Flugzeugunglück bei Smolensk

Luftwaffenchef bei Kaczynskis Absturz angetrunken im Cockpit

Moskau legt Bericht vor, Warschau sieht weiter viele Fragen offen

Moskau/Warschau. Ein schlechter Start ins neue Jahr: Polens Regierungschef Donald Tusk brach gestern seinen Familienurlaub in den Dolomiten ab. Das Luftfahrtkomitee MAK in Moskau präsentierte überraschend seinen Bericht zum Absturz des polnischen Regierungsflugzeugs im April vorigen Jahres.

Tatjana Anodina, die 71 Jahre alte russische Luftwaffengeneralin und MAK-Chefin, stellte in einer Pressekonferenz dar, wie es aus russischer Sicht zu dem Absturz gekommen war. Die Katastrophe "hat die ganze Welt erschüttert", sagte Anodina. Neben den Wetterbedingungen (dichter Nebel) und schlechter Vorbereitung des Fluges nannte sie unter den Ursachen, dass die Piloten "trotz fehlender Zustimmung des Kontrollturms" den Landeanflug fortgesetzt und unter "psychischem Druck" gestanden hätten, zu landen. Zwei Personen, darunter der Oberbefehlshaber der polnischen Luftwaffe, General Andrzej Blasik, seien ins Cockpit gekommen.

Der Pilot habe erwarten müssen, so Anodina, dass der Präsident an Bord bei einem Anflug auf einen anderen Flughafen unzufrieden sein werde. Von direktem Druck Kaczynskis war nicht die Rede, auch hat der Flugschreiber keine direkten Anweisungen an den Piloten registriert. Neu an den russischen Aussagen ist, dass man im Blut des Generals einen Alkoholgehalt von 0,6 Promille festgestellt habe. Es gelte generell, dass "die Kommandeure des Fluges selbst und eigenständig über Landungen und Starts entscheiden und volle Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen tragen", sagte Anodina. Angesichts dessen "hat der Fluglotse einen Probeanflug gestattet, doch nur mit einer Flughöhe bis hinunter auf 100 Meter". Damit liegt nach russischer Auffassung die Schuld allein bei der Besatzung des Flugzeugs.

Polens Regierung hatte im Zeichen der allgemeinen russisch-polnischen Annäherung der letzten Monate lange gehofft, dass Staatsanwaltschaft und Untersuchungskommission in Warschau das Unglück im Einklang mit den russischen Partnern aufklären könnten. Diese Hoffnung ist jetzt zerstört.

Der gestern veröffentlichte Kommentar der polnischen Kommission zum russischen Untersuchungsbericht zeigt, dass die russische Seite auf viele Fragen der polnischen Partner überhaupt nicht eingegangen ist. Bei mehr als 100 Anfragen an die russischen Ermittler steht auf Polnisch "nie otrzymano" (nicht erhalten). Zum Beispiel bei dem polnischen Anliegen, alle Personen befragen zu dürfen, die am Unglückstag im Tower des kleinen Flugplatzes Dienst taten.

Polens Chefermittler Edmund Klich erinnerte gestern an die vorliegenden Informationen über einen eigentlich nicht zuständigen russischen Offizier, der am Unglückstag "aushilfsweise" im Tower gewesen war. "Es wäre gut, auch die Gespräche im Tower zu veröffentlichen", sagte Klich und zitierte den bekannt gewordenen Satz eines Fluglotsen vor dem Unglück: "Na, verdammt, bisher befehlen sie uns, das Flugzeug landen zu lassen." Klich dazu: "Ich sehe in diesen Worten Druck (auf die Lotsen)."