nusra für denkbar zu halten, die al-Qaida nahesteht. Ihr werfen die Kurden vor, mit Unterstützung Ankaras kurdische Gebiete in Syrien anzugreifen. Was wiederum einen kurdischen Gegenschlag zumindest denkbar erscheinen lassen könnte.

Es gibt also alle möglichen Theorien. Nun bleibt abzuwarten, wie stichhaltig die Erkenntnisse der türkischen Sicherheitsbehörden und wie belastbar die Aussagen der Festgenommenen sind. Syrien hat alle Vorwürfe zurückgewiesen. In den Augen vieler Beobachter wird es sichere Erkenntnisse, wer hinter dem Anschlag steckt, so bald wohl nicht geben. Sicher ist nur: Die Türkei bekommt die Folgen ihrer Nähe zum Syrienkonflikt, und ihres Engagements darin, immer deutlicher zu spüren.