USA rechnen mit langer Krise

In der islamischen Welt bemühen sich nun Gemäßigte, den aufgehetzten Volkszorn über den Mohammed-Film zu beruhigen

Hamburg. Nach den gewaltsamen Protesten in der islamischen Welt befürchtet die US-Regierung eine "unberechenbare" Entwicklung. Wie die "New York Times" schrieb, rechnet Präsident Barack Obama nicht mit einer schnellen Beruhigung, sondern mit einer "anhaltenden Krise mit unvorhersehbaren diplomatischen und politischen Konsequenzen". Als eine Folge zeichnet sich ab, dass die USA ihre diplomatische Präsenz in der nahöstlichen Region vermindern.

Washington hat einen Teil des Botschaftspersonals im Sudan und in Tunesien bereits aufgefordert, diese Länder zu verlassen.

Wie das Blatt weiter schrieb, seien die Unruhen mitten im US-Präsidentschaftswahlkampf zu einer ernsten außenpolitischen Krise geworden. Obama müsse sich nun fragen, ob er im Zuge des Arabischen Frühlings genug getan habe, um die Entwicklung hin zur Demokratie in der Region zu fördern - und ob er entschlossen genug gegen Islamisten vorgegangen sei.

Auch Deutschland zieht einen Teil seiner Mitarbeiter aus der Botschaft in der sudanesischen Hauptstadt Khartum ab, wie das Auswärtige Amt (AA) am Sonntag mitteilte. Außerdem würden zusätzliche Sicherheitskräfte entsandt. Die Reisehinweise des AA bezüglich des Sudan wurden weiter verschärft.

Derzeit ist die deutsche Botschaft in Khartum geschlossen - nachdem am Freitag ein wütender Mob das Gebäude gestürmt und teilweise in Brand gesteckt hatte. Bundesaußenminister Guido Westerwelle forderte die sudanesische Regierung in scharfer Form auf, den Schutz diplomatischer Einrichtungen zu gewährleisten. Die Muslime im Sudan werfen der Bundesregierung offenbar vor allem vor, eine anti-islamische Demonstration der rechtspopulistischen Splitterpartei Pro Deutschland sowie die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen zugelassen zu haben.

Auslöser der gewalttätigen anti-westlichen Proteste in zahlreichen islamischen Staaten mit mehreren Toten, darunter vier US-Diplomaten in Libyen, war jedoch ein 14 Minuten langes Video, das monatelang fast unbemerkt auf YouTube zu sehen war, bevor es der islamistische Sender al-Nas in Ägypten sendete. Der offenbar in den USA von einem Kopten und Islamhasser produzierte Streifen "Innocence of Muslims" verunglimpft den Propheten Mohammed in übler Form. Der mutmaßliche Produzent Nakoula Basseley Nakoula wurde nach einem Bericht der "Los Angeles Times" vom FBI zu einem Verhör abgeholt. In Ägypten kommt es zwischen Kopten und Muslimen immer wieder zu Gewalttaten.

Peter Heine, emeritierter Professor für Islamwissenschaft, sagte gegenüber der Agentur dapd, die massiven Proteste in der islamischen Welt würden so lange anhalten, bis ausreichend Informationen über die Macher des Videos vorlägen. Bis dahin bestehe die Möglichkeit, dass Agitatoren Israel oder einen US-Geheimdienst dafür verantwortlich machen könnten, sagte Heine. "Ein Auslöser für die Protestwelle ist, dass radikale Prediger in den Moscheen die Leute auffordern, den Propheten zu verteidigen."

Weitere wichtige Mobilisierungsfaktoren seien das Internet und soziale Netzwerke wie Twitter. Die Gewaltausbrüche seien vor allem eine Reaktion junger Menschen, die keinerlei berufliche Perspektive hätten. Der Islamexperte Heine rechnet jedoch nicht mit einer Anschlagswelle gegen westliche Einrichtungen.

Wie die Bonner Islamwissenschaftlerin und Professorin Christine Schirrmacher gegenüber dem Evangelischen Pressedienst erläuterte, stellten sich die USA in der Sicht der nahöstlichen Länder als eine Art Weltherrscher dar, der einfach in islamische Staaten einmarschiere und dort Kriege führe. Wie derzeit die Mohammed-Karikaturen überschreite der Mohammed-Film eine rote Linie. Für die Muslime sei dieser Film wie "ein Schlag ins Gesicht". Allerdings reagierten auch viele Muslime schockiert auf die gewalttätigen Reaktionen auf den Film, sagte Schirrmacher, die im belgischen Leuven lehrt. Im Westen werde die Presse- und Meinungsfreiheit höher bewertet als die persönlichen Gefühle von Gläubigen. Diese europäische Tradition könnte als Provokation auf die Muslime wirken.

Indessen meldeten sich mäßigende Stimmen. Der saudische Großmufti und Vorsitzende des Obersten Rates der Religionsgelehrten, Scheich Abdulasis Bin Abdullahs al-Scheich, erklärte, wer seinem Zorn nachgebe, mache sich letztlich nur zum Erfüllungsgehilfen der Urheber des Hassvideos.

Die ägyptische Zeitung "Al-Sharouk" schrieb: "Die Wut hat den Verstand besiegt". Die unabhängige ägyptische Tageszeitung "Al-Masry Al Youm" lobte, dass Kopten und Muslime gemeinsam auf die Straße gegangen seien, um gegen den Film zu protestieren. Ahmed al-Tajeb, der einflussreiche Großscheich der Kairoer Al-Ashar-Universität, der höchsten Lehranstalt für Rechtsfragen in der sunnitischen Welt, mahnte die Muslime zur Ruhe und forderte eine Uno-Resolution gegen Blasphemie. Schließlich werde auch der Antisemitismus von der Uno verurteilt.