Landesbericht

Mein Afghanistan - aus Sicht einer Entwicklungshelferin

Lesedauer: 13 Minuten
Karin Bräuer

Eine Hamburgerin berichtet aus ihrem Alltag - und über die anderen Seiten des Lebens in einem Land, das sonst nur mit Krisen Schlagzeilen macht

Wie bestürzt ich war, als ich im Februar 2011 das erste Mal vom zehn Kilometer östlich gelegenen Flughafen in die Innenstadt von Masar-i-Scharif gefahren bin, erinnere ich noch genau. Nichts als karges, staubtrockenes Steppenland, manchmal Kamele am Wegesrand, viele Ziegen. Bei der Einfahrt in die Stadt dann das große Entsetzen: Staub, überall Staub. Staub auf Straßen und Wegen, auf Haus- und Glasfassaden, Staub sogar, ich konnte es kaum fassen, auf Bäumen und Büschen. Doch während der kurzen Frühlingszeit ändert sich das Bild. Dann überzieht Grün das flache Steppenland um Masar und die Ausläufer des Hindukusch am südlichen Horizont, in seinen Tälern sprießen Blumen.

Vor dem markantem Felsmassiv im Südosten Masars, dem Marmulberg, liegt Camp Marmal, das größte Camp der Isaf, der Internationalen Schutztruppe, im Norden des Landes. Das sogenannte Regionalkommando Nord steht unter deutscher Führung. 2800 Bundeswehrsoldaten leisten dort Dienst, gemeinsam mit Norwegern, Kroaten, Armeniern, Amerikanern sowie 15 weiteren Nationen. Insgesamt 5500 Soldaten leben und arbeiten in dieser kleinen, deutsch-internationalen Welt. Auf rund zwei Quadratkilometern kann man sich hier "frei" bewegen. Es gibt Fitnessbereiche, einen Friseursalon, ein Internetcafé. Die Feldpost sorgt für Post und Pakete aus der Heimat. In der von der deutschen Militärseelsorge betriebenen Oase kann man Wiener Schnitzel und Currywurst essen. Nebenan im K2, gibt es Filterkaffee und Kuchen. Manchmal sogar Schwarzwälder Kirsch, die Lieblingstorte eines afghanischen Kollegen, die er vor Jahren während einer Dienstreise nach Deutschland kennengelernt und als lecker befunden hatte.

Viele der Soldaten verlassen während ihres zwischen vier bis sechs Monate dauernden Einsatzes kein einziges Mal diese Welt. Manchmal fragt der eine oder die andere, wie es denn dort draußen sei? Ob ich einmal Bilder mitbringen könne. Afghanistan, das bleibt für die meisten von ihnen Kulisse.

Doch auch für uns "zivile Elemente", wie die Fachkräfte im Militärjargon heißen, ist jede Überlandfahrt ein seltenes Erlebnis. Nur wenn es keine passenden Flugverbindungen gibt, Flüge ausfallen, Termine dringend, Projektbesuche unaufschiebbar sind, finden sie statt. Selbst dann jedoch nur, wenn die Sicherheitslage es zulässt. Überlandfahrten bedeuten Erdung, Begegnung mit Land und Leuten. Doch jenseits der Sicherheitslage haben auch sie ihre Zeit: Im Winter sind viele Strecken unpassierbar, abgelegene Bergregionen unerreichbar, wie in der östlichen Fokusprovinz der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit. Dort, in Badakhshan, gibt es Gegenden, ganze Distrikte, die nur vier bis maximal sechs Monate im Jahr zugänglich sind. Auch die Strecke von Masar nach Kabul, das auf 1800 Metern inmitten einer Hochebene im Hindukusch liegt, umrahmt von noch höheren Bergen, eine durchaus ansehnliche, fast nördlich anmutende Stadt, ist im Winter oft nicht befahrbar.

Salangpass heißt das Nadelöhr, das Nordafghanistan mit Zentral- und Südafghanistan verbindet, 3800 Meter hoch gelegen. Immer wieder versperren im Winter Lawinen Ein- und Ausfahrt. Menschen, die darin feststecken, haben kaum eine Überlebenschance, erfrieren, ersticken. Die Route Masar-Kabul führt zudem über Pul-i-Khumri. Die Hauptstadt der Provinz Baghlan ist ein strategischer Knotenpunkt. Hier führen alle Straßen zusammen. Daher ist die Stadt für "beide Seiten" wichtig, für die internationalen Truppen und die Afghanische Armee (ANSF) wie auch für AOGs, die Afghan Opposition Groups, wie die bewaffneten, gegen Isaf und ANSF kämpfenden Kräfte heißen.

+++ Unsere Autorin +++

Frühjahr in Afghanistan, das heißt auch, die Frühjahrsoffensive der AOGs beginnt. Mitte April griffen sie mehrere im "Hochsicherheitstrakt" der afghanischen Hauptstadt, dem sogenannten Ring of Steel, gelegene Ziele an, darunter auch die deutsche Botschaft. Erneut stellte sich die Frage, ob die afghanischen Sicherheitskräfte ihrer Verantwortung gerecht werden können. Und während in Deutschland angesichts der 18 Stunden dauernden Kämpfe gegen die Aufständischen dies eher mit Nein beantwortet wurde, war der Tenor in Afghanistan ein anderer. Ja, es habe gedauert, doch die Streitkräfte seien rasch und organisiert vorgegangen, und am Ende hätten sie gesiegt. "Wir haben unsere Würde wiedererlangt", sagte eine Parlamentarierin im Fernsehen.

Diese Anschläge seien ein Zeichen von Schwäche, lauteten fast einhellig die nationalen und internationalen Kommentare. Zu direkter militärischer Konfrontation seien die Aufständischen nicht fähig. Was ihnen jedoch über diese Anschläge gelingt, ist, Unsicherheit zu säen.

Afghanistan, das ist kein alltägliches Einsatzland im Rahmen der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit, in der Tat. Wo gehören der stets gepackte Run-Bag - die Ausrüstung für den Evakuierungsfall - Ausflüge ins Militär-Camp, Feldpost, Flüge mit der Transall, der Transportmaschine der Bundeswehr, schon dazu? Gerüstet mit kugelsicherer Weste, eine Pflicht bei jedem innerafghanischen Flug

Dazu die Schwere des Abschieds, wenn das Ende des Urlaubs naht. Alle neun bis zwölf Wochen sieht die Regelung des Arbeitgebers vor für Erholung und Entspannung. Regelmäßige Begegnung mit Familie und Freunden ist so gewährleistet. Trotzdem ist es hart, nur aus der Ferne am Leben der Lieben zu Hause teilhaben zu können, eine Skype-Ehe zu führen, hauptsächlich virtuell den Kontakt zu Familie und Freunden zu pflegen. Doch sobald ich in Masar oder Kabul aus dem Flugzeug steige, einer der Projektfahrer schon auf mich wartet, dann fällt sie weitestgehend ab, diese Schwere. In der Regel verlaufen die Tage und Wochen geregelt: lange Arbeitstage im Büro, abends zum Sport oder gleich nach Hause, gelegentliche Besuche bei Freunden. Vieles ist inzwischen vertraut. Ich freue mich, die Kollegen wiederzusehen, und auch ihre Freude ist spürbar. Nie fehlt das "Willkommen zurück". Nie die Frage, wie es der Familie geht. Afghanen sind freundliche Menschen, sehr respektvoll im Umgang miteinander und mit Fremden.

Rediscover our people - übersetzt: "Entdecken Sie unsere Menschen wieder", mit diesem Slogan warb zu Beginn des Frühjahrs eine afghanische Fluggesellschaft um Besucher. Was jetzt noch wie touristische Utopie klingt, in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren war es Realität. Vor allem die sogenannte Hippiegeneration entdeckte damals das "schönste Land und die freundlichsten Menschen", wie es in einer Erinnerungsbroschüre eines Freundschaftsvereins für Afghanistan heißt. Afghanen sind stolze, starke Menschen, markant wie die Landschaften. Nie waren sie kolonisiert, doch oft fanden sie sich inmitten geostrategischer Machtinteressen. Große Leidensfähigkeit ist ihnen abverlangt, ein noch größerer Überlebenswille zeichnet sie aus.

In der Tat ist erstaunlich, was es - neben dem nach wie vor bestehenden Mangel am Nötigsten - doch alles gibt, wie rasant die Entwicklung vorangeht. Nach jedem Heimaturlaub sehe ich die Veränderungen besonders deutlich: wie viele Straßen in der Zwischenzeit asphaltiert wurden, welches Gebäude fertiggestellt wurde, wie viele Häuser neu gebaut werden, welche öffentlichen Einrichtungen, darunter die technische Universität und die Polizeiausbildungsstätte, ihrer Nutzung übergeben wurden. Auch das neue Terminal des im Entstehen begriffenen internationalen Flughafens Mazar-i-Scharif ist bald fertig und damit die Anbindung an internationale Luftfahrtrouten. Flughafen und Polizeiakademie werden unter Federführung der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit errichtet und organisiert.

Auffällig auch, wie viel Ordnungssinn sich verbreitet. Polizisten, die den Verkehr regeln, gehören zum Alltagsbild auf den Straßen Masars. Ganz im Sinne "des Freundes und Helfers" geleiten sie Passanten über die Straße, schlichten hier und da schon mal eine kleine Streitigkeit. Dazu sorgen Straßenschilder und Richtungsweiser für Orientierung, leiten Ampeln mit Sekundenanzeige für die nächste Rot- oder Grünphase an den großen Straßen den stetig zunehmenden Verkehr.

Die Stromleitungen, so sagt ein Kollege, seien hier in besserem Zustand als in Indien. Und eindeutig weniger Müll als im großen Nachbarland liegt in Afghanistan auf den Straßen. Besucher staunen, wenn sie nach Masar kommen, erzählte kürzlich ein afghanischer Kollege. Knapp 80 Prozent aller Afghanen leben auf dem Land. Wann wird der Fortschritt bei ihnen ankommen?

Darin, die Entwicklung aus den Städten ins Land zu bringen, liegt die große Herausforderung für Afghanistan und die internationale Gemeinschaft. Eine Mammutaufgabe - Afghanistan ist nicht nur knapp zweimal so groß wie Deutschland, es ist auch ein Land der geografischen und klimatischen Extreme. Das Land schenkt seinen Menschen nichts, der Blick aus dem Flugzeug macht es unmissverständlich klar: Drei Viertel bestehen aus schwer zugänglichen Gebirgsregionen, unwegsames, zerfurchtes Bergland.

Dazu wenig klimatisches Mittelmaß, vielmehr das Pendeln der Extreme - von bitterkalten Wintern mit Regen, Matsch und Schnee zu glühend heißen, staubigen Sommern und sandsturmgepeinigten kurzen Herbstwochen in den Ebenen. Nur ein Bruchteil des Landes ist für Landwirtschaft geeignet. Doch wo immer es Wasser gibt, sprießt Grün, wird angebaut, selbst in den engsten Tälern. Die Landwirtschaft ist nach wie vor das wirtschaftliche Rückgrat des Landes, die Überlebens- und meist einzige Einkommensquelle für den Großteil der Afghanen. Der Zugang zu Märkten, der Ausbau der Infrastruktur bleiben dringende Aufgaben.

Eine tragfähige wirtschaftliche Entwicklung und damit Perspektiven für die wachsende junge Bevölkerung zu schaffen - 46 Prozent der Afghanen sind jünger als 15 Jahre - ist eine unerlässliche Säule für Stabilität im Land. Unter anderem die Programme Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und zwei Regionale Entwicklungsfonds der deutschen Entwicklungszusammenarbeit tragen zum Auf- und Ausbau der Wirtschaftsstruktur und der staatlichen Verwaltungsorgane bei. Noch sind die Kapazitäten dazu gering. Die Arbeit braucht einen langen Atem.

Aber es ist keine Einbahnstraße. Ohne die Unterstützung und Hilfe eines Programmmitarbeiters wären wir bei Haussuche, Vertragsverhandlungen, Mietvertrag und den alltäglichen Erfordernissen des Alltags verloren gewesen. Woher sollen wir wissen, wie und wo die Stromrechnung zu bezahlen ist? Wie sollen wir mit Handwerkern klarkommen, die kein Englisch verstehen? Wie unseren Wachmännern erklären, was außer den üblichen Aufgaben sonst noch zu tun ist?

Auch in puncto Höflichkeit lässt sich von Afghanen lernen. Im Alltag herrscht eine ausgesprochene Etikette, keine Begegnung ohne ausführliche Begrüßungsformeln und wechselseitige gute Wünsche. Und sie sind gern hilfsbereit. Ohne Zögern lieh mir einer unserer Fahrer 2000 Afghani, immerhin gut 30 Euro, als ich an der Supermarktkasse feststellte, dass ich meine Geldbörse zu Hause vergessen hatte. Bei einem Monatsgehalt von rund 400 Euro war das eine Menge Geld für ihn. Das ist zwar ein gutes Gehalt in Afghanistan, doch eine Großfamilie muss davon leben. Auch war es im Gästehaus nie ein Problem, selbst Geld vorzulegen, das bestellte Essen schon vor Lieferung zu bezahlen. Centgenau kam das Wechselgeld zurück. Selbst das Trinkgeld, das ich für die Putzfrauen auf dem Schreibtisch im Hotel hinterlegt hatte, erhielt ich Wochen später zurück. Ob ich es vergessen hätte, fragte mich der Manager, an den die Frauen das Geld übergeben hatten. Das ist die andere Seite des großen Themas Korruption, denke ich dann, unter der die Menschen leiden.

Frühling in Afghanistan, die Jahreszeit hat Symbolcharakter: Was wird es bringen dieses Jahr? Wird das Jahr 1391 des islamischen Kalenders ein glückliches und friedliches sein oder wird das Land weiter zerrieben werden zwischen innerafghanischen regionalen und geostrategischen Interessen?

Entwicklung zu Stabilität und Frieden braucht Zeit - oft muss ich dabei an Europa und Deutschland denken. Doch anders als die Menschen damals auf dem Alten Kontinent müssen die Afghanen tagtäglich die Balance zwischen Tradition und Moderne meistern. Veränderung ist ein langwieriger, manchmal schmerzhafter Prozess, begleitet von Ungewissheit und Unsicherheit. Das Bewährte droht verloren zu gehen, das Neue ist noch nicht klar zu erkennen. "Wir haben so viel Kampf und Gewalt erlebt, so viele Verbote", sagte kürzlich ein afghanischer Kollege. "Wir beginnen gerade erst, unsere Kinder anders zu erziehen."