Rebellen unter Giftgas-Verdacht

In Syrien wächst die Furcht vor einer Eskalation des seit zwei Jahren tobenden Bürgerkriegs

Genf/Beirut. Die Vereinten Nationen haben den starken Verdacht, dass die syrische Opposition im Bürgerkrieg Chemiewaffen eingesetzt hat. Befragungen von Opfern, Ärzten und Krankenhäusern deuteten auf das Nervengas Sarin hin, sagte die frühere Uno-Anklägerin Carla del Ponte, derzeit Mitglied der vierköpfigen Uno-Untersuchungskommission für Kriegsverbrechen in Syrien. Es gebe dagegen bislang keine Hinweise, dass syrische Regierungstruppen Sarin genutzt haben, betonte sie.

Del Ponte berichtete im Schweizer Fernsehen SRI, ihre Expertenkommission habe „starke, konkrete Verdachtsmomente, aber noch keinen unwiderlegbaren Beweis, dass Sarin-Gas eingesetzt wurde“. Dies lasse sich unter anderem daraus schließen, wie die Opfer medizinisch versorgt wurden.

Zuletzt hatten Berichte des US-Geheimdienstes für Aufsehen gesorgt, wonach Regierungstruppen von Staatschef Baschar al-Assad im März wahrscheinlich zweimal Giftgas gegen Rebellen eingesetzt haben. Präsident Barack Obama hatte dazu aber gesagt, das müsse noch genau geprüft werden. Auch der israelische Militärgeheimdienst hat das syrische Militär zuletzt des Einsatzes chemischer Kampfstoffe bezichtigt. Obama hatte für den Fall eines Giftgaseinsatzes schon vor Längerem eine „rote Linie“ gezogen. Die USA und Israel sorgen sich auch davor, dass die riesigen syrischen Chemiewaffenbestände nach einem Sturz Assads in die Hände von aufständischen Islamistengruppen fallen, die Israel und dem Westen feindlich gegenüber stehen.

Die Uno hat ihre Untersuchung Anfang April gestartet. Zuvor hatten sich Syriens Regierung und die Opposition gegenseitig beschuldigt, Chemiewaffen zu nutzen. Beide Seiten haben die Uno-Untersuchung beantragt. Das farb- und geruchslose Nervengift Sarin ist bereits in sehr kleinen Mengen tödlich. Angriffsfläche ist dabei der gesamte Körper, sodass nur ein Ganzkörperanzug samt Maske Schutz bieten kann.

Nach den israelischen Luftangriffen am Wochenende auf mutmaßlich für die Hisbollah gedachte Waffen in Syrien wächst mit den Hinweisen auf Chemiewaffeneinsätze die Sorge vor einer Ausweitung der Kämpfe in der fragilen Nahostregion. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief alle Parteien im Syrienkonflikt „zu größter Ruhe und Zurückhaltung“ auf. In Syrien tobten die Kämpfe unterdessen weiter.

In Israel herrscht aus Sorge vor einer Reaktion erhöhte Alarmbereitschaft. Die Armee-Einheiten entlang der Grenze seien zu größter Wachsamkeit aufgerufen, meldete der israelische Rundfunk. Der Luftraum im Norden Israels ist bis Donnerstag für zivile Flugzeuge gesperrt. Zwei Batterien des Luftabwehrsystems Iron Dome (Eisenkuppel) wurden im nördlichen Landesteil in Position gebracht. Israelische Militärs rechnen jedoch dem Rundfunk zufolge nicht mit einem syrischen Gegenangriff, weil das Regime von Baschar al-Assad zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt sei.