Syriens Militär stürmt Protesthochburg nahe der Türkei

Tausende Menschen auf der Flucht vor Assads Soldaten

Amman. Die syrischen Streitkräfte haben ihren Kampf gegen Regierungsgegner verschärft und eine Protesthochburg nahe der türkischen Grenze gestürmt. Die Truppen von Präsident Baschar al-Assad nahmen Anwohnern zufolge die Stadt Dschisr al-Schughur unter schweren Beschuss. Die Regierungstruppen seien mit bis zu 150 Panzern in die seit Tagen eingekesselte Stadt eingezogen, aus der Tausende Menschen in die Türkei geflohen sind.

Anwohner berichteten, von Assads Bruder Maher befehligte Truppen seien in Dschisr al-Schughur eingerückt. Die Soldaten hätten in den Straßen Maschinengewehrsalven abgefeuert. Auch aus über der Stadt kreisenden Hubschraubern werde geschossen. Zuvor sei die Stadt wahllos von Panzern beschossen worden. Flüchtlinge berichteten von getöteten Zivilisten. Zudem hätten Soldaten umliegende Felder zerstört sowie Kühe und Schafe getötet.

Das amtliche Fernsehen berichtete dagegen, die Soldaten hätten in der Stadt zahlreiche Bewaffnete festgenommen und ihre Waffen beschlagnahmt. An Brücken und Einfallstraßen gelegte Sprengsätze seien entschärft worden. Bei Kämpfen seien zwei Bandenmitglieder getötet worden. Die staatliche Nachrichtenagentur meldete, die Truppen seien gegen Bewaffnete in einem Krankenhaus vorgegangen.

Die syrische Führung hat die meisten Auslandskorrespondenten ausgewiesen, sodass eine Überprüfung der Berichte schwierig ist. Ein westlicher Diplomat in Damaskus sagte, er halte die Berichte über Gefechte für unglaubwürdig. Die meisten Einwohner hätten die Stadt längst verlassen. Dschisr al-Schughur ist ein Verkehrsknotenpunkt, weil es auf der Strecke zwischen Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo und dem Mittelmeerhafen Latakia liegt.

Das Militär startete die Offensive, nachdem in Dschisr al-Schughur 120 Soldaten getötet worden waren. Einwohnern zufolge kam es zu einer Meuterei unter den Truppen, weil einige Soldaten nicht auf demonstrierende Regierungsgegner schießen wollten. Die Führung in Damaskus machte dagegen bewaffnete Banden für den Tod der Soldaten verantwortlich und entsandte neue Truppen.

Wegen des Militäreinsatzes sind bis zu 7000 Syrer in die Türkei geflüchtet. Die Hilfsorganisation Roter Halbmond bereitete nach Uno-Angaben ein viertes Flüchtlingslager mit Platz für 2500 weitere Menschen vor. Zeugen zufolge harren 10 000 Syrer nahe der Grenze aus.

Ein Sprecher von US-Präsident Barack Obama sagte, die syrische Regierung müsse ihr gewaltsames Vorgehen gegen Demonstranten umgehend beenden und dem Roten Kreuz sofort uneingeschränkten Zugang gewähren. Ähnlich äußerte sich Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP). Durch den Einsatz schwerer Waffen drohe eine Versorgungskrise, erklärte der Minister. Die gefährliche Situation mache eine klare Reaktion des Uno-Sicherheitsrats umso dringlicher.