Russland

Medwedew und Gorbatschow besorgt über Wodkakonsum

Laut einer Studie ist jeder zweite vorzeitige Todesfall in Russland die direkte oder indirekte Folge eines unmäßigen Alkoholkonsums.

Moskau. Dass die Russen den Wodka lieben, ist ein uraltes Klischee, dem eine zähe Realität allerdings immer wieder neues Leben einhaucht. Gestern musste sich Präsident Dmitri Medwedew erneut mit diesem Problem befassen. Es sei hohe Zeit, auch über die schlechten Angewohnheiten seiner Landsleute zu reden, befand der Kremlchef im Gespräch mit Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa. Gemeint waren das Rauchen, der Drogenmissbrauch "und besonders der Alkohol, denn der Alkoholverbrauch bei uns ist kolossal", entrüstete sich Medwedew, der als Nichttrinker gilt. "Ich selbst habe mit Erstaunen herausgefunden, dass wir heute mehr trinken als in den 90er-Jahren, obwohl das sehr schwierige Zeiten waren."

Medwedews Besorgnis wird durch eine dieser Tage veröffentlichte Studie gestützt, die die Europäische Kommission, die International Agency for Research on Cancer und einige britische Stiftungen in Auftrag gegeben hatten. Demnach ist jeder zweite vorzeitige Todesfall in Russland die direkte oder indirekte Folge eines unmäßigen Alkoholkonsums. Von den Todesfällen im Alter von 15 bis 54 Jahren konnten 52 Prozent auf die direkten oder indirekten Wirkungen des Alkohols zurückgeführt werden. Auch die niedrige Lebenserwartung russischer Männer, die gegenwärtig bei 59 Jahren liegt, ist weitgehend eine Folge des Alkoholkonsums.

Diese erschreckenden Tatsachen haben den "Altmeister" im Kampf gegen den Alkohol in Russland auf den Plan gerufen. Der sowjetische Ex-Präsident Michail Gorbatschow, seinerzeit in den 80er-Jahren wegen seiner Anti-Alkohol-Kampagne auch "Mineralsekretär" genannt, befürwortete jetzt im russischen Fernsehen eine neue Kampagne gegen die "grüne Schlange", wie der Alkohol im Volksmund genannt wird.

Ein Land, das 18 Liter reinen Alkohol pro Kopf produziere, "zerstört sich selbst", warnte er. Russland sei gegenwärtig bei 17 Litern angelangt. "Wir vernichten uns selbst, und dann werden wir wieder danach suchen, wer das Land zerstört und wer uns zu trinken gegeben hat", wetterte er.

Aber nicht nur die Traditionen, auch ökonomische Überlegungen des Staates haben die Trinkfreudigkeit von Medwedews Landsleuten immer wieder befördert. Schon beim Zaren und dann auch in der Sowjetunion waren die Einnahmen aus dem Alkoholverkauf - zeitweilig zwischen 20 und 30 Prozent des Budgets - eine wichtige Stütze des Staatshaushaltes. Boris Gryslow, Fraktionschef der von Premier Wladimir Putin geführten Partei Geeintes Russland, will diese Tradition wieder beleben. Der gegenwärtige Anteil der Einnahmen aus dem Alkoholverkauf von 0,5 Prozent des Budgets ist ihm zu niedrig. Den für dieses Jahr geplanten Einnahmen von 10 927 Milliarden Rubel (rund 251 Milliarden Euro) könnte ein Alkohol-Staatsmonopol weitere 300 bis 400 Milliarden Rubel hinzufügen, rechnete Gryslow seinem Parteichef vor, der dem Gedanken nicht abgeneigt schien.

Dagegen blieben Medwedews Ideen für eine Reduzierung des Wodkaverbrauchs recht vage. Man müsse "entsprechende Programme vorbereiten und vielleicht bestimmte Maßnahmen in dieser Richtung ergreifen", sagte er seiner Ministerin. Der russische Volksmund hält für derlei Fälle den Ratschlag bereit, "ohne einen halben Liter werden wir das nicht klären können".