Libyscher Innenminister übergelaufen

Diktator Gaddafi ruft Anhänger zum bewaffneten Kampf gegen die Nato auf

Kairo/Sawija. Der libysche Innenminister Nassr al-Mabruk Abdullah hat sich offenbar aus seiner Heimat abgesetzt. Abdullah traf gestern in Begleitung von neun Familienmitgliedern in Kairo ein, wie Flughafenbeamte in der ägyptischen Hauptstadt mitteilten. Er sei mit einer Sondermaschine aus Tunesien gelandet und mit einem Touristenvisum eingereist.

Vertreter der libyschen Botschaft waren bei seiner Ankunft auf dem Flughafen nicht zugegen. Ein Botschaftssprecher sagte, von Abdullahs Reise nach Ägypten sei nichts bekannt gewesen. Abdullah wäre seit Monaten das ranghöchste Mitglied der Regierung von Machthaber Muammar al-Gaddafi, das sich von dessen Regime lossagte.

Gaddafi rief seine Anhänger unterdessen in einer vom Staatsfernsehen ausgestrahlten Audiobotschaft ohne Bild zum bewaffneten Kampf gegen "Verräter und die Nato" auf. Er forderte seine Anhänger auf, "an die Front und in die Schlachten zu ziehen, um Libyen Zoll für Zoll zu befreien", wie der US-Sender CNN berichtete. "Seid bereit, unser süßes Land zu befreien." Libyer sollten "tanzen, singen und kämpfen", sagte Gaddafi. So wie die Zahl der Märtyrer steige, nehme auch die libysche Entschlossenheit zu.

Die gestern ausgestrahlte Botschaft Gaddafis war die erste, seit die Rebellen im westlichen Gebirge eine Offensive Richtung Tripolis starteten und die bedeutendsten Geländegewinne seit Monaten erzielten.

Die Aufständischen eroberten nach eigenen Angaben inzwischen die Städte Gharjan und Surman, beide in der Nähe von Tripolis gelegen. Bereits am Sonnabend rückten sie in die strategisch wichtige Stadt al-Sawija, 40 Kilometer vor Tripolis. Dies wird von der Führungsriege Gaddafis in Tripolis kategorisch dementiert. Verbände der Aufständischen und Gaddafi-Milizen hatten sich am Sonntag schwere Kämpfe um al-Sawija geliefert. Gefechte habe es im Stadtzentrum und nahe der Raffinerie gegeben, berichtete der Nachrichtensender al-Dschasira. Außerdem sollen Bewohner der Stadt die Rebellen bei ihrem Vormarsch unterstützt haben. In al-Sawija hatten die Gaddafi-Truppen zweimal Aufstände der Bevölkerung unterdrückt. Die Rebellen haben erklärt, sie wollten Gaddafis Nachschubrouten kappen.

"Ihr hört von mir trotz Beschusses", sagte Gaddafi in seiner Ansprache weiter. Nach zunächst unbestätigten Berichten hatten Kampfflugzeuge der Nato am Abend erneut Ziele in der libyschen Hauptstadt angegriffen. "Der Beschuss wird ein Ende haben, die Rebellen werden ein Ende haben, auch die Idioten in den Golfstaaten werden ein Ende haben, aber das Volk Libyens wird bleiben", schloss Gaddafi.

Währenddessen hat der Flüchtlingsexodus aus dem Bürgerkriegsland nach einer einwöchigen Pause wieder eingesetzt. Am Wochenende waren mehr als 1600 Flüchtlinge überwiegend aus Libyen auf der italienischen Insel Lampedusa angekommen. Wie das Hafenamt von Lampedusa berichtete, waren die Migranten auf insgesamt zehn Booten über das Mittelmeer nach Italien unterwegs.