Nach Fukushima-Katastophe

Nach deutschem Vorbild: Japan beschließt den Atomausstieg

Eineinhalb Jahre nach der Fukushima-Katastrophe in Japan beginnt in dem Land jetzt eine Energiewende. Und zwar nach deutschem Vorbild.

Hamburg/Tokio. Die Gerüchte um den endgültigen japanischen Atomausstieg waberten seit Mitte der Woche durch Tokio. Am Freitag verkündete die Regierung von Ministerpräsident Yoshihiko Noda dann den Vollzug: Eineinhalb Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima ist Japans Abkehr vor der Kernenergie besiegelt. Auch wenn das bis in die 2030er-Jahre dauern soll, ist der Weg von Deutschland beschritten. Nach dem Vorbild der Regierung von Angela Merkel, die ursprünglich die Laufzeiten verlängern wollte, läutet auch Japan das Ende der Atom-Ära ein.

+++ Japan hat viel aus Fukushima-Katastrophe zu lernen +++
+++ Fukushima Beach: Erster Strand nach Atomkatastrophe eröffnet +++

Bis zum "größten anzunehmenden Unfall" in Fukushima infolge des Erdbebens und Tsunamis vom 11. März 2011 hatten Japans Meiler etwa 30 Prozent des Strombedarfs gedeckt. Nach der Katastrophe wurden zeitweise alle 50 Reaktoren des Landes zu Wartungsarbeiten abgeschaltet. Mit mehr als einer Million Gigawattstunden pro Jahr ist Japan der weltweit drittgrößte Stromverbraucher. Nur die USA und China verbrauchen mehr. Deutschland kommt auf 604 000 Gigawattstunden.

Japans Wirtschaft hatte gewarnt, Strommangel und steigende Energiepreise könnten zu einer beschleunigten Abwanderung der Produktion führen. Als Ersatz für Atomstrom wurden dann alte Thermalkraftwerke wieder angefahren. Die erhöhte Einfuhr von Erdgas und Rohöl trug dazu bei, dass Japan 2011 erstmals seit 30 Jahren ein Defizit in der Handelsbilanz auswies.

"Der Atomausstieg Japans, der weltweit drittgrößten Wirtschaftsnation, ist ein wegweisendes Zeichen für das Ende der Atomenergie weltweit", sagte Greenpeace-Experte Heinz Smital. Mit Japan stehe nach Deutschland ein weiteres Hochtechnologieland vor einer Wende zu einem vorrangigen Ausbau der erneuerbaren Energien. Die neue Energiepolitik sieht vor, die Laufzeit bestehender Reaktoren auf 40 Jahre zu begrenzen. Neue sollen nicht gebaut werden.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) glaubt, dass Japan die Energiewende gelingt. DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert sagte dem Abendblatt: "Japan hat ja schon gezeigt, dass es auch ohne Atomstrom auskommen kann, durch den Einsatz konventioneller Kraftwerke einerseits und andererseits vor allem durch die gezielte Nachfragebeschränkung - das Stromsparen in allen Bereichen." Japan könne sich Deutschland zum Vorbild nehmen und den Ausbau erneuerbarer Energien forcieren. Japan könne außerdem vom "Gas-Überangebot" aus den USA profitieren: "Dort sinken die Preise, und vermutlich wird man sogar in der Zukunft LNG-Gas auch nach Japan exportieren können." Japan bezieht ausschließlich das Flüssig-Erdgas LNG.

Kemfert sagte, in der Energieeffizienz und der Solartechnologie habe Japan seit Jahrzehnten eine konsequente Politik verfolgt. Die Energieexpertin hob die Mentalität der Japaner hervor. "Gebäude werden seit dem Abschalten der Atomkraftwerke weniger stark gekühlt, Männer dürfen das Sakko ausziehen und die Hemdsärmel hochkrempeln - was vorher verpönt war."

Nach dem GAU in Fukushima kam es zu beispiellosen Massendemonstrationen. Die Mehrheit der Wähler forderte in Umfragen den vollständigen Ausstieg aus der Kernkraft. Die Regierung musste viele Pannen bei der Bewältigung der Krise einräumen. Trotzdem musste Japan im Juli wegen drohender Stromausfälle zwei Atomreaktoren im Kraftwerk Oi wieder anfahren.

Die neue Energiepolitik sieht vor, die Emissionen an Treibhausgasen bis 2030 auf rund 20 Prozent des Niveaus von 1990 zu senken. Damit gesteht Japan laut Kritikern ein, dass es seine internationale Zusage zur Senkung um 25 Prozent bis 2020 kaum erfüllen kann.

Derweil zeichneten deutsche Mediziner ein düsteres Bild von der Lage im Gebiet um Fukushima. Nach einer Japan-Reise mit einer 30-köpfigen Expertendelegation forderte die Organisation "Ärzte gegen den Atomkrieg" die Bundesregierung auf, sich bei der Uno für eine bessere Erforschung der Folgen der Atomkatastrophe einzusetzen. Die deutschen Ärztinnen Angelika Claußen und Dörte Siedentopf berichteten, die Behörden würden die Risiken einer dauerhaft erhöhten Radioaktivität "systematisch verharmlosen". In vielen Gebieten habe man bedenkliche Strahlenwerte gemessen. Obwohl Kinder verstrahlungstypische Krankheitsbilder aufwiesen, wiegelten die Behörden ab.

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