Hamburger Autor in Kairo: Die Ägypter sind gelassen

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Der Freitag der Gewalt auf dem weltberühmten Tahrir-Platz

Kairo. Freitag, 11.30 Uhr. Der Midan et-Tahrir, der weltberühmte Tahrir-Platz, sieht noch aus wie immer: eine riesige, staubige Verkehrsinsel, gesäumt von Revolutionsgraffiti, dem Ritz-Carlton-Baugerüst und dem ägyptischen Museum, das heute schon um eins schließt, aus Angst vor der erwarteten Massendemonstration. Ein Straßenhändler verkauft Fahnen: Ägypten, Syrien, Libanon. Und Bayern München. Die Ägypter sind mindestens so fußballverrückt wie wir. Siebenmal waren sie Afrikameister. "Passen Sie bloß auf", warnt mich der Straßenhändler, der mir einen frisch gepressten Mangosaft verkauft hat, für drei ägyptische Pfund, umgerechnet 38 Cent. "In eineinhalb Stunden ist hier die Hölle los. Eine Million Demonstranten werden da sein!"

Natürlich geht es um "The innocence of Muslims". Nicht genug, dass der Film den Propheten Mohammed als Kinderschänder darstellt. "Der Film beleidigt uns alle", meint Ibrahim Zafi, 23, ein freundlicher Kairoer, der Chinesisch studiert und die Stadt gerade seiner Freundin aus Taipeh zeigt.

12 Uhr. Die Freitagsgebete beginnen in den 2500 Moscheen Kairos. Grüne Gebetsteppiche werden über die Straßen gebreitet und versperren den Durchgang. Die Prediger sinnieren hier nicht salbungsvoll in den Moscheen, nein, ihre Predigten werden von scheppernden Lautsprechern in Maximallautstärke auf die Straße übertragen, sodass auch die Männer, die lieber Backgammon im Teehaus spielen, alles mitbekommen. Der Tonfall der Imame ist aufgebracht. Mittlerweile glaube ich auch: Hier bricht gleich ein Krieg los.

13 Uhr. Tahrir-Platz. Sechs junge Männer skandieren hasserfüllt in eine Fernsehkamera. Einer verteilt schwarze Fahnen mit der berühmten Aufschrift "La Illah illa Allah, Mohammed Rasul Allah" ("Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet"). Aber die allermeisten Kairoer tun dasselbe wie immer: Sie stehen da, trinken Tee, beobachten. Sie scheinen darauf zu warten, dass etwas passiert. CNN überträgt mit Standleitung von der amerikanischen Botschaft, die am Freitag von Demonstranten mit Steinen angegriffen wurde, nur wenige Hundert Meter von hier in der Garden City.

13 Uhr. Erste Demonstrationszüge erreichen den Platz. Aber wie viele mögen es sein: 400? 500? "Gestern waren es auch nur so 600 Hooligans, die zur amerikanischen Botschaft gezogen sind", erzählen zwei belgische Städtebaustudenten. "Die haben uns nicht mal weggeschickt. Die Ägypter sind langsam müde vom Demonstrieren."

13.30 Uhr. Plötzlich kommt Bewegung auf. 30 Leute fangen an zu rennen. Ein eleganter weiß gekleideter Polizeioffizier kommt auf die Belgier und mich zu. Er bittet uns zu verschwinden. Wir gehen 100 Meter, bleiben dann stehen. Der Offizier spricht uns an. "Da sind eben zwei Touristen angegriffen worden", sagt er. "Bitte gehen Sie!"

14 Uhr. Ich trinke einen Tee im legendären Cafe Groppi und spreche mit Salma Karem, einer Sozialpädagogikstudentin aus Alexandria. Sie war im Januar 2011 bei den Demos dabei und wurde von der Polizei angeschossen. "Ich verstehe die Aufregung nicht", sage ich, "es ist doch nur ein Film!" Sie lächelt. "Meinetwegen können sie alle Ägypter beleidigen", sagt sie. "Sie können mich beleidigen, Mursi, meinetwegen alle Araber. Aber nicht unseren Propheten. Das geht einfach nicht."

14:30 Uhr. Mittlerweile sind es vielleicht 1000 Demonstranten, höchstens.

15 Uhr. Das beständige Autohupkonzert ist wieder lauter als die Demonstranten. Abends postet Salma Karem auf Facebook: "Lasst uns für die Ehre des Propheten kämpfen. Aber mit der Würde des Propheten."