Die USA - ein Volk unter Waffen

Das Massaker von Arizona bestärkt viele Amerikaner sogar noch in ihrem Anspruch auf individuellen Waffenbesitz

Hamburg. Eigentlich ist alles ein Missverständnis. Die ausgeprägte Waffenkultur der USA, die jetzt im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Arizona wieder Gegenstand erhitzter Debatten in Amerika ist, ruht rechtlich auf dem Zweiten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten. Dieses "Second Amendment" wurde am 15. Dezember 1791 verabschiedet.

Die Passage lautet auf Deutsch: "Da eine wohlorganisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden." Tradition und Rechtsprechung in den USA leiten aus diesem Text das Recht jedes freien Amerikaners auf Waffenbesitz ab.

Nur: Er wurde damals für ein Land geschaffen, dessen Bürger gerade einen Befreiungskrieg gegen die englische Kolonialmacht geführt hatten. Die "wohlorganisierte Miliz", auf die sich der Text bezieht, war der Vorläufer von Nationalgarde, regulären Streitkräften und Polizei der USA. Diesen Gruppen auch heute das Recht auf Waffen zuzubilligen, ist sinnvoll, nicht notwendigerweise aber jedem einzelnen Bürger. Eigentlich beschreibt der Zweite Verfassungszusatz eher ein kollektives als ein individuelles Recht. Aber Waffen sind fester Bestandteil des amerikanischen Gründungsmythos. Die frühen Amerikaner hatten sich nicht nur gegen die britische Armee, sondern auch gegen wilde Tiere und die indianischen Ureinwohner zu wehren, in deren Gebiet man eindrang. Nur wer geschickt mit der Waffe war, überlebte - das Land wurde mit den tödlichen Produkten der Firmen Winchester, Colt und Henry erobert.

Die Überzeugung, dass nicht die Waffe selber schlecht sei, sondern allenfalls der Mensch, der sie abfeuert, ist tief verankert in der amerikanischen Seele und wurde von diversen Politikern sogar unmittelbar nach dem Amoklauf des 22-jährigen Jared L. Loughner Mantra artig wiederholt. Die republikanischen Kongressabgeordneten Heath Schuler und Jason Cheffetz betonten, ihre Lehre aus dem Blutbad mit sechs Toten bestehe in dem Vorsatz, dass sie von nun an jederzeit eine Waffe bei sich tragen würden. Weitverbreitete Überzeugung: Wenn jeder zurückfeuern könne, gebe es keine Massaker mehr. Man schätzt, dass es in den USA zwischen 250 und fast 300 Millionen Waffen in Privatbesitz gibt. Mächtigste Waffenlobby mit erheblichem Einfluss auf die Gesetzgebung ist die 1871 gegründete "National Rifle Association" (NRA), in der sich 4,2 Millionen Einzelpersonen und 10 700 Vereine zusammengeschlossen haben. Kurz nach dem Massaker an der Columbine-Schule mit 13 Toten und 21 Verletzten im April 1999 hielt die NRA ungerührt ihre Jahresversammlung ab; der damalige NRA-Präsident, der greise Hollywood-Schauspieler Charlton Heston, hielt triumphierend ein Gewehr in die Höhe.

Amerika hat ein nahezu erotisches Verhältnis zu Waffen, und die Gesetzgebung ist entsprechend. Der US-Staat Arizona, wo Loughner problemlos eine halbautomatische Pistole des österreichischen Typs Glock 19 mit vier überlangen 30-Schuss-Magazinen erwerben konnte, gehört neben Vermont und Alaska sogar zu drei der 50 Bundesstaaten, in denen man fast überall eine Waffe tragen darf - auch verdeckt. Angestellte dürfen ihre Waffen im Auto mit zur Arbeit nehmen, selbst dann, wenn der Arbeitgeber dies verbietet. Die von Loughner niedergeschossene Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords war begeisterte Schützin, ebenso der getötete Bundesrichter John M. Roll. Der Chirurg, der Giffords das Leben rettet, ist Mitglied im Pima Pistolen Club.

Im Oktober sprachen sich in einer Gallup-Umfrage nur 44 Prozent der Amerikaner dafür aus, den Verkauf von Schusswaffen strikter zu reglementieren. Die republikanische Politikerin Sharron Angle meinte, nicht die Waffen, sondern die Regierung Obama müsse unter Kontrolle gebracht werden.

Kurz vor der Beisetzung des jüngsten Opfers des Amoklaufs, der neunjährigen Christine Taylor Green, rang sich das Parlament von Arizona jetzt zu einem Verbot durch. Allerdings nicht von Waffen - sondern von Demonstrationen in der Nähe von Trauerfeiern.