Sonderseiten und Konzerte zum Geburtstag

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Presse-Reaktionen in Russland: überschwängliches Lob und stichelnde Kritik

Moskau. Kein lupenreiner Jubel für den Kremlchef: Wladimir Putin hat an seinem 60. Geburtstag heftige Kritik von Opposition und Politologen einstecken müssen. Angesichts von Sonderausstellungen und Galakonzerten für den russischen Präsidenten am Sonntag sprachen Regierungsgegner von einem "Personenkult wie in Nordkorea". Von Regierungschef Dmitri Medwedew und von Präsidenten ehemaliger Sowjetrepubliken kamen dagegen Glückwünsche für den Staatschef, der in seiner Geburtsstadt St. Petersburg feierte - im engen Kreis der Familie, wie Putins Sprecher erklärte. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gratulierte mit einem Brief. "Ihre Landsleute verbinden Ihre Präsidentschaft mit großen Erfolgen bei der wirtschaftlichen Stabilisierung und technologischen Modernisierung Russlands", heißt es darin. "Für viele ist dies Anlass zur Hoffnung, dass die russische Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt an diesen Errungenschaften teilhaben kann."

Russlands Opposition schickte dem "Dauerherrscher", der das offizielle russische Rentenalter erreichte, eine Parkbank und Pantoffeln zum "Rückzug in den Ruhestand". Der Politologe Gleb Pawlowski beklagte einen "tiefen Graben zwischen der Staatsführung und der Gesellschaft" seit Putins Rückkehr in den Kreml im Mai 2012.

Unter dem Präsidenten seien die Ideale einer Demokratie schnell beerdigt worden, bilanziert der Politologe Fjodor Lukjanow in dem Magazin "Ogonjok". Putin, sagen seine Kritiker, habe eine durch und durch korrupte Oligarchie aus Milliardären geschaffen, die um nichts in der Welt von ihren Pfründen lassen würden. Er stehe heute im Ruf, ein zweiter Leonid Breschnew zu werden, der die Sowjetunion 18 Jahre lang führte, schreibt der Politologe Stanislaw Belkowski in der kremlnahen Boulevardzeitung "MK". Putins Aktionen wie unlängst mit den Kranichen zeigten, dass es ihm an politischen Ideen fehle. Und wie Breschnew werde Putin zu einer Figur des Gespötts.

Russlands Presse würdigt den Ex-Geheimdienstchef auf vielen Sonderseiten. Gern zitiert wird der Spitzenfunktionär Wladislaw Surkow, der Putin als "Gesandten Gottes" lobpreist. Auch der Sänger Tolibdschon Kurbanchanow meldete sich mit einem weiteren Putin-Song zu Wort: "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Präsident!"

"Russland kann sich nur ändern, wenn sich die Russen ändern", sagte die Moskauer Soziologin Natalia Zubarewitsch im Interview mit dem bayerischen Radio on3.de. Es gebe nicht ein, sondern mehrere Russland. Die Proteste in Moskau und St. Petersburg zeigten nur das moderne, urbane Land, das gegen das patriarchale Machtsystem aufbegehre. Dagegen gelte der Staat im ländlichen Russland noch als Obrigkeit. Russische Teilrepubliken, etwa im Kaukasus, seien "modernisierungsmäßig noch am Anfang des 20. Jahrhunderts", sagte Zubarewitsch. Putins derzeitige Regierungspolitik sei daher "absolut rational: Sie festigt das patriarchale Russland. Sie baut Feindbilder auf und geht gegen diese Feinde vor. Auf lange Sicht ist das eine Politik, die das Land zerstört." Die aktuellen Proteste der urbanen Opposition blieben so lange begrenzt, wie den Russen das Vertrauen in die Allgemeinheit und die Kraft der eigenen Bevölkerung fehle.

( (dpa/HA) )